Aus Maryland berichten Sebastian Fischer und Sandra Sperber (Video)
Der Mann auf der Bühne könnte der nächste Präsident sein. Ein paar gute Ideen hat er jedenfalls für seine Republikaner, um das Weiße Haus zu erobern. "Zu viele Leute haben den Eindruck, wir seien gegen Einwanderung, gegen Frauen, gegen Wissenschaft, gegen Schwule, gegen Arbeiter und und und", sagt er. Es dürfe kein "wir" und "die" geben, ruft der Mann: Die Republikaner sollten wieder die "Partei der Inklusion und Akzeptanz" werden.
Der Applaus ist mau.
Jetzt ist die Frau dran, der politische Popstar. "Wir sind nicht hier, um eine Partei wieder aufzubauen", lästert sie über den Mann: "Das ist nur Geräuschkulisse." Sie, die Hobby-Jägerin, sagt, dass die vom Präsidenten geforderten Background-Checks für Waffenkäufer Unfug seien: "Tolle Idee, Mr. President, wir sollten mal bei Ihnen anfangen." Schließlich holt sie einen riesigen Plastikbecher hervor - darauf steht: "Supergroßer Schluck" -, trinkt und witzelt über das linksliberale Ansinnen, die dickmachenden Süßgetränke nur noch in kleineren Mengen zu verkaufen.
Sie führt einen Kulturkampf um Partei, Waffen und Cola. Die Leute jubeln.
Der Mann ist Jeb Bush, Bruder des 43. und Sohn des 41. Präsidenten. Und die Frau ist, natürlich, Sarah Palin. Zwei Auftritte, zwei Welten auf der Conservative Political Action Conference (CPAC) in einem Hotelkomplex am Potomac vor den Toren der Hauptstadt. Es ist das große, alljährliche Treffen Tausender Konservativer aus dem ganzen Land, dominiert von der Tea-Party-Bewegung.
Als Romney am Freitag seinen CPAC-Auftritt hat, da wagt er nichts. Der 66-Jährige sagt stattdessen sorry: "Es tut mir leid, dass ich nicht euer Präsident geworden bin, aber ich werde bei euch mitarbeiten, Schulter an Schulter." Romney reiht sich ein, dafür zollen sie ihm Standing Ovations. Allzu zaghaft hatte er zuvor erwähnt, dass man doch künftig bitteschön die Ratschläge der republikanischen Gouverneure beachten solle; besonders von jenen, die strukturell demokratische Staaten regieren. In diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen von New Jerseys Regierungschef Chris Christie. Einen Republikaner, den die CPAC-Organisatoren nicht eingeladen haben, weil er nach ihrem Geschmack zu eng mit Obama kooperiert.
Die Partei ist gespalten, die Konservativen dominieren. Wer sich als potentieller Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur 2016 ins Spiel bringen will, der muss hier punkten. Schon jetzt. Neben Bush und Palin fallen die Jüngeren auf: Marco Rubio, der US-Senator aus Florida sowie Romneys Ex-Vizekandidat Paul Ryan. Vor allem aber ist da plötzlich Rand Paul, der radikalliberale US-Senator aus Kentucky und Held der Tea-Party-Bewegten, seitdem er im Senat 13 Stunden am Stück gegen Obamas Drohnenpolitik geredet hat. Paul gewinnt am Ende sogar den "Straw Poll" knapp vor Rubio, die Umfrage zum Favoriten der CPAC-Teilnehmer für 2016. (Sehen Sie hier die Kandidaten im Video)
Paul bindet mit seiner libertär-konservativen Agenda vor allem die Jüngeren, die in Scharen angereist sind. "Fragt mal die Facebook-Generation, ob wir einen Jugendlichen wegen Drogenkonsums ins Gefängnis stecken sollen. Ihr werdet ein Nein hören", rief der 50-Jährige seinen Parteifreunden zu. Die alte republikanische Partei sei "mit Moos überzogen". Paul meint damit die Partei der Moderaten, er meint Leute wie Bush. Palin hat ihn schon gelobt.
Zusehends verengt sich der konservative Kosmos. Angebliche Experten erörtern, warum ein Verbot der Wegwerf-Plastiktüte Menschenleben kosten könnte; die Parteijugend feiert eine Party mit "Obama-Zombies"; und die Waffenlobby NRA inszeniert sich als Opfer.
Ein Stockwerk tiefer blühen die Verschwörungstheorien, Abtreibungsgegner warnen vorm Jüngsten Gericht und Steve Michael verkauft original Barry-Goldwater-Anstecker. Ausgerechnet. Es war Präsidentschaftskandidat Goldwater, wegen dessen Rechtskurs und Faszination für Atombomben die Republikaner 1964 eine historische Niederlage kassierten. Hier aber ist Goldwater ein Held. "Er ist der Großvater unserer Tea-Party-Bewegung", sagt Michael. Das Goldwater-Konterfei prangt sogar auf dem Bühnenhintergrund.
Dort erklärt jetzt Ex-Präsidentschaftsbewerber Rick Santorum den Unterschied zwischen amerikanischer und französischer Revolution. Freiheit und Gleichheit zeichne beide aus, aber während die Amerikaner sich auf Gott berufen würden ("paternity"), hätten die Franzosen die Brüderlichkeit ("fraternity") gewählt, also auf "den Mob" gesetzt. Und deshalb sei das moderne Europa "eine gottlose Gesellschaft". Santorum macht Politik per kruder Geschichtsverdrehung, er warnt vor dem Drift in die Mitte. Und er meint: Bush und Co.
Der Kampf um die Partei hat begonnen.
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