Aus Charleston, South Carolina, berichtet Marc Pitzke
Er klingt wie einer, der seine Kandidatur aufs Neue erklärt. Er glaube an das "Versprechen Amerikas", an den "Amerikanischen Traum", sagt Rick Perry. "Ich liebe Amerika." Er steht in einem schmucklosen Konferenzsaal eines Hotels im Norden Charleston im US-Bundesstaat South Carolina. Perry trägt einen hellgrauen Anzug und ein Fliegerabzeichen am Revers. Seine Familie steht andächtig hinter ihm, ihn anhimmelnd.
Doch das Tableau täuscht. Rick Perry erneuert seine Kandidatur nicht. Im Gegenteil: Er nimmt sie zurück. Der Macho-Texaner steigt aus.
"Ich bin zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es in meinem Präsidentschaftswahlkampf keinen machbaren Weg nach vorne gibt", sagt er. Er werde seine Kandidatur "abbrechen" und statt dessen seinen Rivalen Newt Gingrich unterstützen - "ein strategischer Rückzug".
Und dann waren es nur noch vier.
Das Aus für den einstigen Überflieger Perry, der seit Wochen durch den Wahlkampf stolperte, kommt zwar nicht überraschend, versetzt die Partei aber nun erneut in heillose Aufregung. Zwei Tage vor der nächsten, womöglich entscheidenden Vorwahl in South Carolina sind die US-Republikaner so uneins wie noch nie. Der Südstaat, in dem einst der amerikanische Bürgerkrieg begann, wird seinem Ruf als Schlachtfeld mehr als gerecht.
Und Perrys Rückzug ist nicht die einzige Überraschung an diesem Donnerstag
Romney führt weiterhin - aber er ist angeschlagen
Auch für das Camp des Umfrage-Königs Mitt Romney gab es eine Hiobsbotschaft: Mehr als zwei Wochen waren in Iowa die Stimmen der Caucus-Vorwahlen vom 3. Januar nachgezählt worden, wo Romney zunächst mit gerade mal sechs Stimmen Vorsprung als Sieger ausgerufen worden war. Nach dem Recount liegt nun auf einmal Santorum vorne - aber auch nur mit 34 Stimmen Vorsprung.
Doch selbst das ist noch nicht spruchreif. Die Republikanische Partei Iowas veröffentlicht ein "endgültiges, beglaubigtes Stimmenergebnis" (Santorum: 29.839, Romney: 29.805), doch da fehlen weiterhin die Stimmen aus acht der 1766 Wahlkreise. Das schizophrene Ergebnis: Romney verliert die Siegerkrone - Santorum darf sie sich aber immer noch nicht aufsetzen.
Was den nicht stört: "Santorum siegt in Iowa", triumphiert sein Wahlkampfmanager Matt Beynon prompt - die angebliche "Unvermeidlichkeit" Romneys sei somit "zerstört". Santorum selbst mobilisierte seine Truppen via Twitter zum letzten Gefecht in diesem Sezessionsstaat, in dem 1861 die ersten Schüsse des Bürgerkriegs fielen: "Ich ermutige alle, sich unserem Kampf in South Carolina anzuschließen! Auf geht's!"
Santorum setzt auf martialische Video-Botschaften
Noch martialischer klingt das in Santorums jüngstem TV-Spot, der hier rund um die Uhr auf allen Kanälen läuft. "Rebellion" heißt der, ein Appell an South Carolinas aufständische Ader. "Wieder mal will das Establishment, dass wir uns anpassen und für einen handverlesenen, moderaten Hinterzimmer-Kandidaten stimmen", sagt ein Sprecher da, zu Bildern von Statisten, die wie Lemminge im Gleichschritt marschieren, unter düsteren Romney-Fotos. Dann erscheint Santorum, die Musik schwillt an, die Sepia-Tönung weicht der Farbe, und alles wird gut.
Hinzu kommt eine neue Debatte um Romneys Reichtum. Dass dessen Privatvermögen rund eine Viertelmilliarde Dollar beträgt, ist zwar lange bekannt. Doch sein Eingeständnis vom Montag, er zahle auf seine Einkünfte nur "wahrscheinlich nahe 15 Prozent" Steuern, sowie der unglückliche Nachsatz, seine Einnahmen aus Rede-Honoraren (374.328 Dollar allein in 2010) seien doch "nicht viel", gibt seinen Gegnern neue Munition.
Noch mehr Material dürfte sich in einem 200 Seiten fetten, internen Recherchepapier finden, das Romneys Ex-Parteirivale John McCain vor vier Jahren über ihn erstellen ließ. Darin sind akribisch alle Schwächen Romneys aufgelistet, von seinen Wischi-Waschi-Positionen bis zu seiner zwiespältigen Meinung über Ronald Reagan, den Heiligen der Republikaner.
Das saftige Dossier landet, siehe da, ebenfalls am Donnerstag im Internet, anonym lanciert.
Newt Gingrichs rachsüchtige Ex-Frau im TV-Interview
Auch Gingrich drischt in seinen TV-Spots auf Romney ein, prahlt mit seinem Debatten-Triumph vom Montag, als er mit rassistisch angehauchten Parolen das Publikum zu stehenden Ovationen hinriss. Perrys Flankenschutz bestätigt ihn darin nur noch: Auf einer Bürgerversammlung am Mittag zeigt er sich von dessen Unterstützung "sehr geehrt".
Doch nun, auch das noch an diesem Donnerstag, soll ein hochexplosives TV-Interview mit Gingrichs betrogener, rachsüchtiger Ex-Gattin Marianne ausgestrahlt werden. "Frau Nr. 2, falls Sie nicht mitgezählt haben", spottet der konservative Kolumnist David Frum.
Von der hatte sich Gingrich vor zwölf Jahren scheiden lassen. Unter dubiosen Umständen: Er teilte ihr das telefonisch mit, als sie gerade den Geburtstag ihrer Mutter feierte. Dabei gestand er ihr auch, dass er eine Affäre mit seiner 23 Jahre jüngeren Mitarbeiterin Callista Bisek habe - begonnen ausgerechnet zur gleichen Zeit, da er als Sprecher des US-Repräsentantenhauses versuchte, Präsident Bill Clinton wegen des Monica-Lewinsky-Skandals zu stürzen. Heute ist Bisek Gingrichs Ehefrau.
Jahrelang hat Marianne Gingrich geschwiegen. Jetzt sprach sie mit ABC News. Das Interview soll am Donnerstagabend ausgestrahlt werden, nach der Debatte. Doch ABC veröffentlicht erste pikante Ausschnitte schon am Vormittag.
"Ich sagte zu ihm: Wir sind doch so lange verheiratet", sagt Marianne Gingrich da. Sie sieht arg mitgenommen aus, mit tiefen Ringen unter den Augen. "Und er sagte, ja, aber du willst mich ganz für dich haben." Statt dessen habe Gingrich eine pauschale Erlaubnis zum Seitensprung gefordert: "Er bat mich, eine offene Ehe zu führen, aber das lehnte ich ab."
Ein Seitensprung-Swinger als idealer Kandidat, um die Christkonservativen zum Sieg zu führen?
Schon kippen Romneys Umfragewerte
"In diesem Wahlkampf ging es nie nur um einen Kandidaten", sagt Rick Perry zum Abschied. "Diese Mission ist größer als nur ein Mann." Um US-Präsident Obama im Herbst zu schlagen, müssten die Republikaner einen klaren "konservativen Führer" finden.
Eins steht dabei fest: Romney ist das immer noch nicht. Statt dessen konsolidiert und stärkt Perrys Ausstieg die Anti-Romney-Fraktion der Rechtskonservativen, die den Ex-Gouverneur aus Massachusetts zu liberal, zu lasch finden.
Schon kippen Romneys Umfragewerte in South Carolina, ist sein Vorsprung auf knapp zehn Prozent geschmolzen. Doch wer profitiert davon? Ron Paul? Gingrich? Santorum? So lange die sich gegenseitig bekriegen, könnte Romney noch ungeschoren davonkommen. Weshalb Perry jetzt klar Partei ergriffen hat.
All das mischt die Karten neu - wo manche das Spiel längst beendet sahen. Das Feld scheint plötzlich wieder weit offen, von einem klaren Einheitskandidaten, der sie eint und inspiriert, sind die Republikaner weiter entfernt denn je.
"Die nächsten 48 Stunden", prophezeit NBC- Legende Tom Brokaw, der altgediente Wahlkampfbeobachter, "werden Rock 'n' Roll."
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