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US-Republikaner: McCains Vize mischt den Wahlkampf auf

Aus Denver berichtet

Dramatische Wendung im US-Wahlkampf: Amerikas Politikszene ist aufgebracht wegen McCains Entscheidung, Alaskas Gouverneurin Sarah Palin zu seiner Vizekandidatin zu machen. Die einen halten es für einen genialen Coup - die anderen für einen fatalen Fehler.

Es dauert nicht mal 24 Stunden, bis sich der Skandal herumgesprochen hat. Noch bevor John McCain seine Kandidatin für das Amt des US-Vizepräsidenten bekanntgegeben hat, beginnen die Reporter bereits nach Flecken auf der weißen Weste von Alaskas junger Gouverneurin Sarah Palin zu suchen. Und sie werden prompt fündig.

Denn Palin, 44, steht im Mittelpunkt eines pikanten Verfahrens, das ihre eigene Regierung kürzlich gegen sie eingeleitet hat. Die Geschichte könnte einer Seifenoper entstammen. Es geht um Palins Ex-Schwager Mike Wooten, der in einen Sorgerechtsstreit mit Palins Schwester Molly McCann verwickelt ist. Palin soll versucht haben, Wootens Entlassung zu erzwingen. Und als ihr das nicht gelungen sei, soll sie stattdessen Wootens Chef Walt Monegan gefeuert haben.

McCain und sein Team waren sich der Affäre natürlich bewusst, als sie Palin aus einer langen Liste von Aspiranten auswählten - zum ersten Mal überhaupt, dass die Republikaner eine Frau aufs Präsidententicket bitten. Sie glauben offenbar jedoch, dass die Vorzüge der Gouverneurin überwiegen.

"Wenn ihr sie kennenlernt, werdet ihr so beeindruckt sein wie ich", sagte McCain am Freitag, als er Palin öffentlich vorstellte, an seinem 72. Geburtstag und nicht durch Zufall im umkämpften Wechselwählerstaat Ohio.

Die Benennung von Palin schockierte viele. Seit knapp zwei Jahren ist sie Gouverneurin, davor war sie Bürgermeisterin von Wasilla, einer 5500-Seelen-Vorstadt von Anchorage. Und sie mischt das Rennen nun völlig neu auf. McCain hat eine überraschende Entscheidung getroffen, nur Tage vor dem Republikaner-Wahlparteitag in St. Paul.

Die Kommentatoren wussten lange nicht, auf welches Attribut Palins sie sich zuerst stürzen sollten. Eine Frau! Eine christlich-konservative Abtreibungsgegnerin mit Waffenschein! Eine politische Novizin, die selbst McCain vorher nur einmal kurz persönlich getroffen hatte!

Dass McCain sich im Wahlkampf eine Frau zur Seite nimmt, ist ein durchsichtiger Trick: Er will die abtrünnigen Anhänger Hillary Clintons ködern, die sich bis heute nicht mit Obama anfreunden können - trotz des Zuspruchs der beiden Clintons auf dem Parteitag von Denver.

Das wurde schon mit einem der ersten Sätze deutlich, den Palin am Freitag vor Tausenden McCain-Fans mit zitternder Stimme ins Mikrofon sprach: Clinton habe "solche Entschlusskraft und Anmut in ihrem Präsidentschaftswahlkampf gezeigt". Das passte perfekt zu dem neuen Ton bei den Republikanern: Einst hatten sie Clinton verteufelt - und nun, da sie auf 18 Millionen Wähler scharf sind, loben sie die einstige Präsidentschaftsbewerberin.

Anfangs war Palin den meisten so unbekannt, dass sie hier binnen Stunden zum populärsten Google-Suchbegriff wurde. Selbst die Senatorin Kay Bailey Hutchinson musste verlegen passen: "Ich weiß nicht viel über sie."

In einer ersten Erklärung mokierte sich Obama-Sprecher Bill Burton dann darüber, Palins habe "null außenpolitische Erfahrung". Obama selbst und sein Vize Joe Biden relativierten später: Palins Benennung sei "ein weiteres, ermutigendes Zeichen, dass in unserer Politik alte Schranken fallen".

Je mehr aber über Palin bekannt wurde, umso schärfer kristallisierten sich die Lager heraus. Die einen halten die Entscheidung bei allem kalkulierten Risiko für einen genialen Einfall, mit dem McCain die Wahl für sich entschieden habe. Die anderen, etwa Ex-Präsidentenberater David Gergen, sehen sie als riskantes Spiel - wenn nicht als einen verhängnisvollen Fehler, der McCain die November-Wahl kosten werde.

Am heißesten diskutiert wird Palins politische Unreife. Als Vizepräsidentin wäre sie "nur einen Herzschlag" vom Oval Office entfernt, wie es hier heißt - und vom Atomknopf. "Meine Tochter hat mehr Erfahrung als diese Frau", lästerte Demokraten-Stratege James Carville.

So kam es am Freitag zu bizarren Debatten. Da pries das McCain-Team Palin als Alleskönnerin: "Sie hat als Gouverneurin unglaubliche Sachen geleistet", tönte McCains politischer Direktor Michael Duhaime, als sei Palin eine lebende Legende. Im gleichen Atemzug warfen sie Obama mangelnde Erfahrung vor, weil er nicht mal seit vier Jahren im Senat sitze.

Die Demokraten stellten das Erfahrungsargument derweil einfach auf den Kopf: Palin - Grünschnabel. Obama - Tausendsassa. Am Ende dürften sich beide Seiten gegenseitig aushebeln und diese leidige Frage, so räumte selbst ein McCain-Berater am Freitag zu, als Wahlkampfargument "vom Tisch sein".

Die Republikaner, über den Gang der Dinge genauso verblüfft wie alle anderen, einigten sich schnell auf eine Sprachregelung zu Palin. Demnach wird die frühere Schönheitskönigin nun in fast identischen Lobeshymnen zur konservativen Urmutter verklärt: Abtreibungsgegnerin, Mitglied der Waffenlobby NRA, Kommandeurin der Nationalgarde von Alaska, Mutter eines 19-Jährigen, der nächsten Monat als Infanterist in den Irak ziehen soll.

Und bei alldem ist sie doch zugänglich - eine Frau, wie sie Middle America liebt: brettert per Snowmobile durchs Land, jagt, fischt, schießt, fliegt ein Wasserflugzeug und mag Elchburger. "Sie zieht los und killt ein Karibu und häutet es und brät es zum Abendessen", sagte die konservative CNN-Kommentatorin Amy Holmes, als seien dies die besten Qualifikationen für das fragliche Amt.

Auch die stramme Parteibasis, die mit McCain bisher so ihre Probleme hatte, gibt sich begeistert. Tony Perkins, der Präsident der konservativen Lobbygruppe Family Research Council, vermeldete aufgrund Palins Eintritt ins Rennen "großen Enthusiasmus" an der Basis und wittert "einen Umschwung des Wahlkampfes".

McCain preist Palin als Reformerin - obwohl sie sich als solche kaum über Alaska hinaus profiliert hat und auch er sie kaum kannte. "Sarah Barracuda" nannten sie sie in der Highschool. "Sie bezieht Stellung für das, was richtig ist", sagte McCain, "und lässt sich von keinem sagen, dass sie sich setzen soll."

Dieses Image, das sich natürlich jede arbeitende Mutter anhängen könnte, dürften die Republikaner auf ihrem Parteitag nächste Woche verbreiten und Palin dort als Bannerträgerin des Wandels inszenieren - auch um damit Obamas Top-Slogan vom "Change" zu klauen.

Doch das ist natürlich nur eine Seite der Dame, die der TV-Komikerin Tina Fey zum Verwechseln ähnlich sieht. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich Palin als erzkonservativ, vor allem in sozialen Fragen.

So ist sie nicht einfach nur gegen Abtreibung. Sondern gegen Abtreibung auch im Fall von Vergewaltigung oder Inzest. Oder - wie sich bei ihrem eigenen, im April geborenen Sohn Trig zeigte - bei einer schon im Embryonenstadium erkannten Behinderung des Kindes. Trig, so hatten Gentests bereits früh ergeben, leidet am Down-Syndrom. Palin brachte ihn trotzdem zur Welt - und hielt ihn gestern auf dem Arm.

Es war ein erster Vorgeschmack darauf, wie zynisch sich auch die Republikaner nächste Woche für die Wähler in Szene setzen werden. Wer nach dem Erfolg von Denver glaubte, die Demokraten hätten das politische Showbusiness gepachtet, wird sich ab Montag wundern: Bei der Inszenierung von Gefühlen war die andere Seite immer schon besser.

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