US-Republikaner: Obamas Gegner starten die Kandidatenschlacht

Aus Des Moines berichtet

US-Präsident Obama kämpft mit Krisen und miesen Umfragewerten - jetzt bringen sich seine Widersacher in Stellung: In einer TV-Debatte lieferten sie sich eine heftige Redeschlacht. Vor allem Tea-Party-Vertreterin Michele Bachmann attackierte ihre Rivalen mit messerscharfen Angriffen.

US-Republikaner: Wüster Vorwahlkampf mit Dame Fotos
REUTERS

Sie ist verblüffend zierlich für eine Frau, die so laut ist wie sie, seit Monaten die Schlagzeilen beherrscht und die politische Debatte prägt. Nicht mal 1,60 Meter, filigran, mit einem überherzlichen Strahlelächeln: Kann eine so nette Frau wirklich so bitterböse sein?

Ja, sie kann, auch an diesem Abend in Ames im Herzen Iowas, das sich wiederum tief im Herzen der US-Wahlnation verwurzelt glaubt. Acht republikanische Präsidentschaftsaspiranten sind zur traditionellen TV-Fernsehdebatte angerückt, um sich aneinander zu messen und zu reiben im ersten Vorwahlstaat Amerikas. Sieben Männer, eine Frau - Michele Bachmann.

Bachmann, die Tea-Party-Queen, immer für eine flotte Bemerkung und eine forsche Halbwahrheit gut, ob über Schwule oder Schulden, Obama oder Osama. "Newsweek" hat sie deshalb sogar aufs Cover dieser Woche gesetzt, allein das tendenziöse, journalistisch fragwürdige Foto sorgt für Wirbel: Mit glasigen, starren, fast irren Augen grinst Bachmann da in die Kamera. "Crazy Eyes" nennen sie sie nun.

Doch irre scheint sie am Donnerstagabend gar nicht, im Gegenteil. Einen Kopf kleiner als ihre Parteirivalen ist sie, und als sie vor Beginn der Live-Sendung auf die Bühne tritt, wirkt sie zunächst wie ein verlorenes Kind in dieser Altherrenrunde, trotz ihres silbernen, rüstungsartigen Kostüms. Der Eindruck täuscht: Als schließlich alle hinter ihren Pulten stehen, ist Bachmann auf einer Augenhöhe mit den anderen - dank einer schmalen, unsichtbaren Holzkiste.

Aber nicht nur deswegen. Sie weiß sich zu inszenieren, nichts ist ihr zu billig, um sich zu profilieren im bisher so müden, faden Feld. Bachmanns Lächeln erkaltet denn auch schnell, als sie austeilt und vor allem auf Tim Pawlenty eindrischt, den farblosen Ex-Gouverneur ihres Heimatstaats Minnesota, für den es hier um alles geht. Der, bellt sie also, klinge ja "sehr wie Barack Obama, wenn Sie mich fragen". Pawlenty schüttelt nur den Kopf: "Bitte hören Sie auf, Sie machen uns noch ganz fertig!"

Alle gegen alle

Und das ist dann wohl auch das Motto dieses Abends, wo das sonst so abgedroschene Forum der TV-Debatte unerwartet zum Republikaner-Gemetzel wird. Bachmann geht auf Pawlenty los, Pawlenty auf Bachmann, John Huntsman auf Rick Santorum und Newt Gingrich, unklugerweise, auf Fox-News-Moderater Chris Wallace. Nur Mitt Romney, der Fast-Sieger der Vorwahlen von 2008, versucht hölzern, über dem Gequengel zu stehen, und schießt sich als Einziger konsequent auf US-Präsident Barack Obama ein. Alle gegen alle, einer gegen einen.

Wer hätte das gedacht: Die Republikaner leben. Nach Monaten des Jammerspiels bieten sie sich nun ein Sperrfeuer aus Tiefschlägen, Bonmots und schlagzeilenträchtiger Polemik. Die offen zutage tretende Animosität zeigt: Jetzt geht der Kampf erst richtig los. Zumal die beiden gefährlichsten Parteigegner weiter hinter den Kulissen lauern: Sarah Palin, die an diesem Freitag mit ihrem Megabus anrollen wird, und der texanische Gouverneur Rick Perry, der seine Kandidatur am Samstag erklären will.

Schon jetzt attackieren sie, als werde in diesen heißen Tagen schon die Wahl 2012 entschieden. Sie debattieren. Sie klingeln an Haustüren. Sie stürmen die Iowa State Fair, jene staubig-stickige Landwirtschaftsmesse, deren größter Stolz eine lebensgroße Kuhskulptur aus ranziger Butter ist, "genug für 19.200 Scheiben Toast". Am Samstag dann folgt die krönende "Straw Poll", eine legendäre Testabstimmung, die ebenso folkloristisch wie gezinkt ist - die Bewerber karren ihre quasi-bezahlten Fans per Bus an.

"Ich werde Obamas Hundefutter nicht essen"

Trotzdem kann Iowa schon jetzt den Ruf eines Kandidaten ruinieren, allein wegen der massiven Medienpräsenz. Also geben sie bei der Debatte wacker ihr Ganzes - ein amüsantes wie beklemmendes Spektakel, das differenzierte Inhalte meidet und stattdessen auf platte Schockparolen setzt, um die Wähler noch tiefer in ihre Krisenstimmung hineinzureden.

"Dies ist eine sehr beunruhigende Zeit für Amerikaner", gibt Co-Moderator Bret Baier die Stoßrichtung vor, auch er arbeitet für Fox News. Trotzdem offenbart sich der konservative TV-Sender, der die Debatte sponsort, dann als unerwarteter Gegenpol für die Kandidaten: Die Fragen sind hart, schlau, frech. Es sind die Antworten, die zu wünschen übriglassen.

Gingrich, dessen Wahlkampfteam neulich fast komplett gekündigt hat, beschwert sich über "Fangfragen". Tim Pawlenty, den nur wenige kennen, verspricht: "Ich koche Ihnen das Abendessen." Rick Santorum, der so gerne laut poltert, kommt kaum zu Wort. Jon Huntsman, der Späteinsteiger mit der Silbertolle, verblasst.

Herman Cain, der mit Fast-Food-Pizzas Millionen machte, wettert gegen die Einführung von "Scharia-Gesetzen" - unter lautem Jubel, offenbar ist das eine große Sorge hier in Iowa. Romney, der nicht nur in puncto Wahlspenden der Favorit ist, versteigt sich zu unglücklichen Witzen: "Ich werde Barack Obamas Hundefutter nicht essen." Und Dauer-Underdog Ron Paul schrumpft zum tattrigen, kauzigen Greis - wenn auch weiter mit der lautstärksten Fangemeinde.

Schockparolen, Buhrufe und ein Gruß an den Gatten

Überhaupt sind die Saalzuschauer in Ames ausgesprochen rauflustig, sie grölen und jubeln und buhen Bret Baier sogar aus, als er es wagt, Bachmann nach ihrer alten Behauptung zu fragen, eine Frau müsse ihrem Gatten "unterwürfig" sein. Bachmann widerspricht dem Credo nicht: "Ich respektiere meinen Ehemann, er ist ein wunderbarer, gottesfürchtiger Mann."

Sie bleibt hart, sie hält an ihren Prinzipien fest, auch wenn diese auf Außenstehende noch so absurd scheinen mögen. "Wir hätten die Schuldenobergrenze nicht erhöhen dürfen", sagt sie - eine haarsträubende Behauptung, die selbst vielen Republikanern zu extrem ist. Auch sonst wirft sie oft mit fiktiven Zahlen um sich, verzerrt und verfälscht Realitäten. Fakten sind nun mal nicht ihre Stärke, auch nicht die der anderen auf der Bühne. Doch wen stört das.

Bachmann bedient die Basis, denn nur darum geht es ja in Iowa. Also verteufelt sie die Abtreibung, wettert gegen Schwule, verdammt das jüngste US-Sparpaket als "Blankoscheck über 2,4 Billionen Dollar". Und präsentiert Iowa als ihren "Heimatstaat", selbst wenn sie den Großteil ihrer Kindheit anderswo verbracht hat.

Die Frau vom Lande reist im "Barbie-Jet"

Ihre Fans stören solche Unstimmigkeiten nicht. "Die Alten, die Arbeitslosen, die Verzweifelten und sogar ein paar desillusionierte Demokraten füllen ihre Veranstaltungen und bejubeln ihre Wir-haben-die-Nase-voll-Masche, obwohl sie einige ihrer Widersprüche erkennen", staunte der "New Yorker". So macht sie ja auch stets einen auf einfache Frau vom Lande, fliegt aber im geleasten Luxusjet der Marke Dassault Falcon 90 durch die Vorwahl-Landschaft - ihr "Barbie-Jet", so kokettiert sie.

Durch diese Sinnbrüche schimmert oft auch Bachmanns christlich-erzkonservative Ideologie durch. Von der sieht sie sich schließlich getrieben, wie sie einmal sagte, seit "der Heilige Geist an die Tür meines Herzens zu klopfen begann" und sie ihm dann geantwortet habe - "am 1. November 1972", genau genommen.

Am Donnerstagabend aber hält sie ihre radikalsten Ansichten verborgen. Zum Beispiel, dass es Homosexuelle nur auf Kinder abgesehen hätten. Oder dass die Evolution ein säkularer Mythos sei. Oder dass die Sklaverei so schlecht gar nicht gewesen sei. Oder dass die US-Regierung auf eine Tyrannei hinarbeite.

Das sind Parolen, die bei der Tea-Party-Bewegung vielleicht ankommen, aber nicht bei den moderateren Republikanern Iowas. Zumal die Tea Party, dank des Schuldendramas in Washington, in den jüngsten Umfragen kräftig eingebüßt hat.

So bleibt am Ende der zwei Debattenstunden kein Kandidat als neuer Sieger stehen. Romney ist weiter Spitzenreiter ohne Profil, Bachmann die Feurige, Gingrich der Verquaste, Pawlenty der Unbekannte, Huntsman der Farblose, Paul der Spleenige, Santorum das Schlusslicht.

Der Einzige, der gewonnen hat, ist gar nicht da: Texas-Gouverneur Rick Perry, dessen Einstieg in den Wahlkampf am Samstag alles wieder neu aufwirbeln dürfte. Er will seine Kandidatur in South Carolina verkünden - 2000 Kilometer von Iowa entfernt.

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insgesamt 264 Beiträge
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1. Redeschlachten
Hubert Rudnick 12.08.2011
Zitat von sysopUS-Präsident Obama kämpft mit Krisen und miesen Umfragewerten - jetzt bringen sich seine Widersacher in Stellung: In einer TV-Debatte lieferten sie sich eine heftige Redeschlacht. Vor allem Tea-Party-Vertreterin Michele Bachmann attackierte ihre Rivalen mit messerscharfen Angriffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,779809,00.html
Ja toll, politische Redeschlachten können sie alle bringen, aber sich um die Menschern bemühen und dementsprechend eine Politik zu gestalten können sie leider nicht.
2. Oh Gott !
peterhausdoerfer 12.08.2011
Bachmann erinnert mich an die Figur Greg Stillson aus dem Roman The Dead Zone von Stephen King.
3. Gnade uns Gott
durchblick 12.08.2011
Zitat von sysopUS-Präsident Obama kämpft mit Krisen und miesen Umfragewerten - jetzt bringen sich seine Widersacher in Stellung: In einer TV-Debatte lieferten sie sich eine heftige Redeschlacht. Vor allem Tea-Party-Vertreterin Michele Bachmann attackierte ihre Rivalen mit messerscharfen Angriffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,779809,00.html
Gnade uns Gott wenn der/die Vertreter der Tea Party dran kommt. Die werden GWB wie einen Messdiener aussehen lassen. Dann geht es richtig zur Sache. Iran, China, Taiwan.... dann rumst es mal wieder richtig.
4. 2 Dinge fallen mir beim Lesen des Artikels ein
Bembel137 12.08.2011
1) Stephen Colbert hat in seiner Show ein Wort für kreiert, welches dem Autor / der Autorin wohl nicht geläufig war: Truthiness ... kann man bei Wikipedia nachschauen 2) Was um Gottes Willen passiert bloß, falls tatsächlich eine Bachman oder ein Rick Perry (der letztes Wochenende in einem Stadium Tausende hat beten lassen, dass die Finanzkrise beendet werden möge) Präsident werden? In Hollywood-Filmen kann uns dann nur noch Bruce Willis retten!
5. Tea Party
☺☺☺ 12.08.2011
Ich glaube wenn einer der Tea Party Spinner Präsident wird kann man die USA schuldentechnisch ein für allemal abschreiben.
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Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur: Republikanische Rivalen

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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