US-Republikaner Palin und das Prinzip Barrakuda

Sie ist die perfekte Teflon-Politikerin, nichts bleibt an ihr kleben. Sie verdient als TV-Kommentatorin und Rednerin Millionen mit Attacken auf Barack Obama. Trifft Sarah Palin mit einer Reise nach Iowa nun die Vorbereitungen für eine eigene Präsidentschaftskandidatur?

Von , Washington

AP

In der Schule war Sarah Palins Spitzname "Barrakuda", weil sie so aggressiv auf dem Basketballfeld agierte. Der tropische Raubfisch liegt oft lange auf der Lauer, dann schnappt er blitzschnell zu.

Dem Prinzip ist Palin treu geblieben.

Die Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin lebt mit ihrer Familie eigentlich zurückgezogen in Alaska, wo sie ihr Haus gerade um ein mehr als 500 Quadratmeter großes schlossartiges Anwesen erweitert. Ein Hangar für das Sportflugzeug ihres Mannes ist geplant, auch ein eigenes Fernsehstudio.

Es ist nicht leicht, an sie heranzukommen. Als sich ein Reporter im Haus nebenan für ein Buchprojekt einzunisten versuchte, startete Palin eine Online-Kampagne gegen diese Invasion in ihre Privatsphäre. Binnen 24 Stunden erhielt der Autor Tausende Protest-Mails. Ein "Vanity Fair"-Reporter reiste ihr monatelang nach und publizierte schließlich ein ausführliches Porträt. Doch O-Töne von ihr oder Zitate ihrer Vertrauten sind darin nicht zu finden.

Der Journalist resümiert: "Sie ist und bleibt ein versiegeltes Buch. Gleichzeitig sorgt sie ständig für Aufregung."

Denn für Attacken sucht Palin gezielt die Öffentlichkeit. Der rechte TV-Sender Fox News hat die Republikanerin als politische Kommentatorin eingestellt, und sie versteht sich in dieser Rolle als Obama-Chefkritikerin. Ihren mehr als zwei Millionen Facebook-Anhängern berichtet sie gerne vom Kampf gegen die "Ketten", die Konservativen angelegt würden. Oder sie schäumt über Washington: "Die Beliebtheitswerte des Kongresses liegen bei nur elf Prozent, weil Politiker den Willen der Menschen unterdrücken, unsere Staatsverschuldung explodieren lassen und weiter rücksichtslos Geld ausgeben - während sie hoffen, dass wir einfach dasitzen und zu ihrer sinnlosen Agenda schweigen."

Auf Twitter lobt sie die radikalen Tea-Party-Aktivisten, die permanent gegen die Regierung agitieren, als "wichtigste Bürgerbewegung seit der Reagan-Revolution". Vor deren Anhängern spricht sie auch gerne, für hohe Honorare - da werden dann schon einmal 100.000 Dollar für die Palin-Show fällig.

Trends per Facebook

Palin, die früher einmal als TV-Sportreporterin arbeitete, ist für Amerikas Politik geworden, was Stars wie Madonna einst für die globale Popszene waren - mit einem Facebook-Eintrag kann sie Trends setzen. Als die Ex-Gouverneurin behauptete, im Zuge der großen Gesundheitsreform würden Komitees über Leben und Tod kranker Patienten bestimmen, wäre Obamas Vorhaben fast daran gescheitert. Wenn sie bei Vorwahlen der Republikaner einen Kandidaten empfiehlt, kann das die Abstimmung entscheiden.

Viele Experten glauben, Palin könnte sich bald gar selbst empfehlen. Am Freitag wird sie beim Ronald-Reagan-Dinner der örtlichen Republikaner in Iowa die Hauptrede halten. In dem kleinen Agrarstaat findet die erste Vorwahl der Präsidentschaftswahl 2012 statt, das Treffen gilt als Auftakt im Bewerbungsreigen denkbarer Kandidaten. "Kein Politiker reist ohne Grund nach Iowa", sagt Kolumnist Chris Calizza von der "Washington Post".

Schon gar nicht Palin. Sie hat bereits erklärt, das "Opfer" einer Präsidentschaftskandidatur auf sich zu nehmen, wenn sie damit ihrem Land dienen könne.

Doch wurde sie dafür nicht zu sehr im vorigen Wahlkampf bloßgestellt? Damals musste sie sich offen verspotten lassen, als sie etwa ihre außenpolitische Kompetenz damit begründete, man könne Russland von Alaska aus sehen. Mehr als zwei Drittel der Amerikaner halten sie laut einer Umfrage nicht für das höchste Amt im Land geeignet.

Auch der "Vanity Fair"-Artikel zeigte sie in denkbar schlechtem Licht. Die vermeintliche Kämpferin für kleine Leute verweigere im Restaurant das Trinkgeld - in Amerika unerhört. Sie zoffe sich mit ihrem Ehemann, bis die Haushaltsgegenstände fliegen. Sie lüge über ihre vermeintliche Jagdleidenschaft genauso wie ihre Religiosität - so sehr, dass ihre eigenen Kinder ihr angeblich Heuchelei vorwarfen.

Eigentlich wären derartige Vorwürfe - selbst wenn sie sich auf anonyme Quellen stützen - das Todesurteil für einen ambitionierten Politiker. Aber nicht bei Palin. "Keine Berichterstattung scheint ihr schaden zu können", staunt das US-Magazin "Newsweek". "Ihre Anhänger beschützen sie wie eine Löwin ihre Jungen."

Palin ist eine Teflon-Politikerin geworden. Nichts bleibt kleben. In Umfragen, wer der nächste republikanische Präsidentschaftskandidat werden könnte, steht sie gut da.

Die Millionärin gibt sich volksnah

Auch weil sie aus Schwächen eine Tugend macht. Seit sie schlimm verspottet wurde, weil sie für einem TV-Auftritt Stichworte auf ihrer Hand notierte, übt sie sich in selbstironischer Vorneverteidigung: Das sei eben der Teleprompter für Arme. Es ist gleichzeitig ein Seitenhieb auf Präsident Obama, der gerne echte Teleprompter einsetzt. Sie gibt sich volksnah, obwohl sie seit ihrem Rücktritt als Gouverneurin im Juli 2009 rund 13 Millionen Dollar an Honoraren eingestrichen haben soll und meist im Privatjet reist.

"Die Regierung Obama", ruft sie ihren Anhängern zu, "schaut auf uns herab, weil wir im Herzen Amerikas leben. Dabei sind wir ganz schön schlau." Solche Sätze sorgen stets für Jubel.

Wer gedacht hatte, Palin werde ihre Schwächen angehen, sich bilden und reisen, der hat sich getäuscht. Eigentlich tut sie genau das Gegenteil. Sie beschränkt sich auf ihren Show-Appeal.

Manche Strategen im Lager Obamas wünschen sich daher gerade eine Präsidentschaftskandidatur Palins - dann würden ihre Defizite wieder ins Blickfeld rücken, hoffen sie. Andere Beobachter beharren, es gehe ihr gar nicht so sehr um eine Kandidatur - sie wolle eigentlich nur in den Schlagzeilen bleiben und ihren Marktwert als Rednerin und Kommentatorin wahren oder gar mehren.

Doch die Zeit könnte für Palin arbeiten. Obamas Mitarbeiter im Weißen Haus gelten zwar alle als sehr klug, aber eine überzeugende Antwort auf Amerikas Krise haben sie nach Meinung vieler Amerikaner nicht gefunden. Intellektuell zu sein ist wieder verdächtig geworden in den US-Debatten. Zu viel Wissen kann auch schaden.

Ein ehemaliger Mitbewerber um das Gouverneursamt in Alaska erinnert sich in "Vanity Fair" daran, wie Palin zu ihm sagte: "Ich sehe, wie du bei diesen Debatten Zahlen und Fakten abspulst ohne Notizen zu haben, wenn dir eine Frage gestellt wird. Das verblüfft mich. Aber dann schaue ich ins Publikum und frage mich: Spielt das eigentlich irgendeine Rolle?"

Palin wird wohl lieber ihrem Prinzip Barrakuda treu bleiben.

Mit einer Ausnahme: Meeresbiologen wissen, dass die Raubfische nur einmal angreifen. Wenn sie ihr Opfer nicht sofort erledigt haben, schwimmen sie fort. Den Gefallen, so viel steht fest, wird Sarah Palin ihren Gegnern nicht tun.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
DerDa, 14.09.2010
1. ja
Palin als Präsidentschaftskandidatin wäre der feuchte Traum der Demokraten, denn die zweite Amtszeit von Obama wäre absolut sicher. Die Frau ist laut und dumm, und ausserhalb der TeaParty Bewegung einfach nicht mehrheitsfähig. Zumal die Republikaner sich programmatisch im rechten Niemandsland bewegen, was auch dem tumbesten Ami klar werden sollte, sobald die GOP das Repräsentantenhaus im Herbst bekommen. Dann haben sie zwei Jahre Zeit ihre waren Farben zu zeigen, von wegen "tax cuts for the job creators". Naja, das ist zumindest meine Hoffnung, aber vielleicht haben die USA ja ihre Erfahrungen mit dem letzten, sowohl intellektuell, als auch moralisch minderbemittelten George Double-Ju vergessen. Wenn dem so ist, dann haben sie Palin verdient, auch wenn es mir im Herzen weh tut, was diese an sich grossartige Nation sich damit antut.
snickerman 14.09.2010
2. Der Satz des Tages
aus dem Artikel: "Ein ehemaliger Mitbewerber um das Gouverneursamt in Alaska erinnert sich in "Vanity Fair" daran, wie Palin zu ihm sagte: "Ich sehe, wie du bei diesen Debatten Zahlen und Fakten abspulst ohne Notizen zu haben, wenn Dir eine Frage gestellt wird. Das verblüfft mich. Aber dann schaue ich ins Publikum und frage mich: Spielt das eigentlich irgendeine Rolle?"" Stimmt, Deppen kann man alles erzählen, da würde Fachwissen nur verwirren... Wer Amerika so richtig abgrundtief hasst, der muss sich wünschen, dass Palin und Tea-Bagger an die Macht kommen! Und ich habe gerade entsetzliche Alpträume von Kanzlerdarstellerkandidantin Verona Pooth: "Bei mir wird Deutschland geholfen!"
DJ Doena 14.09.2010
3. Bigotterie
Zitat von sysopSarah Palin ist die perfekte Teflon-Politikerin, nichts bleibt an ihr kleben. Sie verdient als TV-Kommentatorin und Rednerin Millionen mit Attacken auf Barack Obama. Trifft sie mit einer Reise nach Iowa nun die Vorbereitungen für eine eigene Präsidentschaftskandidatur? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717317,00.html
Das ist doch ein typisches Merkmal von US-Republikanern und konservativen Politikern im Allgemeinen. Die kleinste Verfehlung des politischen Gegners wird zum Megaskandal aufgebauscht, der bis zum Impeachment führen kann, aber die eigenen Schweinereien sind in dem Moment vergessen, wo man "sorry, ich wollte niemandem wehtun" gesagt hat.
Emil Peisker 14.09.2010
4. in der Folge die Quacksalberin komplett entlarven...
Zitat von sysopSarah Palin ist die perfekte Teflon-Politikerin, nichts bleibt an ihr kleben. Sie verdient als TV-Kommentatorin und Rednerin Millionen mit Attacken auf Barack Obama. Trifft sie mit einer Reise nach Iowa nun die Vorbereitungen für eine eigene Präsidentschaftskandidatur? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717317,00.html
Nein, ich glaube, dass sie sich der Mehrung ihres Vermögens verschrieben hat. Da sie noch 2 Jahre Zeit hat, bis zu den Wahlen, wird sie noch zwanzig bis dreißig Millionen Dollar verdienen. Sollte Obama wiedergewählt werden, wäre ihre Einnahmquelle für vier weitere Jahre gesichert. Eine Kandidatur würde unter Umständen zur Präsidentschaft führen, und in der Folge die Quacksalberin komplett entlarven. Und Ende mit den hochbezahlten Vorträgen.:-)
Ylex 14.09.2010
5. Verkünderin eines neuen US-Mittalters
Wie keine andere ist Sara Palin für mich die Personifizierung meines Amerikabildes, von dem ich manchmal glaubte, es wäre zu sehr mit Vorurteilen behaftet. Diese dümmliche, schreihalsig aggressive 'Femme brutale' lässt sich für Geld als Verkünderin eines neuen US-Mittalters bejubeln und findet sich ganz, ganz toll dabei. Kein Wunder, auch kein Wunder, dass sich viele Amis von dieser Quasselschnepfe vereinnahmen lassen. Obama ist auf dem absteigenden Ast, vielleicht kann er sich nicht halten. Wieder einmal bestätigt sich, dass die Vereinigten Staaten überhaupt nicht dazu geeignet sind, die Welt in eine bessere Zukunft zu führen.
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