Von Sebastian Fischer, Washington
Es muss ein Zeichen Gottes gewesen sein. Was sonst? Rick Santorum hat schließlich die Vorwahlen von Missouri, Minnesota und Colorado gewonnen. Am selben Tag, drei auf einen Streich. "Ich danke Gott", sagt also Santorum, "für die Gnade, die harten Tage überstanden zu haben." Schon im Januar hatte das höhere Wesen dem Kandidaten Santorum im Zusammenspiel mit den Republikanern des Mais-und-Kartoffel-Staats Iowa einen Überraschungssieg beschert; dann aber ein paar Wochen lang nichts mehr von sich hören lassen. Die harten Tage.
Und jetzt das Comeback des Sozialkonservativen. Das sei nicht einfach ein Sieg für ihn selbst gewesen, sagt Santorum: "Das war ein Sieg für die Konservativen und die Leute von der Tea Party, die da draußen jeden Tag im Weinberg für die konservative Bewegung im Land arbeiten."
Gottesfurcht, Bibel-Anspielungen, Schmeicheleien für Rechtsaußen: Ist Rick Santorum damit nun der Einheitskandidat der Tea Party, der Konservativen und Evangelikalen? Der lange gesuchte Gegenspieler des moderaten Spitzenreiters Mitt Romney? Also der Anti-Romney?
Klar ist: Der siebenfache Vater und "Jesus-Kandidat" (O-Ton Santorum) passt plötzlich in die Zeit, seine Themen erleben eine Renaissance. Die religiöse Rechte macht Stimmung gegen Abtreibung und sogar Verhütung. Ein Beispiel ist ihr Kampf gegen "Planned Parenthood", der in den letzten Tagen für Aufregung sorgte: Diese Organisation bietet vornehmlich Krebsvorsorge für Frauen an, nimmt aber auch Schwangerschaftsabbrüche vor. Auf Druck einiger Republikaner stoppte eine bedeutende US-Krebsstiftung zwischenzeitlich die Zahlungen an "Planned Parenthood", zuckte aber aufgrund massiven öffentlichen Drucks wieder zurück.
Gegen Schwule. Gegen Abtreibung. Gegen Verhütung.
Es ist paradox. Überall wittern die Rechtsaußen Bedrohungen für eine Welt, die es seit den fünfziger Jahren längst nicht mehr gibt. Präsident Barack Obama, der ihnen wahlweise als Sozialist oder Muslim gilt, führe einen "Krieg gegen die Religion" (Santorum); den Evangelikalen gilt Homosexualität gemeinsam mit dem radikalen Islam als größte Bedrohungen des Landes; Kinder sollen vorzugsweise daheim erzogen und von den Eltern unterrichtet werden.
Keine Frage: Rick Santorum hat das Zeug, der Anführer ins Gestern zu sein. Er kämpft gegen die Homo-Ehe genauso entschieden wie gegen Iran, das ihm als eine Art Staat gewordene al-Qaida erscheint. Schwangerschaften infolge von Vergewaltigungen? Für ihn kein Grund zur Abtreibung. Als Senator von Pennsylvania gehörte Santorum zu den führenden Republikanern im Kongress, kämpfte in Washington gegen die Evolutionstheorie und unterstützte die Kriegspolitik der Bush-Ära. "Join the Fight" heißt sein aktueller Wahlslogan: "Zieh' mit mir in den Kampf."
Mitfühlender Konservativismus? Das war gestern. Rick, knallhart. Während einer Diskussion an einer Universität in New Hampshire brachte er eine für die Homo-Ehe argumentierende Studentin zum Weinen, als er ihr unterstellte, sie habe dann ja offenbar auch nichts gegen eine Hochzeit von drei oder ein paar mehr Männern.
Passt alles für "Rechtsaußen sucht den Superstar". "Ich stehe nicht als konservative Alternative zu Mitt Romney hier", deklamierte Santorum bereits in der Nacht seines Sieges: "Ich stehe hier als konservative Alternative zu Barack Obama."
Tatsächlich aber ist Santorum keineswegs dieser konservative Einheitskandidat, der er gern sein würde. Denn die Tea Party selbst ist gespalten, zersplittert in viele Fraktionen. Sie eint allein der Hass auf Barack Obama und die Suche nach dem Anti-Romney. Gerade haben Tea-Party-Ikone Sarah Palin und Ex-Präsidentschaftsbewerber Herman Cain ihre Unterstützung für Santorums Kontrahenten Newt Gingrich kundgetan. Aber hat es was genutzt? Gingrich hat in Florida und Nevada bitter verloren; und Santorums aktueller Dreier-Sieg ist nicht nur eine Kampfansage an Romney, sondern auch an Gingrich, mit dem er ums "Conservative Vote" rangelt.
Zweikampf wird zum Dreikampf
Genauso wenig hat es Santorum geholfen, als ihn nahezu hundert evangelikale Christen-Anführer vor der Abstimmung in South Carolina Primary Mitte Januar zu ihrem Wunschkandidaten erkoren. Bei der Vorwahl selbst hatte er dann keine Chance gegen Gingrich. Der forderte Santorum seitdem gleich mehrfach und öffentlich zum Verzicht auf die Kandidatur auf, um das gemeinsame Anliegen zu stärken: Romney schlagen und mit einem "wahrhaftig Konservativen" gegen Obama in den Kampf ziehen. Santorum seinerseits setzt auf die Implosion der Gingrich-Kampagne, um dessen Anhänger zu ernten.
Keine Einigkeit, nirgends. Und wie um die Verwirrung komplett zu machen, stimmte die Hälfte der Tea-Party-Anhänger am vergangenen Wochenende in Nevada nicht für Santorum, nicht für Gingrich - sondern für Mitt Romney.
So wird aus dem Zweikampf Romney-Gingrich nach Santorums Triple in Missouri, Minnesota und Colorado ein Dreikampf. Rein statistisch hat der Ex-Senator sogar mehr Staaten gewonnen als die anderen: Während er auf vier kommt, hat Romney drei (New Hampshire, Florida, Nevada) und Gingrich kann nur einen verbuchen (South Carolina). Zwar mögen Santorums letzte drei Siege nur symbolisch sein - weil sie entweder politische Schönheitswettbewerbe waren oder die tatsächlichen Parteitagsdelegierten erst später in den Gremien bestimmt werden - doch sind sie psychologisch trotzdem von großer Bedeutung.
Was noch fehlt, ist Geld
"An diesem Punkt des Rennens geht es um Erwartungen und Schwung - beides hat sich nach Missouri etwas verändert", kommentiert die "Washington Post". Santorum habe drei Dinge bewiesen: "Erstens: Romney kann verlieren. Zweitens: Er kann Romney im Zweikampf schlagen. Drittens: Das Rennen ist noch nicht aus." Die "Huffington Post" titelt in Anspielung auf Romneys Vornamen: "Mittastrophe." Der konservative "Drudge Report" freut sich für Santorum: "Rick rolls."
Romneys größtes Problem könnte die sich wandelnde Themen-Agenda werden: In den letzten Monaten hat sich die Wirtschaftslage leicht verbessert, der selbsterklärte "Businessman" Romney aber will sich den Wählern als "Turnaround Guy" empfehlen, als der Kerl, der die Wirtschaft wieder auf Trab bringt. Was aber, wenn Obama das schon jetzt hinkriegt? Möglicherweise verschiebt sich die republikanische Agenda immer weiter zu sozialkonservativen Themen und - sollte sich die Krise mit Iran zuspitzen - zur Außenpolitik. Beides Polit-Felder, auf denen Santorum schon jetzt klar Position bezogen hat.
Um lange durchzuhalten, braucht er allerdings noch ein bisschen mehr: Geld. Das hat Rivale Romney schon jetzt im Überfluss. Santorums Leute aber müssen seit dem Triple-Sieg wieder mal Klinken putzen bei potentiellen Großspendern.
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