Aus Tampa, Florida, berichtet Marc Pitzke
Stewart Skrill hält nicht viel von seiner eigenen Parteiführung. "Alles Mafiosi", schnaubt er. Als er später merkt, woher sein Gesprächpartner kommt, fällt ihm ein noch besserer Vergleich ein. "Nazis", sagt er. "Wie im 'Dritten Reich'!"
Skrill, 79, kommt aus dem Neuenglandstaat Vermont, den er hier in Tampa beim Parteitag der Republikaner als Delegierter vertritt. Schon sein Großvater war Parteitagsdelegierter, 1944 in Chicago. Vermonts stolzes Motto lautet "Freedom and Unity": Freiheit und Einigkeit. Doch von beidem spürt Skrill momentan nichts. "Es ist sehr frustrierend", klagt er. "Diese Leute wollen alles nur kontrollieren."
Er gestikuliert ausladend durch die Sportarena, die zum TV-Plenum aufgemotzt ist. Alles ist bereit für die große Show: Der Saal strahlt grell, hinter der Bühne prangt das Parteisymbol des Elefanten, in Netzen hoch oben hängen bereits die Luftballons für den Schlussjubel.
Doch manchen Deligierten ist das Jubeln schon vergangen. Nicht nur, weil der Wirbelsturm "Isaac" ihnen den ersten Sitzungstag gestutzt hat: "Es ist mein Privileg, den Parteitag der Republikaner 2012 zu eröffnen", ruft Parteichef Reince Priebus pro forma in den halbleeren Saal - und vertagt dann alles weitere sofort. Skrill und eine Gruppe weiterer Delegierter - Anhänger des Querdenkers Ron Paul, der Romney in den Vorwahlen unterlag - nutzen das Loch im Programm sofort, um ganz anderer Unbill Luft zu machen. "Präsident Paul!", skandieren sie. "Präsident Paul!"
Die Reporter stürzen sich dankbar auf die Männer, denen ein cleverer Protest inmitten der inszenierten Harmonie gelungen ist. Plötzlich ist das die Story des Tages.
Nicht nur "Isaac" stört das Drehbuch. Trotz der strikten Parteitagsregie, die jede Rede gegenliest, jedes TV-Interview absegnet, offenbaren sich Brüche in der Eintracht: Die Republikaner sind alles andere als geschlossen - und stehen auch keineswegs als Block hinter Mitt Romney, der hier am Dienstag offiziell zum Kandidaten nominiert werden soll.
Zwar wird es in Tampa kaum zum Alptraum jedes Parteitagsplaners kommen, dazu nämlich, dass der Kandidat des Establishments durchfällt. Aber die Ron-Paul-Fans sind nicht die Einzigen, die den demonstrativen Gleichschritt zur TV-Primetime als Farce enthüllen. Viele Parteipromis fehlen, gerade aus der Tea Party.
Herman Cain mag Romneys Namen kaum aussprechen. Michele Bachmann und Sarah Palin wurden nicht eingeladen. Rick Perry winkte dankend ab. Newt Gingrich fand sich in einen Ballsaal außerhalb der Sicherheitszone verbannt, wo er "Seminare" geben darf. Und die Gouverneure von Louisiana, Mississippi und Alabama schienen fast erleichtert, dass sie jetzt wegen "Isaac" zu Hause bleiben mussten.
Der Zweck heiligt den Kandidaten
Weder Luftballons noch Reden können darüber hinwegtäuschen: Vier Jahre nachdem sie das Weiße Haus verloren haben, sind die US-Republikaner in sich zerrissen. Dies ist mehr als ein Generationenkrieg. Steuern, Schulden, Soziales, Wirtschaftstheorie, Außenpolitik: Nur in einem scheinen sie sich selbst hier in Tampa einig - in ihrer Aversion gegen Barack Obama.
Hoffnungsträger Romney verbiegt sich so sehr, um all diesen Fraktionen zu schmeicheln, dass er selbst kaum noch erkennbar ist. Macht doch nichts, findet die texanische Senatorin Kay Bailey Hutchison: "Es geht nicht darum, dass man jemanden mag, um ihn zum Präsidenten zu wählen", sagte sie auf MSNBC. "Es geht darum, ob diese Person der Beste für dieses Land wäre." Der Zweck heiligt den Kandidaten.
Doch einige wollen dabei nicht mitmachen. Allen voran die Anhänger des besonders bei Studenten populären Ron Paul, der in den Vorwahlen mit 166 Delegierten auf dem dritten Platz landete: Sie fühlen sich ausmanövriert und abserviert. "Es gibt Fragen der Integrität, der Ethik, des Vertrauens", sagt Jon Antoine aus Oregon, der mit einem Ron-Paul-Schild durchs Plenum stapft. Kann er für Romney stimmen? "Nicht hundertprozentig."
So tief reichen die Ressentiments, dass sie den "roll call" am Dienstag - die vorab eingetütete Nominierung Romneys - sabotieren und stattdessen Paul mit ins Rennen schicken wollen. Der hätte zwar keine Chance. Doch vor den TV-Kameras wäre das ein vernichtendes Bild, das Romneys Team panisch vermeiden will.
Störenfriede auf die letzten Plätze verbannt
Beide Seiten manipulieren die Regeln. Pauls Fraktion reklamiert die Delegiertenmehrheit in fünf Staaten - genug, um Paul gegen Romney zu nominieren. Das Romney-Team plant deshalb kurzfristig eine Verschärfung des Procederes - und verwies die Paul-Delegierten auf die billigsten Plätze der Arena, ganz oben in die "nosebleed seats", fernab der Bühne.
Und so hängt ein Fragezeichen über dem Programm. Werden Pauls Vasallen die Regeländerungen anfechten? Werden sie die Nominierungsmaschine ins Stottern bringen?
Die Planer sollen Paul zur Besänftigung zwar einen Redeplatz angeboten haben. Aber nur unter zwei Bedingungen, wie Paul der "New York Times" steckte: Er hätte seine Rede redigieren lassen und Romney seinen vollen Segen geben müssen. Paul lehnte gewohnt kokett ab: "Ich unterstütze ihn nicht völlig." Weshalb es am Dienstag nun nur ein obligatorisches "Tribut-Video" über Paul gibt.
Der Zwist wurde schon am Sonntag offensichtlich. Da drängten Tausende Paul-Fans in eine düstere Sporthalle im Norden Tampas, um ihrem Helden das letzte Polit-Geleit zu geben. Denn dies war der zweite und wahrscheinlich letzte Anlauf des 77-jährigen Gynäkologen gewesen, die Spitzenkandidatur zu ergattern. Biergeruch waberte durch die Gänge, Revolution hing in der Luft.
"Dies ist die größte Machtergreifung in der Geschichte der Republikanischen Partei", beklagte sich der Delegierte Jim Bopp aus Indiana über die geplanten Regeländerungen bei der Kandidatennominierung: Underdogs hätten in der Partei fortan keine Chance mehr.
Paul: wilde Ideen, abstruse Thesen, Altherrenhumor
"Wir sind stinkwütend", sagte auch Chuck Suter, der mit seinem Pickup-Truck aus North Carolina gekommen war, zehn Stunden Fahrt. Sein Beifahrer Scott Jordan sekundierte: "Die Republikaner sind viel zu extrem geworden."
Fünf Stunden lang wüteten diverse Redner, um sich als Erben Pauls zu empfehlen, zuletzt sein Sohn, der farblose Tea-Party-Senator Rand Paul. Dann trat Paul selbst ans Mikrofon - und bewies, dass die Bewegung ohne ihn tot ist.
Ein letztes Mal servierte er ihnen seine tolle Mischung aus durchdachten Ideen, abstrusen Thesen und Altherrenhumor. Zeterte über die Regierung, die Notenbank und den Krieg an sich, huldigte der Verfassung - und rief offen zum Aufstand gegen die Parteiführung auf.
"Sie verbiegen die Regeln, brechen die Regeln, und jetzt schreiben sie die Regeln um", beklagte er. "Schweigen wäre für uns das Schlimmste."
Aber selbst wenn sie sich beim Parteitagsritual tatsächlich noch querlegen: Am Ergebnis werden sie nichts ändern können. Das weiß auch der Delegierte Larry Erickson, der am Montag noch mit einem Paul-Plakat im Plenum protestiert. Wen wolle er, Romney oder Obama? Da druckst er und murmelt dann leise: "Wenn er unser Kandidat ist Romney."
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