Hamburg - Die US-Truppen in Afghanistan werden von einem neuen Skandal erschüttert. Die "Los Angeles Times" veröffentlichte am Mittwoch Fotos, auf denen US-Soldaten mit den Leichen afghanischer Extremisten posieren.
Die insgesamt 18 Bilder seien der Zeitung von einem Soldaten zugespielt worden, der zu seinem Schutz anonym bleiben wollte. Der Hinweisgeber wolle verhindern, dass sich ähnliche Vorfälle in Zukunft wiederholten.
Die Aufnahmen sollen aus dem Jahr 2010 stammen. Sie zeigten nach Angaben der "Los Angeles Times" Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision. Ihre Aufgabe sei es gewesen, getötete Selbstmordattentäter zu identifizieren.
Doch dabei beließen es die Soldaten nicht: Sie posierten mit den Leichen. Unter anderem hielten zwei Armeeangehörige die Hand eines Toten - seinen Mittelfinger hatten sie dabei ausgestreckt. Auf einem anderen Foto ist ein lächelnder junger US-Soldat zu sehen, hinter dem ein toter Aufständischer mit geöffneten Augen liegt, den ein zweiter Soldat zu halten scheint.
Die US-Armee, die vergeblich um einen Verzicht auf die Veröffentlichung gebeten hatte, verurteilte die Vorfälle scharf: "Diese Handlungen entsprechen nicht dem, was wir von unseren Uniformträgern in den Einsatzgebieten erwarten", sagte Militärsprecher George Wright. Die Truppe habe eine Untersuchung eingeleitet und werde angemessen gegen die Täter vorgehen.
Das Pentagon leitet eine Untersuchung ein. "Diese Bilder spiegeln in keiner Weise die Werte oder den Professionalismus der breiten Mehrheit der US-Truppen wider, die heute in Afghanistan dienen", sagte Verteidigungsminister Leon Panetta. Auch Präsident Barack Obama forderte eine Untersuchung.
Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen verurteilte den Vorfall ebenfalls scharf. "Ich möchte betonen, dass diese Fotos in keiner Weise die Prinzipien und Werte repräsentieren, die die Grundlage unseres Einsatzes in Afghanistan sind", sagte er am Mittwoch in Brüssel. "Ganz im Gegenteil."
Die Brigade ist für Disziplinlosigkeiten bekannt
Ähnlich äußerte sich der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe (Isaf), US-General John Allen am Mittwoch: "Die Handlungen der fotografierten Personen vertreten nicht die Politik der Isaf oder der US-Armee." Die Isaf habe strenge Vorgaben, wonach mit den sterblichen Überresten von Feinden "so menschenwürdig wie möglich" umgegangen werden müsse.
Die meisten Soldaten auf den Fotos seien bereits identifiziert worden. Sie gehören einer Brigade an, die während ihres Einsatzes bereits 35 Mann bei Anschlägen verloren habe. 23 von ihnen seien bei Bombenanschlägen getötet worden. Der Informant der "Los Angeles Times" gab an, dass fast alle Soldaten, die auf den Fotos zu sehen seien, Freunde bei Selbstmordattentaten verloren hätten. "Sie waren frustriert", so der Soldat, "also haben sie auf eine Art einfach nur gefeiert."
Zum Zeitpunkt, als die Bilder aufgenommen wurden, war die US-Brigade nach Angaben des Blattes wegen mehrerer Disziplinlosigkeiten aufgefallen. Unter anderem seien Offiziere wegen rassistischer und sexistischer Kommentare von ihren Aufgaben enthoben worden. Außerdem habe die Frau des Kommandeurs einige Offiziere und ihre Ehefrauen während des Einsatzes "bedroht und belästigt".
Das Bekanntwerden der Aufnahmen ist für die US-Armee in Afghanistan der vierte Skandal seit Jahresbeginn:
Nach der jüngsten Veröffentlichung der Fotos fürchten die internationalen Truppen in Afghanistan Vergeltungsmaßnahmen. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte, die Bilder hätten das Potential, die Afghanen aufzustacheln und "möglicherweise unschuldige Opfer zu fordern".
US-Armee bemühte sich bei Karzai ums Schadensbegrenzung
Die US-Armee hat nach Informationen von SPIEGEL ONLINE schon vor der Veröffentlichung der Bilder versucht, den Schaden in Afghanistan zu begrenzen. So traf sich der Kommandeur aller Isaf-Truppen bereits am Montag mit dem afghanischen Präsidenten, informierte ihn über die Geschichte in der "Los Angeles Times" und warb gleichzeitig dafür, dass Hamid Karzai mögliche wütenden Reaktionen in der Bevölkerung nicht durch erhitzte Statements anheizen möge.
Die US-Armee wusste bereits seit längerer Zeit, dass die Zeitung in Besitz der Bilder war und hatte versucht, eine Veröffentlichung zu verhindern. Bisher hat sich Karzai, der in den letzten Monaten gern gegen die USA und allgemein gegen die Schutztruppe der Nato im Land agitierte, noch nicht zu den Bildern geäußert. Aus seinem Palast hieß es jedoch, der Präsident könne jederzeit seine Meinung zu den Taten der US-Soldaten sagen.
syd/dpa/dapd
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