US-Sozialist Sanders Roter Stern überm Kapitol

Zum ersten Mal in der US-Geschichte zieht ein bekennender Sozialist in den mächtigen Senat ein: Bernie Sanders vertritt künftig Vermont, das für seine eigenwilligen Bewohner berühmt ist. Mit Zweidrittelmehrheit deklassierte er seinen republikanischen Rivalen, einen Software-Millionär.

Von Hans Michael Kloth


Washington - "Warum gibt es keinen Sozialismus in Amerika", rätselte schon 1906 der deutsche Soziologe Werner Sombart in einem berühmt gewordene Aufsatz und tippte auf den "haltlosen Materialismus" der Amerikaner. Hundert Jahre später gibt es in den Vereinigten Staaten immer noch keinen Sozialismus – aber nach der gestrigen Kongresswahl wird immerhin erstmals in der amerikanischen Geschichte ein bekennender Sozialist US-Senator.

Bernie Sanders: Irak-Kriegsgegner der ersten Stunde
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Bernie Sanders: Irak-Kriegsgegner der ersten Stunde

Mit Bernard Sanders aus Vermont, 65 Jahre alt, in kleinsten Verhältnissen aufgewachsener Sohn eines polnischen Immigranten und Farbenverkäufers aus Brooklyn, nimmt so etwas wie das linke Gewissen Amerikas auf den blauen Lederbänken des Oberhauses im Washingtoner Kapitol Platz. Sanders, in den frühen Siebzigern Mitbegründer der linksradikalen "Liberty Union Party" und in den Achtzigern Bürgermeister der "Volksrepublik Burlington", deklassierte mit Zweidrittelmehrheit gestern seinen republikanischen Gegenkandidaten, einen Software-Unternehmer und Millionär.

Als Irak-Kriegsgegner der ersten Stunde und wortmächtiger Kritiker der Bush-Regierung, die er "die reaktionärste, unfähigste und korrupteste Führung in der amerikanischen Geschichte" nennt, hatte Sanders bei dieser Wahl deutlichen Rückenwind – auch in Vermont, das prozentual die höchste Zahl an Gefallenen aller US-Bundesstaaten zu beklagen hat, war Irak das große Thema.

Langstreckenläufer auf der linken Außenbahn der US-Politik

Doch Sanders ist mitnichten ein Newcomer, der nun nur auf der Welle der Anti-Bush-Stimmung in den Kongress gespült worden wäre. Schon seit 1990 steht er auf der Washingtoner Kongress-Bühne. Damals gelang ihm die Sensation: Er wurde im traditionell republikanischen Vermont als linker Unabhängiger ins US-Repräsentantenhaus gewählt. Seinen Sieg verdankte er damals seiner Absage an eine Verschärfung der Waffengesetze, doch seither hat er auch als Langstreckenläufer auf der linken Außenbahn der US-Politik acht Wahlen in Folge glatt gewonnen.

Seine antikapitalistische Rhetorik gegen das "Amerika der Konzerne" wie sein Eintreten für einen aktiven Sozialstaat haben ihn seither zur nationalen Reizfigur für die amerikanische Rechte gemacht – und für Altlinke, Bürgerrechtsaktivisten und jene "kleinen Leute", die sich von den zur politischen Mitte gerückten Demokraten im Stich gelassen fühlen, zu deren Bannerträger.

Im Senats-Wahlkampf konnte Sanders denn auch auf allerlei Promi-Unterstützung aus dem juste milieu bauen – auf den Country-Barden Willie Nelson etwa, aber auch den neuen Superstar des Demokraten, den Jung-Senator und möglichen Präsidentschaftskandidaten Barrack Obama. Die Demokraten allerdings setzen sich in Sanders’ Augen nicht ausreichend für Arbeiterfamilien und gegen Kapitalinteressen ein, und er achtet bei allen Gemeinsamkeiten auf Distanz. Die Partei umwirbt den populären Populisten seit Jahren – er genießt Gastrecht in ihrer Fraktion im Repräsentantenhaus und wurde selbst bei der Verteilung von Führungspositionen in Ausschüssen mitbedacht.

Sozialist ohne Berührungsängste

Für seinen Griff nach dem Senatsposten boten die Demokraten dem Mann, der mit dem schlohweißen Haarkranz und der großformatigen Hornbrille wie ein Studienrat wirkt, sogar an, auf ihrem Ticket zu kandidieren – und im Wahlkampf von den finanziellen wie organisatorischen Möglichkeiten des mächtigen Parteiapparats zu profitieren. Doch der eingefleischte Außenseiter lehnte dankend ab: Sanders will auch im Oberhaus unabhängig bleiben, weil ihm das "eine Menge Flexibilität" gibt, wie er sagt. Dass er kein Problem damit hat, selbst mit dem äußersten rechten Rand der Republikaner zusammenzuarbeiten, wenn es seiner Sache dient, zeigte Sanders zuletzt im Juni: Da tat er sich mit mehreren erzkonservativen Kollegen von der anderen Seite zusammen, um eine besonders umstrittene Klausel des "Patriot Act" zu Fall zu bringen.

Ohnehin ist "Bernie" – der 1968 nach Vermont kam, als die Blumenkinder das Leben in Landkommunen entdeckten und Vermont zu einem ihrer Hauptsiedlungsgebiete erkoren – kein Sozialist im dogmatischen Sinne; eher ein klassischer Populist in der Tradition der amerikanischen "Progressives" mit einem guten Schuss Sozialdemokratie nordeuropäischer Prägung. Unermüdlich hält Sanders den US-Bürgern vor, dass der "American Way of Life" nicht gottgegeben sei, sondern eine politische Entscheidung: "Wir haben uns nicht genug umgeschaut, was es an anderen sozialökonomischen Modellen in der Welt gibt", klagt er dann; in Skandinavien etwa seien alle Bürger krankenversichert und die Armutsquote liege bei "einem Bruchteil" der amerikanischen: "Ich finde, man sollte sich das ansehen", wird Sanders nicht müde zu sagen.

Die USA sieht Sanders auf dem Weg in eine "oligarchische Gesellschaft", in der immer weniger immer mehr haben, die Mittelklasse schrumpft und die Armut zunimmt. "Wie viele Leute im Senat kennen Sie, die über diese Dinge reden?", so Sanders’ rhetorische Frage an einen CNN-Reporter: "Nun, ich werde über diese Dinge reden."

Keine Frage: Bernie Sanders dürfte die gediegene Herrenclub-Atmosphäre des Senats ein wenig aufmischen, wo Hinterzimmer-Deals unter Gentlemen in dunkelblauen Anzügen nach wie vor das Geschäft prägen. "Bernie ist bereit für den US-Senat", resümierte Peter Welch, Sanders’ frischgewählter Nachfolger im Repräsentantenhaus: "Aber ich bin mir nicht sicher, ob der Senat bereit ist für Bernie."



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