US-Strafzettel-Bürokratie: Mit Karacho Richtung Knast

Tempo-Sünder haben in den USA ein schweres Leben. Wer zu schnell fährt, dem droht in einigen Staaten eine Haftstrafe - wie auch SPIEGEL-Korrespondent Gregor Peter Schmitz beinahe erfahren musste, als er einen Geschwindigkeitsrekord in Virginia hinlegte.

Highway-Polizist mit Radargerät: 170 Kilometer pro Stunde - Rekord in Hopewell, Virginia Zur Großansicht
Corbis

Highway-Polizist mit Radargerät: 170 Kilometer pro Stunde - Rekord in Hopewell, Virginia

Als ich die Bilder von Dominique Strauss-Kahn sah, seinem Gang in Handschellen durchs Blitzlichtgewitter in New York, hatte ich kein Mitleid. "It's the law" - es ist das Gesetz, und zwar für alle. Kaum einen Satz beherrschen Amerikaner besser.

Aber dann dachte ich an Hopewell, Virginia. An den 16. März 2010, einen Dienstag. An meinen persönlichen "It's the law"-Moment.

Ich war auf dem Weg ins schöne Raleigh, leer erstreckte sich die Straße in der Frühlingssonne, zufrieden schnurrte der Mietwagen. Im Radio spielten die Flaming Lips, ich trat aufs Gas.

Bis sich in die Melodien Sirenengeräusche mischten, das klang wenig harmonisch.

104 Meilen - das war wohl Rekord für Hopewell, Virginia

Wenig später stand ich breitbeinig neben meinem Auto, gezwungenermaßen, Handschellen schnitten in meine Gelenke. Ich hörte einen bulligen Polizisten ins Funkgerät rufen: "104 miles per hour, really". Der Mann am anderen Ende der Leitung mochte das wohl nicht glauben.

104 Meilen (knapp 170 Kilometer pro Stunde), gemessen von einem unbestechlichen Radargerät, das am Ende einer langen Kurve verborgen war. Erlaubt waren 65 Meilen, aber die Straße war ja so frei gewesen. 104 war wohl Rekord für Hopewell, Virginia.

Irgendwie hatte ich in meinen Handschellen dennoch den Eindruck, dass Stolz gerade nicht die beste Idee war.

Dafür hatte der Polizist jede Menge guter Ideen: Etwa die, mich umgehend einem Richter vorzuführen. Der werde entscheiden, was aus meinem Leben werde. Auf dem Weg könne man gleich meinen Mugshot erledigen. Das erkennungsdienstliche Foto sei in Hopewell auch in Farbe, sagte der Beamte. Es sollte aufmunternd klingen.

Der Mugshot blieb mir schließlich erspart, nach viel Betteln. Doch ich erhielt einen gelben Zettel, die Vorladung zum Gerichtstermin.

Zunächst fand ich das ziemlich cool. Die "104" waren auf dem Zettel umkreist, das Delikt auch ("reckless driving by speed"), auf Freunde machte das mächtig Eindruck. Was nun werde? Ich würde halt eine Strafe zahlen, entgegnete ich keck, dann sei alles wieder gut.

Bis die Briefe von den Anwälten kamen. "Wir haben gehört, dass Sie ein Problem haben." Es sind normal mäßig beschäftigte Juristen, die die öffentlich zugänglichen US-Verkehrsregister durchwühlen und Mandanten suchen. Für diese Leute gehört Panikmache zum Geschäft.

Für jede Meile über 90 gibt es einen Tag Gefängnis

Nur, man konnte ihnen diesmal keine Panikmache vorwerfen. Ich hatte ein Problem, das zeigte mir ein Anruf in Virginia. Für jede Meile über 90 ist dort ein Tag Gefängnis fällig, ohne Ausnahme. Das machte 14 Tage Knast, anzutreten direkt nach der Verhandlung.

Es war keine lustige Story mehr, es war nun meine Story. Und es galt, einen Anwalt zu finden, einen lokalen, das sagte mir jeder. Ich solle bloß keinen teuren Verteidiger aus der Hauptstadt mit ins raue Virginia bringen, keinen für 800 Dollar pro Stunde.

Mein Anwalt in Hopewell kostete 300 Dollar, für alles, er hatte keine richtige Sekretärin, eine obskure E-Mail-Adresse. Wenn ich ihn daran erinnerte, ich habe alleine im Auto gesessen, dies sei ja weniger gefährlich, sagte er: "Ah, ja. Daran habe ich gar nicht gedacht."

Irgendwie machte mir das Sorgen.

Zweimal schaffte ich es, den Gerichtstermin hinauszuzögern, offiziell war Obama schuld, wegen seiner Reisen. Ein bisschen hoffte ich wohl auch, Obama werde schon auf mich aufpassen.

Schließlich traf ich in Hopewell ein, es war mittlerweile November, ich übernachtete in einem Motel, viel Auswahl gab es in Hopewell nicht. Die Idee meines Anwalts, im Knast nachzufragen, ob ich früher einchecken könne, hatte ich ignoriert.

Am Morgen saßen wir auf dem Gerichtsflur, ganz hinten in der Ecke, damit wir als Letzte aufgerufen würden, so lässt sich leichter verhandeln, hatte mein Anwalt gesagt. Oder um Gnade betteln, dachte ich.

Nur eine Tür führt in die Freiheit

Es gab zwei Türen aus dem Gerichtssaal. Eine führte direkt in den Knast, wo man einen Gefangenenanzug anziehen muss und nur einen Anruf frei hat. Wohin man keine Bücher mitnehmen darf, keine Zeitung, nichts.

Die andere führte in die Freiheit.

Ein Angeklagter nach dem anderen vor mir verschwand im Gerichtssaal. Sie waren 94 Meilen gefahren, 98 Meilen. Doch zumindest vorerst kamen sie nicht wieder heraus, nur ihre Anwälte.

Ich sagte gar nichts mehr.

Als wir schließlich aufgerufen wurden, trat ich langsam an die Richterbank. Der Richter, ein schwerer Mann, guckte mich an, er sagte bloß: "Die Geschwindigkeit ist ein Problem."

Mir schwirrten Knastbilder aus Filmen durch den Kopf. Die Duschen. Brennende Trakte. Ich wühlte in meinem Kopf nach den Worten von OJ Simpsons Anwalt. Was hatte der noch mal gesagt, damals? Andererseits hatte OJ ein juristisches "Dream Team" zur Verteidigung gehabt, so hieß es doch immer.

Ich hatte an meiner Seite meinen Hopewell-Anwalt. Und diese Zahl: 104 Meilen.

Doch dann geschah das Unglaubliche: Mit jeder Minute im Gerichtssaal verwandelte sich mein vermeintlicher Provinzanwalt in mein persönliches "Dream Team".

Ich zucke seither zusammen, wenn ich nur einen Polizisten sehe

Er kannte fast jeden im Saal, für die Hälfte von ihnen hatte er die Scheidungen geregelt. Der Richter war eine Art Mentor von ihm. Er redete und redete: Was für ein untadeliger Bürger ich sei. Welche Uni-Abschlüsse ich erworben habe. Was für ein wundervolles Magazin DER SPIEGEL sei. Welche seltsamen anderen Regeln in einem Land wie Deutschland gelten würden, mit diesen "Autobahnen".

Ich erinnere mich nicht mehr an den Moment, an dem ich Hoffnung schöpfte. Vielleicht, als der Richter berichtete, in der Schule Deutsch gelernt zu haben. Vielleicht, als er prahlte, natürlich den SPIEGEL zu kennen, anders als die anderen "Provinzler" im Gerichtssaal. Oder als er fragte, was ich denn zu sagen habe. Und ich stammelte: "I am so sorry, your honor".

War ich ja auch.

Jedenfalls habe ich nun den Durchschlag eines Urteils, in dem steht, dass ich wegen meiner "Verdienste um die Gesellschaft" Schonung verdiene. 1050 Dollar Geldstrafe. Kein Knast. Die Gerichtskassiererin, bei der ich zahlen musste, konnte es nicht fassen. Ich wollte ihr ein Trinkgeld geben, aber traute mich nicht.

Am Abend schmiss ich eine "Getting out of jail"-Party. Und scherzte, zwei Wochen Knast wäre ja auch eine tolle Story gewesen. Wie man halt so ist, gleich wieder große Klappe.

Dass afro-amerikanische oder arbeitslose Angeklagte, vielleicht die vor mir, nun im Knast säßen, für weniger Meilen, ich mochte nicht dran denken. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, sich über den Ausländerbonus aufzuregen, den Akademiker-Bonus, all die Schwächen des Justizsystems. Schlimm, aber wahr.

Etwas anderes ist auch wahr: Die Abschreckungswirkung. Ich zucke seither zusammen, wenn ich nur einen Polizisten sehe. Neulich musste ich im Auto zu einem Termin, ich nahm eine Freundin mit. Irgendwann sagte sie, wenn ich so weiterführe, würden wir gleich von einem Fahrrad überholt. Ich guckte sie bloß an, ich sagte: "It's the law".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 380 Beiträge
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1. 1050 Usd
anders_denker 23.08.2011
sind ja auch kein Pappenstiel! Auch wenn es US Meilen sind - grade mal 40 Sachen zu schnell. Ab 90 dann eigentlich Knast, ohne das wirklich jemand gefährdet wird. Man muss nicht alles verstehen -oder?
2. Amüsant
Ohmei 23.08.2011
Gut geschrieben, der Herr!
3.
hanka-tsu 23.08.2011
auch in d-land würde so macher sein verhalten überdenken bei solchen strafen.
4. God bless...
dipl.inge82 23.08.2011
Wegen Geschwindigkeitsüberschreitung in den Knast, aber jeder Hirni darf im Supermarkt eine scharfe Waffe kaufen... Hat D etwa doch nicht nur Nachteile?
5. .
kessel 23.08.2011
gut geschrieben, wie eigentlich immer :) weiter so!! lg
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