US-Strategie in Zentralasien Britney statt Breschnew

Um Russlands Einfluss einzudämmen, plagen sich US-Diplomaten in Zentralasien mit Trinkern und Egomanen - die allesamt strategisch wichtige Republiken regieren. Die jetzt bekannt gewordenen Depeschen zeigen, mit welcher Verve Washingtons Vertreter dort auftreten: Es geht um Öl, Gas und Afghanistan.

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US-Soldaten auf dem Stützpunkt in Manas, Kirgisien: Basis für den Krieg in Afghanistan
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US-Soldaten auf dem Stützpunkt in Manas, Kirgisien: Basis für den Krieg in Afghanistan


Die geheime Lageeinschätzung der Botschaft im tadschikischen Duschanbe, die US-General David Petraeus am 7. August vergangenen Jahres erhält, beschreibt ein Land am Rande des Ruins. Die an Afghanistan grenzende 7,3-Millionen-Einwohner-Republik Tadschikistan ist eine Diktatur, geführt vom ehemaligen Kolchosenchef Emomali Rachmon, einem berüchtigten Trunkenbold: "Das Parlament funktioniert als Jasager und diskutiert nicht einmal so wichtige Themen wie das nationale Budget."

Die Staatseinnahmen stammen teilweise aus kriminellen Quellen: "Tadschikistan ist ein bedeutender Transitkorridor für südwestasiatisches Heroin nach Russland und Europa." Das Land habe "chronische Probleme mit Usbekistan", seinem Nachbarn, außerdem stehe die Armutsrepublik vor einem Bürgerkrieg mit Islamisten im Osten des Landes.

Trotz allem soll Petraeus, zu der Zeit Chef des Zentralkommandos der US-Armee, Rachmon umwerben. Washington braucht die Hilfe der Tadschiken in Afghanistan. Und es gibt noch ein größeres Ziel: Die Amerikaner umgarnen gleich mehrere Republiken der ehemaligen Sowjetunion, denn es geht um Öl, Terrorismus und den Einfluss der USA in dieser Weltregion. Dafür schlagen sich die Diplomaten mit einer Ansammlung ziemlich schräger Gestalten herum.

Im Fall Tadschikistan ist der Auftrag an Petraeus klar: "Sichern Sie Rachmons Zustimmung für die Lieferung tödlichen Materials nach Afghanistan durch Tadschikistan", gemeint sind Waffen und Munition für Amerikas Truppen. Dafür bieten die USA Hilfe bei der Bekämpfung von Aufständischen an: "Sichern Sie Tadschikistan unsere Unterstützung zu, die Kämpfer im Osten zurückzudrängen."

"Tunnel nach Pakistan, Brücken nach Nirgendwo"

Nur entpuppen sich Rachmons Tadschiken bald als gierige Freunde, so eine Mitteilung der Botschaft Duschanbe vom 16. Februar 2010: "Die Tadschiken haben einige unrealistische Ideen davon, was wir ihnen anbieten können - vor allem große Infrastrukturprojekte einschließlich fragwürdiger Kraftwerke, Tunnel nach Pakistan und Brücken nach Nirgendwo."

Hoffnung schöpfen die US-Strategen jedoch daraus, dass das klamme Rachmon-Regime sich langsam von Russland absetzt. "Die russisch-tadschikischen Beziehungen haben sich verschlechtert", bilanziert das Memo.

Die Frage, welche Rolle Russland im einstigen zentralasiatischen Hinterhof der Sowjetunion künftig spielen will, ist eine wichtige für die Amerikaner, mit allen Gesprächspartnern debattieren sie darüber. Richard E. Hoagland, US-Botschafter in der kasachischen Hauptstadt Astana, trifft sich im Juni 2009 mit seinem chinesischen Kollegen Cheng Guoping zum Abendessen in der 22. Etage eines von Peking gebauten Hotels.

Russland würde gern mehr Unterstützung von den Vereinigten Staaten für seine Haltung bekommen, Zentralasien sehen die Russen als ihre Einflusszone - im Austausch würden sie angeblich mehr Kooperation in Sachen Afghanistan anbieten, gibt Cheng Erkenntnisse seiner Regierung wieder. Moskau "ist überzeugt, dass es Zentralasien und den Kaukasus beherrschen muss. Sie glauben, sie haben vitale strategische und historische Interessen in der Region", sagt Cheng. Wie er denn persönlich darüber denke, fragt der Amerikaner den Chinesen: "Es ist ihre Sicht", sagt der, "ich persönlich sehe das anders." Die amerikanische Führung sieht es naturgemäß ebenfalls nicht so und versucht, nicht nur Tadschikistan, sondern auch die anderen zentralasiatischen Staaten aus dem Einflussbereich Moskaus zu lösen.

Ärger über Russlands "räuberische Gaspolitik"

Kirgisien, wo die USA in Manas eine Luftwaffenbasis für den Afghanistan-Krieg unterhalten, ist einer ihrer Schwerpunkte. Die Kirgisen hätten eine "sehr positive Beziehung gegenüber dem US-Militär"; US-Offiziere trainieren inzwischen kirgisische Spezialeinheiten. Sorgen hingegen macht den Amerikanern Anfang 2009 die Drohung der Regierung, die US-Basis in Manas zu schließen, das könnte ihr Geld aus Moskau bringen.

Wie entscheidend das Luftkreuz Manas als "einzige US-geführte Transiteinrichtung in Zentralasien" für den Afghanistan-Krieg ist, bilanziert ein Dossier: "Im Jahr 2009 hat das Transitzentrum pro Monat durchschnittlich 24.000 Soldaten und rund 450 Tonnen Fracht durchgeschleust." Die Botschaft empfiehlt trotzdem, das Gezeter der Kirgisen nicht zu ernst zu nehmen, weil sie "die Vorteile, die sie durch ihre Zusammenarbeit haben, verlieren würden", vor allem Dollar-Zahlungen. Es bestehe "kein Zweifel, dass sie die Verhandlungen wieder aufnehmen werden" - was dann auch geschieht.

Von Moskau fernhalten wollen die Amerikaner auch das weitaus größere Usbekistan. Der dortige Diktator heißt Islam Karimow. Mit abfälligen Bemerkungen über Russland erfreut dessen Außenminister einen Top-Diplomaten aus Washington. Das Pikante: Usbekistan ist, wie andere zentralasiatische Republiken, mit Russland verbündet in der "Organisation Vertrag über kollektive Sicherheit". "Er drückte auch seine Verärgerung über Russlands historischen Einfluss und seine räuberische Gaspolitik aus", resümiert ein Bericht der Botschaft Taschkent im Juli 2008 die Äußerungen des usbekischen Außenamtschefs.

Nur ein paar Wochen danach soll US-General Martin Dempsey den usbekischen Verteidigungsminister bearbeiten. Empfehlung der Botschaft an den General: Er soll den Minister dafür gewinnen, "ein starkes Nachrichtendienstaustauschprogramm zu entwickeln, das sich auf Afghanistan konzentriert" - wo der usbekische Geheimdienst unter ethnischen Usbeken ein Agentennetz unterhält.

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Seite 1
glad07 12.12.2010
1. kein Titel
Zitat von sysopUm Russlands Einfluss einzudämmen, plagen sich US-Diplomaten in Zentralasien mit Trinkern und Egomanen - die allesamt strategisch wichtige Republiken regieren. Die jetzt bekannt gewordenen Depeschen zeigen, mit welcher Verve Washingtons Vertreter dort auftreten: Es geht um Öl, Gas und Afghanistan. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728633,00.html
Und dann soll doch einer noch behaupten dass Russen nicht im Recht sind wenn sie sagen dass NATO gegen ihr einstigen Versprechen alles mögliche versucht Russlands Einfluss auf die benachbarten Republiken zu verringern...
regengott 12.12.2010
2. Es geht um nichts als Bodenschätze!
Nichts, was die USA tun, ob diplomatisch oder militärisch, dient der demokratisierung der Welt. Den vereinigten Staaten geht es ausschließlich um den Zugang zu Bodenschätzen und den Ausbau ihrer wirtschaftlichen Macht. Die vereinigten Staaten stützen Autokraten, welche ihnen wohl gesonnen sind genauso wie sie Demokratien vernichten, die sich ihnen in den Weg stellen. Wer es wagt ihnen die Stirn zu bieten fällt in Ungnade.
Pinon_Fijo 12.12.2010
3.
Ich verstehe nicht, weshalb die USA für ihre Botschaftsdepeschen derart gescholten werden; erscheinen mir die darin gemachten Einschätzungen über die verschiedenen Länder doch größtenteils vernünftig. Und am Beispiel der Länder in Zentralasien erkennt man die wahren Bösewichte, zu deren Spiel wir im Westen leider gute Miene machen müssen, genauso wie zu den Verhältissen im Nahen und Fernen Osten. Aber wie sagte schon Winston Churchill sinngemäß: Wenn man die verbrecherischen Regime außenpolitisch nicht weiter beachten wollte, würde man ziemlich alleine dastehen.
albert schulz 12.12.2010
4. es ist Krieg
Von ein paar Details abgesehen nicht wirklich neu.
Kriegsgegner 12.12.2010
5. Die Außen- und Militärpolitik der Amerikaner...
wird immer perverser. Wie kann man sich als Großmacht (auf tönernen Füßen?) der Hilfe dieser unsäglichen Dik- tatoren der ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken bedienen. Ich habe für dieses Handeln der Amerikaner kein Verständnis. Was will denn die angeblich älteste Demokratie der neuesten Geschichte mit dieser dreckigen und verabscheuungswürdigen Diplomatie erreichen. Etwas Gutes für unseren Planeten kann es wohl nicht sein.
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