US-Strategiestreit Pentagon will bis zu 40.000 Soldaten mehr in den Irak schicken

Richtungskampf in der US-Regierung über die richtige Irak-Strategie: Das Verteidigungsministerium wendet sich gegen den Rückzugs-Plan der Baker-Kommission. Es will Tausende weitere Soldaten schicken - dieser Linie neigt auch Präsident Bush zu.


Washington - Im Richtungsstreit um die verschiedenen Optionen der US-Regierung im Irak favorisiert das Pentagon offensichtlich eine Politik der militärischen Stärke: Nach einem Bericht der "Los Angeles Times" unterstützen wichtige Entscheidungsträger im US-Verteidigungsministerium einen Plan, wonach die US-Truppen im Irak deutlich aufgestockt werden sollen. Sie sollen unter anderem verstärkt gegen die Milizen von Schiitenführer Sadr vorgehen.

Aufstocken oder Abziehen? US-Soldaten im Irak
AP

Aufstocken oder Abziehen? US-Soldaten im Irak

Gleichzeitig sollen die Hilfen für die irakische Wirtschaft verstärkt und ein Jobprogramm aufgelegt werden. Die Vereinten Stabschefs wollen nach Angaben der "Los Angeles Times" Präsident Bush ihr Konzept vorstellen. Vertreter der Streitkräfte hatten in der Vergangenheit argumentiert, nur ein verstärktes Engagement könne die Aufständischen zurückdrängen und den USA die Chance auf einen Erfolg eröffnen.

Derzeit haben die USA 140.000 Soldaten im Irak. In Washington kursiert die Zahl, 40.000 weitere Soldaten könnten hinzukommen.

Diese Strategie widerspricht in zentralen Punkten den Vorschlägen der Baker-Kommission, kommt aber dafür den Vorstellungen von Präsident Bush nahe, der laut "Los Angeles Times" stärker auf Sieg als auf Rückzug setzt. Nach einer aktuellen Umfrage der Zeitung unterstützen aber nur 12 Prozent der Amerikaner eine Aufstockung der Truppen, 52 Prozent sprechen sich für einen festen Zeitplan hin zum Rückzug der Amerikaner aus dem Irak aus.

Gates legt sich noch nicht fest

Allerdings wird die Strategie, die Entscheidung zu suchen, von Pentagon-Offiziellen selbst als hochriskant angesehen. Die "Los Angeles Times" beruft sich auf mehrere Quellen aus dem Pentagon, die sämtlich anonym bleiben wollten. Der Plan würde außerdem zusätzliche Ausgaben erfordern. Nach Einschätzung der Pentagon-Angehörigen entscheidet sich in diesen Tagen die Richtung der künftigen US-Politik im Irak. Bush lasse verschiedene Optionen prüfen. Noch unklar ist die Haltung des künftigen US-Verteidigungsministers Robert M. Gates, der am kommenden Montag vereidigt wird.

Im Irak wurden heute bei Anschlägen erneut mehr als 30 Menschen getötet und 50 verletzt. Allein zehn Tote waren nach Angaben des Innenministeriums bei der Explosion einer Autobombe in der Nähe einer schiitischen Moschee im Osten Bagdads zu beklagen. In dem Gebiet treffen sich allmorgendlich schiitische Tagelöhner, um Arbeit zu suchen.

Drohungen aus Saudi-Arabien

Saudi-Arabien droht offenbar, im Falle eines Abzugs der US-Truppen aus dem Irak die Sunniten bei ihrem Kampf gegen die Schiiten finanziell zu unterstützen. Wie die "New York Times" unter Berufung auf nicht namentlich genannte arabische und US-Diplomaten berichtete, sprach der saudiarabische König Abdullah diese Warnung gegenüber US-Vizepräsident Dick Cheney vor zwei Wochen in Riad aus. "Es ist eine hypothetische Situation, und wir würden hart daran arbeiten, so ein Szenario zu vermeiden", zitierte die Zeitung einen arabischen Diplomaten in Washington.

Wenn sich die Lage im Irak aber verschlimmere, etwa in Form von "ethnischer Säuberung", fühle sich Saudi-Arabien in den Krieg hineingezogen. Vom US-Präsidialamt gab es zu dem Bericht zunächst keine Stellungnahme. Während des Besuchs Cheneys habe Abdullah auch eine deutliche Ablehnung gegen eine diplomatische Offensive in Richtung Iran zum Ausdruck gebracht.

Die US-Regierung kündigte an, ihre Entscheidung über den neuen Kurs zu vertagen. Auf die Frage, wann denn US-Präsident Bush eine mögliche Kursänderung verkünden werde, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow: "Nicht vor Neujahr."

jaf/dpa//AFP/AP/Reuters



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