US-Strategiewandel Der Feind ist nicht kriegstauglich

Die Kriegsrhetorik hat sich gewandelt. US-Präsident Bush sagt, die USA würden auf die Terroranschläge nicht mit einem konventionellen Militärschlag antworten. Er zerstört damit womöglich die Hoffnung der Attentäter, einen "Heiligen Krieg" auszulösen.

Von Holger Kulick


Hamburger Schüler (am 14. 9.): Gegen Hass und neue Feindbilder
DPA

Hamburger Schüler (am 14. 9.): Gegen Hass und neue Feindbilder

Berlin - Vor 14 Tagen fürchteten viele: Jetzt beginnt ein neuer Weltkrieg. Als am 11. September der Massenmord live aus New York in alle Welt übertragen wurde, sprach der amerikanische Präsident zunächst von einer "Kriegserklärung an die ganze zivilisierte Welt." Zivilisiert gegen unzivilisiert, gut gegen böse, klassische Kriegsklischees prägten die Rhetorik. Das Vokabular des US-Präsidenten war unmissverständlich. Von einem "völlig neuartigen Krieg" war die Rede von einem bevorstehenden "Kreuzzug" mit dem Ziel "grenzenlose Gerechtigkeit" zu schaffen. Und als wäre Krieg ein Markenprodukt, titelte CNN auf dem Bildschirm "Americas new war" (Amerikas neuer Krieg).

Schnell schworen die westlichen Staatsführer bedingungslose Bündnis-Loyalität. Das Entsetzen war sogar so groß, dass Bundesinnenminister Otto Schily in einer ZDF-Talkrunde dem SPD-Politiker Egon Bahr barsch ins Wort fiel, als dieser über Fehler des US-Geheimdienstes sprach. "Sie haben kein Recht in dieser Situation die USA zu kritisieren", echauffierte sich der Innenminister.

Erwartungshaltung Krieg

Berlin am 14.9.2001
REUTERS

Berlin am 14.9.2001

In Deutschland verfielen nicht wenige Medien der Kriegshysterie. "Alle warten - wann schlagen sie los?" schrieben Boulevardzeitungen wie die Berliner "BZ" auf ihren Titelseiten. Die Zeilen wurden mit großen Fotos schussbereiter Truppen illustriert. Auch der Gegner ist inzwischen ausgemacht; längst ist der "Terror-Scheich Osama Bin Laden" als Teufel personifiziert und wird mit Titelzeilen wie "Allah, ruf diesen Mörder zu dir" ("BZ") oder "Jagt ihn" (Express) zum Abschuss freigegeben. Als wäre mit der Exekution des Top-Terroristen das Problem fundamentalistischen Terrors auf einen Schlag gelöst.

Je länger die Ermittlungen dauern, desto deutlicher wird, dass der Terror nicht von einem Land oder wenigen Staaten ausgeht. Der Gegner im "Krieg gegen den Terror" ist vielmehr ein fein gesponnenes globales Terror-Netzwerk. "Schläfer" werden solche Terroristen genannt, die jahrelang irgendwo unauffällig als friedliche Mitbürger leben, bis sie eines Tages zu einem Selbstmordkommando aufbrechen. Spuren und Festnahmen werden aus England, den USA, Spanien, Frankfurt am (Main) oder Hamburg gemeldet. "Aber niemand fordert, deshalb Bomben auf Hamburg zu werfen", hat Michail Gorbatschow in Interviews ironisch angemerkt.

Von einem Krieg kann schon deshalb keine Rede mehr sein, weil sich gewöhnlich Regierungen Kriege erklären. Doch die Taten von New York, Pittsburgh und Washington waren anonyme terroristische Anschläge. Die Drahtzieher solcher Attacken können nur von Polizei und Geheimdiensten ermittelt und bekämpft werden.

Bushs Strategiewandel

Dies sieht inzwischen offenbar auch Präsident Bush so. Seit dem 11. September ist seine Rhetorik differenzierter geworden. Bush spricht nun von einem lang anhaltenden "Feldzug, der dem neuen Feind entsprechen muss". Es werde keinen Krieg geben, "bei dem wir Inseln oder Strände erobern müssen". Im Klartext: Statt mit einem Truppeneinmarsch sollen Terroristen eher durch den gezielten Einsatz von Marschflugkörpern, lokale Geheimdienstaktionen und Polizeieinsätze bekämpft werden. Das Einfrieren von Guthaben und die Sperrung von Konten sollen das globale Terror-Netzwerk lähmen. Nicht als Krieger, sondern als Sheriffs sind die eingesetzten Soldaten unterwegs, ein konventioneller Krieg findet nicht statt.

Neue Weltpolizisten? George W. Bush und Tony Blair
REUTERS

Neue Weltpolizisten? George W. Bush und Tony Blair

Kein Wunder, dass Bush am letzten Mittwoch überraschend auf die Ausrufung des Nato-Bündnisfalls verzichtete, mit der Verteidigungsminister Scharping noch Stunden vorher gerechnet hatte. Den nun geplanten "neuartigen Krieg" will Bush alleine führen, allenfalls mit dem "treuesten Verbündeten" Großbritannien an der Seite.

Den Handlungsspielraum für globale Anti-Terror-Aktionen haben sich die USA in einer weltweiten diplomatischen Großaktion gesichert. Zahlreiche Staaten öffnen den USA ihren Luftraum für eventuelle Militäraktionen - sogar Staaten der russischen Föderation. Via BBC und CNN geben russische Afghanistan-Veteranen Tipps, wie "Terroristennester" in Afghanistan ausgeräuchert werden könnten, "bloß nicht mit Bodentruppen" wiederholen die Experten beständig. Einen großen, ja Heiligen Krieg in ihrem Sinne wollten die Terrorpiloten und ihre Hintermänner womöglich anstiften. Stattdessen haben sie den, in den ersten Monaten seiner Amtszeit ungeschickt und plump agierenden US-Präsidenten Bush, in eine neue Rolle gedrängt. "We found our mission" (Wir haben unsere Auftrag gefunden), sagte Bush vor dem US-Kongress. Seine Soldaten sind jetzt als Polizisten unterwegs.

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