US-Terrorkampf im Jemen "Wir glauben, wir wurden reingelegt"

US-Beamte erheben laut "Wall Street Journal" schwere Vorwürfe gegen den jemenitischen Präsidenten Salih. Dieser soll mit Fehlinformationen einen Luftschlag der Amerikaner provoziert haben, um einen unliebsamen Politiker loszuwerden.

Von Yassin Musharbash

Jemenitischer Noch-Präsident Salih: Führte er Washington gezielt hinters Licht?
REUTERS

Jemenitischer Noch-Präsident Salih: Führte er Washington gezielt hinters Licht?


Berlin - Mehrere hochrangige US-Militärs gehen davon aus, dass die jemenitische Regierung die USA täuschte. Die Führung des Jemen soll am 25. Mai 2010 verschwiegen haben, dass ein persönlicher Feind des Präsidenten Ali Abdullah Salih bei einem angeblichen Treffen militanter Dschihadisten zugegen war. Den Ort dieses Treffens bombardierten die USA mit einer Rakete - auf Grundlage der jemenitischen Informationen.

Bei dem Angriff wurden sechs Menschen getötet, einer von ihnen war der 31 Jahre alte Vize-Gouverneur der zentraljemenitischen Provinz Maarib, Dschabir al-Schabwani, der mit Salih einen Konflikt gehabt haben soll. Jetzt gibt das "Wall Street Journal" mehrere aktive und ehemalige Militärbeamte der USA mit der Vermutung wieder, Salihs Regierung habe die Informationen an die USA gezielt frisiert, so dass das Ergebnis Schabwanis Tod sein würde. Die jemenitische Regierung dementiert die Vorwürfe. Doch das "Wall Street Journal" zitiert einen Informanten mit den Worten: "Wir glauben, wir wurden reingelegt." Allerdings teilten nicht alle beteiligten US-Beamten die Theorie des untergeschobenen Salih-Privatfeindes, heißt es weiter.

Verschwieg Sanaa die Anwesenheit Schabwanis bewusst?

Der Zeitung zufolge bat die Regierung in Sanaa Vize-Gouverneur Schabwani zum fraglichen Zeitpunkt, ein informelles Treffen mit Qaida-Mitgliedern in Maarib zu organisieren. Er sollte sie dazu bewegen, sich von dem Terrornetzwerk loszusagen, zitiert das Blatt Schabwanis Vater.

Die US-Beamten, die mit dem "Wall Street Journal" sprachen, sagen, dass sie keine Informationen über Schabwanis Mission hatten. Wohl aber habe die jemenitische Regierung sie auf ein Treffen militanter Dschihadisten in der Region zu dieser Zeit aufmerksam gemacht. Auf dieser Grundlage kam es zu dem Raketenangriff am 25. Mai, bei dem Schabwani getötet wurde.

Ein Beamter sagte dem Blatt, die US-Regierung habe keine Beweise für die Verschwörungstheorie, aber es sei verdächtig, dass Schabwanis Name inmitten der ansonsten detaillierten Informationen, die Washington aus Sanaa erhielt, nirgendwo auftauchte.

Der Vorfall zeigt auch, wie abhängig die USA von Informationen der jemenitischen Regierung waren. "Wir konnten das Ziel nicht im Voraus verifizieren, und wir konnten auch anschließend nicht verifizieren, was genau passiert war", zitiert das "Journal" einen der Koordinatoren des Angriffs.

USA diskutieren Einreise Salihs

Zwischen Dezember 2009 und Mai 2010 haben die USA mehrfach im Jemen Raketenangriffe durchgeführt, jedes Mal weitgehend auf Grundlage jemenitischer Informationen, weil die eigenen Informationskanäle unzureichend waren. Danach gab es eine fast ein Jahr lange Pause, weil die US-Regierung sich selbst neue Regeln für Schläge dieser Art auferlegt hatte. Im Mai dieses Jahres tötete eine CIA-Drohne im Jemen dann Anwar al-Awlaki, einen Hassprediger des dortigen Qaida-Arms. Aber eine von der CIA vorgeschlagene Ausweitung des Programms wurde vom Weißen Haus abgelehnt.

Der Bericht des "Wall Street Journals" kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn die USA diskutieren gerade die Frage, ob sie Salih die Einreise gewähren sollen. Salih war vor Monaten bei einem Anschlag verletzt worden und leidet noch unter den Folgen. Dem Vernehmen nach sollen die USA Zustimmung zur Einreise signalisiert haben, wenn sich dadurch die geplante Machtübergabe an eine Übergangsregierung geschmeidiger gestalten ließe. Aber Vertreter der Regierung befürchten auch, dass eine Einreise Salihs den Eindruck erwecken könne, die USA böten einem gestürzten Despoten Asyl.



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