Von Sebastian Fischer, Washington
Den ganzen Vormittag haben sie miteinander verbracht. US-Präsident Barack Obama und Afghanistans Staatschef Hamid Karzai saßen an diesem Freitag gute drei Stunden beieinander: Erst das gemeinsame Treffen mit Vize-Präsident Joe Biden im Cabinet Room des Weißen Hauses, dann ein Privatgespräch im Oval Office. Schließlich das Mittagessen, wieder zu dritt.
Wie politische Freunde sehen Obama und Karzai danach noch immer nicht aus. Bei der Pressekonferenz am Nachmittag wirkt ihr Umgang kühl. Am Ende schütteln sie sich die Hände, die Arme dabei nahezu ausgestreckt.
Kriegsmüde Amerikaner
Es ist das Bild voneinander entfremdeter, wohl auch enttäuschter Partner, die aber ein gemeinsames Ziel haben: Obama will so schnell wie möglich raus aus Afghanistan, das hat er den kriegsmüden Amerikanern im Wahlkampf versprochen; und Karzai will so schnell wie möglich die vollständige Souveränität für sein Land, weil er offenbar glaubt, dass dann alles besser wird.
So gesehen sind Amerikaner und Afghanen an diesem Freitag einen großen Schritt vorangekommen.
Denn Obama verkündet einen "historischen Moment": Die US-Truppen und ihre Alliierten sollen bereits im kommenden Frühjahr die Sicherheitsverantwortung vollständig an die afghanische Armee abgeben. Eigentlich war dies von der Nato erst für den Sommer vorgesehen.
Aber Obama spricht jetzt von "Fortschritt" bei den afghanischen Truppen. Das ist bemerkenswert, schließlich hieß es zuletzt in einem Bericht des Pentagon, dass bisher nur eine von insgesamt 23 afghanischen Brigaden, die von der Nato ausgebildet wurden, ohne fremde Hilfe arbeiten könne. Obama nun erklärte, künftig würden die US-Truppen "eine andere Mission" haben: "Ausbildung, Beratung, Unterstützung für die afghanischen Kräfte". Der Krieg in Afghanistan komme "zu einem verantwortungsvollen Ende". Das heiße allerdings nicht, dass amerikanische Soldaten nicht mehr in den Kampf gegen Taliban zögen.
Wie geht es weiter nach 2014?
Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung mache einen weiteren Abzug der internationalen Truppen möglich, so der Präsident. Bis Ende 2014, so hatte es die Nato auf ihrem Gipfeltreffen in Chicago 2012 bekräftigt, sollen die Kampftruppen den Hindukusch verlassen haben. Denkbar, dass sich dieser Abzug nun ebenfalls etwas beschleunigt. Das zumindest wäre ganz im Sinne der US-Regierung.
Karzai seinerseits erwähnt in Washington gleich mehrfach, dass nun bald die Afghanen die Verantwortung über die US-Militärgefängnisse übernehmen würden. Dies gilt ihm offensichtlich als entscheidendes Zeichen seiner Souveränität. Zudem setze er auf Friedensgespräche mit den Taliban. Bisher hatten die sich allerdings geweigert, mit afghanischen Regierungsvertretern zu verhandeln.
Eine entscheidende Frage konnten Obama und Karzai nicht klären: Wie geht es weiter nach 2014, nach dem Ende der Nato-Kampfmission? Die US-Regierung ist bereit, weiterhin Soldaten in Afghanistan zu belassen, um Terroristen zu bekämpfen und die rund 350.000 Mann starke Armee des Landes weiter auszubilden. "Eine beschränkte Mission", nennt Obama dies am Freitag.
Washington und Kabul haben sich wohl auf einen Deal geeinigt
Bedingung für eine solche noch zu verhandelnde Sicherheitsvereinbarung aber sei, dass die Afghanen den US-Truppen Schutz vor Strafverfolgung zusichern. Also ein Schutz, wie ihn etwa Diplomaten genießen. Analog forderte dies Obama vor zwei Jahren auch von Iraks Regierung - doch die verweigerte sich. Also gab es statt eines Abkommens den Komplettabzug. Diese sogenannte "Zero Option" hatte vor Karzais Besuch Ben Rhodes, Obamas Vize-Sicherheitsberater, schon als eine Option mit Blick auf Afghanistan gestreut.
Möglicherweise nicht ohne Wirkung. Denn bei ihren Gesprächen im Weißen Haus scheinen sich Obama und Karzai nun auf folgenden Deal geeinigt zu haben: Militärgefängnisse gegen Immunität. Karzai sagte nachher mit Blick auf die Gefängnisse: Jetzt, da diese Dinge gelöst seien, "kann ich vor das afghanische Volk treten und für US-Immunität argumentieren".
Obama seinerseits kündigte an, er werde sich mit seinen Generälen und dem Verteidigungsministerium beraten, welche Truppenstärke nach 2014 notwendig sei. Die "New York Times" berichtete, Karzai rechne mit bis zu 15.000 amerikanischen Soldaten. Auf der Pressekonferenz im Weißen Haus ließ sich der Afghane nicht festlegen. Bereits in den vergangenen Wochen hatten in Washington Überlegungen die Runde gemacht, die von bis zu 20.000 verbleibenden US-Soldaten ausgingen. Im Weißen Haus schienen sie wenig begeistert, das Pentagon schlägt nun eine Truppenstärke von 3000 bis 9000 Soldaten vor.
Obama geht es vordringlich um Jagd auf Terroristen
Ronald E. Neumann, der frühere US-Botschafter in Afghanistan, warnte in der "Washington Post" vor solchen "Zahlenspielen". Man solle eher beachten, was die unterschiedlichen Zahlen bedeuteten: "3000 bis 6000 Soldaten bedeuten einen Anti-Terror-Einsatz, der ernsthafte Unterstützung fürs afghanische Militär beiseite lässt und sich aufs Töten unserer Feinde konzentriert." Das aber könne den Kollaps des afghanischen Staatswesens, also neue Gefahren bedeuten. Neumann weiter: "Der Anti-Terror-Ansatz wäre zwar oberflächlich attraktiv, aber eine ruinöse Strategiewahl."
Tatsächlich scheint es Obama vordringlich um die Jagd auf Terroristen zu gehen. Er wolle noch mal daran erinnern, warum die USA im Oktober 2001 nach Afghanistan gegangen seien, sagt er mit Blick auf die Anschläge von New York und Washington: "Weil 3000 Amerikaner von einer Terrororganisation ermordet wurden, die offen und auf Einladung der damals Regierenden aus Afghanistan heraus operierte." Und jetzt, nach einem Jahrzehnt, seien die USA "nah dran, unser zentrales Ziel zu erreichen: al-Qaida zu zerlegen".
Heißt im Umkehrschluss: Das zentrale Ziel ist nicht der Kampf gegen die Taliban. Damit hat sich über die Jahre Obamas Strategie gewandelt. Schließlich war er es, der zu Beginn seiner Amtszeit die Truppenstärke in Afghanistan verdreifachte; noch heute stehen 66.000 US-Soldaten am Hindukusch. Unter Obama haben dort mehr Amerikaner ihr Leben verloren als in der gesamten Bush-Ära. Aber mit der Zeit verabschiedete sich der Präsident von der Strategie der Aufstandsbekämpfung.
Am Ende fragt ein Reporter, ob der Einsatz es wert war, dass mehr als 2000 US-Soldaten sterben mussten. "Sie haben das von uns erstrebte Ziel herbeigeführt", sagt Barack Obama. Er meint die Zerstörung al-Qaidas. Und dann fügt er rasch noch hinzu, dass ein stabiles, souveränes Afghanistan natürlich ebenfalls im Interesse der USA sei.
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