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US-Truppenabzug: Terrorexperten erwarten Qaida-Comeback im Irak

Von Yassin Musharbash

Der Abzug der US-Kampfeinheiten aus dem Irak ermutigt al-Qaida und andere Terrorgruppen: Sie wollen das Land durch Angriffe auf Polizei und Armee wieder ins Chaos stürzen und neue Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten schüren. Rekruten werden notfalls gekauft.

Irak: Ein Land am Rande des Abgrunds Fotos
AP

Berlin - Im Morgengrauen rollten US-Panzer über die Grenze vom Irak nach Kuwait. Zwei Wochen früher als angekündigt haben fast alle regulären US-Kampftruppen an diesem Donnerstag das Land verlassen. In den kommenden Tagen sollen sich auch Tausende Mitglieder von Spezialeinheiten zurückziehen.

Und jetzt? Kann die irakische Armee und Polizei jetzt allein für Sicherheit sorgen?

Rückblick auf Anfang Juni. Es war eine Zahl, die Eindruck machte: Der US-Oberkommandierende im Irak, General Ray Odierno, erklärte damals, dass seine Soldaten und ihre irakischen Kollegen 34 von 42 der bekannten Top-Leute des Terrornetzwerks al-Qaida im Irak "gefangen oder getötet" hätten.

34 von 42: Das entspricht knapp über 80 Prozent. Kein Wunder, dass US-Admiral Michael Mullen optimistisch sekundierte, al-Qaida im Irak sei "zerstört". Schließlich waren erst im April mit Abu Omar al-Baghdadi und Abu Ajub al-Masri die beiden Anführer der Qaida-Filiale getötet worden.

Mittlerweile schätzen Experten den Niedergang des Terrornetzwerks im Zweistromland nicht mehr so dramatisch ein. Al-Qaida im Irak habe praktisch keine zentrale Führung mehr, die einzelnen Zellen arbeiteten unabhängig oder kooperierten lose. Auf diese Weise könne die Mördertruppe zu einer "längerfristigen Bedrohung für den irakischen Wiederaufbau werden", schreibt zum Beispiel Myriam Benraad vom "Washington Institute".

In diese neue Analyse sind etliche große Anschlagswellen eingegangen, die al-Qaida im Irak trotz der Tötung ihrer Anführer in den vergangenen Monaten durchführen konnte. In den letzten Wochen konzentrierten sich die Terroristen dabei vor allem auf irakische Sicherheitskräfte und die Gruppe "Söhne des Irak", die aus den Stammesmilizen hervorgegangen ist, welche sich 2006 unter dem Namen "Erweckungs-Räte" zusammenschlossen, um al-Qaida zu bekämpfen.

Am 18. Juli zum Beispiel tötete ein Qaida-Selbstmordattentäter 45 Anti-Qaida-Milizionäre in Bagdad. Aber auch auf andere Art und Weise dezimiert al-Qaida deren Reihen: Die Terroristen kaufen einige ihrer Gegner schlicht. Al-Qaida bereite sich auf den US-Abzug vor, indem sie Ex-Kämpfer ebenso wie Anti-Qaida-Milizionäre vor die Wahl stelle, sich entweder al-Qaida anzuschließen und im Gegenzug ein Gehalt zu bekommen, oder getötet zu werden, bestätigt Mustafa Alani vom Gulf Research Center in Dubai. "In einigen, wenn nicht in vielen Fällen hatten sie damit Erfolg."

Für al-Qaida ist die irakische Armee eine Besatzungsmacht wie die USA

Der "Guardian" beschrieb diese neuartige Rekrutierungspraxis kürzlich detailliert. Die Söhne des Irak bekommen vom US-Militär 300 US-Dollar im Monat - theoretisch. Doch je öfter sich die Auszahlung verzögert oder gar nicht ankommt, desto mehr Kämpfer nähmen al-Qaidas höheres Angebot an, berichteten Anführer der Söhne des Irak.

Nun hat die letzte große reguläre Kampfbrigade der US-Truppe nahezu komplett das Land verlassen, die Spezialeinheiten folgen in Kürze. Das hoffen al-Qaida & Co ausnutzen zu können. Denn die irakischen Sicherheitskräfte sind weniger effektiv und schlechter ausgebildet und ausgerüstet. Dass die innenpolitische Lage im Irak verfahren ist, spielt al-Qaida ebenfalls in die Hände.

Experten gehen davon aus, dass al-Qaida und verwandte Gruppen künftig verstärkt versuchen werden, eben jene Sicherheitskräfte anzugreifen. "Die Gruppe wird sich durch den Abzug ermutigt fühlen und vor allem in Bagdad zuschlagen", sagt Sajjan Gohel von der Londoner Asia-Pacific Foundation. Erst am Dienstag gab es in der Hauptstadt erneut einen Anschlag auf ein Rekrutierungsbüro der Sicherheitskräfte - die Täter werden bei al-Qaida vermutet.

Al-Qaida hat auch in den vergangenen Jahren schon den neuen irakischen Staat angegriffen und erklärt, das Ziel sei es, "seine Säulen zu erschüttern". Zu diesem Zweck setzten die Terroristen etwa riesige Bomben gegen Ministerien ein. Neu aber ist, dass die irakische Armee und Polizei von den Terroristen als "die neuen Besatzer" dargestellt werden, wie Miryam Benraad festgestellt hat. So soll das Bild al-Qaidas als "Verteidiger des Landes" nach dem Abzug der US-Kampftruppen gefestigt werden.

Al-Qaida stiehlt regelmäßig Blutkonserven

Es ist zwar kaum vorstellbar, dass al-Qaida und ihre Verbündeten den irakischen Staat ernsthaft gefährden können; dafür hat das Netzwerk weder genug Ressourcen noch ausreichend Kämpfer. Aber es zeichnet sich ab, dass die Gruppe widerstandsfähiger ist, als viele Experten angenommen haben. Es gibt etliche schlechte Omen für die Zukunft.

  • In Bagdad pflanzten Qaida-Kämpfer beispielsweise erst kürzlich wieder die schwarze Flagge ihres "Islamischen Staates Irak", nachdem sie einen Checkpoint überrannt hatten.
  • Laut einem Bericht der "New York Times" gibt es zudem eine Reihe von Krankenhäusern, die regelmäßig Besuch von Qaida-Kadern bekommen, die dann, als wäre es das Normalste auf der Welt, Blutkonserven für ihre Verwundeten einsammeln. Niemand ist in der Lage, das zu verhindern - auch wenn Terroristen und Sicherheitskräfte sich gelegentlich in den Hospitälern begegnen.
  • Und gleich mehrfach attackierten Qaida-Kämpfer gezielt Journalisten, deren Berichte ihnen missfallen hatten. Hinzu kommt eine enge Verbindung mit kriminellen Banden, worüber ein Teil der Geldmittel generiert wird.

Die meisten Experten glauben, dass sich solche Entwicklungen in den kommenden Monaten verfestigen werden. Denn dass die abziehenden US-Kampftruppen ein Vakuum hinterlassen werden, ist unbestritten - auch wenn Zehntausende US-Truppen im Land bleiben. Diese sollen ihre irakischen Kollegen jedoch nur ausbilden und bei Anforderung unterstützten. Ansonsten werden sie in ihren Unterkünften bleiben.

"Traurige Nächte und blutgefärbte Tage"

Ein weiteres Szenario, das Analysten befürchten, ist ein neuerliches Aufflammen der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten. Der Gründer al-Qaidas im Irak, der 2006 getötete Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi, hatte alles dafür getan, den Irak in einen sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieg zu treiben. Monatelang sah es aus, als würde das gelingen; es gab Tausende Tote. Sarkawi hatte nicht viel gebraucht, um eine Spirale der Gewalt anzuzetteln: Anschläge auf schiitische Pilger und ihre wichtigsten Moscheen genügten.

Sajjan Gohel warnt, dass die Gefahr einer Wiederholung unterschätzt wird. Schließlich gebe es auch schiitische militante Gruppen, die "ungehindert operieren". Im schlimmsten Fall würden sie zurückschlagen, und die Spirale käme womöglich erneut in Gang. In Zeiten, in denen der politische Streit in der Hauptstadt ebenfalls Bruchlinien zwischen Sunniten und Schiiten nachzeichnet, wäre das umso explosiver.

Al-Qaida selbst hält sich unterdessen bedeckt. Seit die Anführer al-Masri und al-Baghdadi getötet wurden, hat das Netzwerk zwar neue Führer benannt - diese aber melden sich bisher kaum zu Wort, vermutlich aus Angst um ihre Sicherheit. Die Gruppe versicherte allerdings, sie werde den alten Kurs fortsetzen und dem Irak weiterhin "traurige Nächte und blutgefärbte Tage" bescheren.

Die Terroristen hoffen nun, dass der Abzug der US-Kampftruppen ihre Schwächung durch den Verlust zahlreicher Führer ausgleicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Wen wundert's?
S. Loeb 19.08.2010
Zitat von sysopDie letzten US-Kampftruppen ziehen noch schneller aus dem Irak ab als geplant - und hinterlassen ein zerrüttetes Land: jeden Tag Anschläge, eine machtgierige politische Elite, aber keine Regierung. Beobachter rechnen mit dem Ausbruch eines neuen Bürgerkriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,712502,00.html
Tja, das kann man halt von dem Amerikanern erwarten. Dinge in Schutt und Asche legen, da sind sie wirklich toll und ungeschlagen. Ihre Fähigkeiten im Bereich des nation building sind dann eher bescheiden, darum wird die Sache auch in Afghanistan grausig schief gehen. Das geht dann zu Lasten der Menschen in diesen Ländern, aber es ging den Amis ja eh nie darum, deren Interessen zu vertreten. Hauptsache, noch eine kleine "mission accomplished" photo-op wahrnehmen und dann gerade rechtzeitig für die anstehenden Wahlen wiederum publizitätswirksam die Soldaten nach Hause bringen. Wen kümmert's schon, dass ein unstabiles, zerrüttetes Land zurück gelassen wird, in welchem die Politiker konsensunfähig sind und die sich nur um die eigene Macht, nicht aber um das Wohl des Landes kümmern. Ein Bürgerkrieg steht vor der Tür und die Amis gehen. Kein Wunder, dass die USA im Bereich hard power (Militär mächtig, Wirtschaft geht so) zwar nach wie vor die Nummer 1 der Welt ist, aber hinsichtlich der sogenannten soft power (winning minds and hearts anybody?) soeben die totale Bankrotterklärung unterschrieben wurde.
2. aw
kdshp 19.08.2010
Zitat von sysopDie letzten US-Kampftruppen ziehen noch schneller aus dem Irak ab als geplant - und hinterlassen ein zerrüttetes Land: jeden Tag Anschläge, eine machtgierige politische Elite, aber keine Regierung. Beobachter rechnen mit dem Ausbruch eines neuen Bürgerkriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,712502,00.html
Hallo, und das wird nicht nur im irak passieren das mit dem bürgerkrieg. Ich denke die neue generation die da kommt läßt sich nicht weiter so einfach unterdrücken siehe iran. Was ich befürchte ist das aus dikatoren dann gottestaaten werden. Mir tuen die leute in diesen ländern jetzt schon leid!
3. Übergangszeit
jb_78 19.08.2010
Zitat von sysopDie letzten US-Kampftruppen ziehen noch schneller aus dem Irak ab als geplant - und hinterlassen ein zerrüttetes Land: jeden Tag Anschläge, eine machtgierige politische Elite, aber keine Regierung. Beobachter rechnen mit dem Ausbruch eines neuen Bürgerkriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,712502,00.html
Jetzt in der Übergangszeit werden sich die "Clans" bekämpfen und wechselne Koalitionen, sowie Waffenstillstände eingehen. Danach werden sich mehrere Regionalgesellschaften bilden. Weiterhin kann ... kann sich eine Gruppe von "Clans" zu überregionalen Strukturen organisieren, dass es sogar Staaten werden können wie im Nahen Osten üblich. Die Mechanismen, Werte, Praktiken waren ganz gut im libanin in den 80er Jahren zu beobachten. Westliche Massstäbe sollte man tunlicht nicht anlegen - in keinster Weise. IRAK spezifisch dürften die Hauptgruppen der Kurden im Norden, Sunniten zentral und Schiiten im Süden eine Rolle spielen. Zugegeben eine sehr oberflächliche, extrem einfache Darstellung.
4. Eine Riesensauerei!
AndreasC 19.08.2010
Zitat von sysopDie letzten US-Kampftruppen ziehen noch schneller aus dem Irak ab als geplant - und hinterlassen ein zerrüttetes Land: jeden Tag Anschläge, eine machtgierige politische Elite, aber keine Regierung. Beobachter rechnen mit dem Ausbruch eines neuen Bürgerkriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,712502,00.html
Wahrscheinlich wird dies ein Desaster im Irak geben. Nur was sollten die USA tun? Der Krieg war von anfang an falsch. Die Iraker mussen jetzt selber eine Regierung stellen, und Ordnung in Ihr Land bringen. Dies wird noch sehr viel Blut kosten. Die USA wird das später bezahlen müssen. Mal schauen, wieviel dann ein Leben wert ist. Alles in Allem: Eine riesen Sauerei, die ganzen 7 Jahre.
5. Erst wird jahrelang
arioffz 19.08.2010
mit Saddam Geschäfte gemacht, ja Beste Kumpels die Amis und der Irak-Diktator, dann passt er nicht mehr ins Konzept(solche Zustände hat es zu Saddam nicht gegeben) und jetzt hinterlassen sie nur Mist! Die Ölfelder sind in Amihand also was braucht man mehr.
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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