Konflikt zwischen Nato und Russland USA fordern mehr Führung von Deutschland

Auf seinem Berlin-Besuch ist US-Verteidigungsminister Carter voll des Lobes für Gastgeberin Ursula von der Leyen - und stellt doch klare Forderungen: Von Deutschland erwartet er mehr Engagement für die Nato.

US-Verteidigungsminister Carter, Gastgeberin von der Leyen: Er fordert "ein aktiveres Deutschland"
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US-Verteidigungsminister Carter, Gastgeberin von der Leyen: Er fordert "ein aktiveres Deutschland"

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Bei seinem ersten Deutschland-Besuch hat US-Verteidigungsminister Ashton Carter von der Bundesrepublik gefordert, mit mehr Eigeninitiative die Nato im Konflikt mit Russland zu stärken. "Wir ermutigen Deutschland, seine führende Rolle in der Sicherheitspolitik auszubauen", sagte Carter in Berlin. Er lobte das Engagement bei der Eingreiftruppe der Allianz, mahnte aber mehr Geld für den Verteidigungshaushalt an, um die Nato zu stärken.

"Wir müssen sicherstellen, dass die Nato in der Lage ist, Antworten auf die Herausforderung zu finden", sagte Ashton. "Nur ein aktiveres Deutschland und ein aktiveres Europa können sicherstellen, dass Wladimir Putin die Uhr nicht zurückdrehen kann", sagte Carter. Die USA seien nicht bereit, weiterhin den Löwenanteil der Nato-Rüstungsausgaben zu tragen.

Viel Lob kam von Carter für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Vom ersten Treffen an habe er gewusst, dass die erste Frau im Wehrressort "ein exzellenter Partner" sein würde. Selbst einige Kernprojekte der Ministerin sprach der Gast aus den USA konkret an, zum Beispiel die Attraktivitätsoffensive, um mehr junge Menschen für die Bundeswehr zu begeistern. In den USA, so Carter, stehe er vor ähnlichen Herausforderungen - der deutsche Weg sei interessant.

Mehr Kooperation, weniger Konfrontation

Carters Freundlichkeit mag inszeniert sein, bemerkenswert war sie trotzdem. Wie zwei Vertraute herzten er und von der Leyen sich bei einer Veranstaltung der "Atlantik-Brücke", gleich dreimal sprach die Ministerin ihren Kollegen mit Spitznamen an. Von der Leyen hatte sich in den vergangenen Monaten intensiv um eine enge Beziehung zu Carter bemüht. Im Januar wollte sie als eine der ersten Europäer Carter zur Ernennung gratulieren, am Ende kam aber nur ein kurzes Telefonat heraus.

Daraufhin entschloss sich von der Leyen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und reiste wenige Wochen später nach Washington. Obwohl daheim die G36-Affäre kochte, wollte sie sich die Chance nicht entgehen lassen, den US-Minister selber zu sprechen. Seitdem, so wird es im Ministerium erzählt, haben die beiden einen direkten Draht zueinander. Nach eher ruppigen Zeiten in den Beziehungen beider Verteidigungsministerien stehen die Zeichen wieder auf Kooperation statt auf Konfrontation.

Die USA fahren in den Beziehungen zu Deutschland seit Jahren eine neue Linie, statt schroffer Kritik umarmt man den Partner, um Ziele zu erreichen. Gab es rund um den Afghanistan-Einsatz Kritik, die Deutschen beteiligten sich nicht an verlustreichen Kämpfen, ringt man Berlin nunmehr durch Lob mehr Engagement ab. Spätestens mit der deutschen Entscheidung, Waffen für die Kurden und ihren Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) zu schicken, scheint diese Strategie aufgegangen.

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Carters Rede in Berlin war der Auftakt für eine kleine Europa-Tour, bei dieser wollen die USA für einen harten Kurs gegenüber Russland werben. Am Nachmittag besucht der Pentagon-Chef mit von der Leyen und ihren Kolleginnen aus Holland und Norwegen das Deutsch-Niederländische Korps in Münster, von dort aus führt die Bundeswehr die schnelle Eingreiftruppe der Nato. Am Dienstag dann reist er nach Estland, von dort geht es direkt zum Nato-Verteidigungsministerrat in Brüssel.

Harsche Töne an Putin

Bei der Nato wird es um die US-Pläne gehen, schon bald schweres Gerät wie Panzer an den Ostrand der Nato zu verlegen, um sich für den Fall einer russischen Aggression zu wappnen. Carter bestätigte die Ideen, betonte aber die defensive Natur. Es gehe um "Ausstattung vornehmlich zur Ausbildung" von Nato-Truppen und das Ziel, "die Widerstandsfähigkeit der Allianz und insbesondere von Verbündeten an ihren Rändern zu erhöhen".

Von der Leyen hatte die amerikanische Initiative, von Russland bereits als neue Provokation gegeißelt, bereits in der vergangenen Woche überraschend deutlich begrüßt. Auch in Berlin zog sie erneut den Vergleich zu den US-Truppen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland stationiert waren. "Wir werden nie vergessen, dass die USA uns nach dem Krieg geschützt haben", sagte von der Leyen, "wir verstehen die Stationierung von US-Truppen als ein Zeichen der Sicherheit".

Ihr Gast fand für den russischen Präsidenten Putin harsche Töne. "Das aggressive Russland von heute hat keinen Platz in dieser Welt", sagte Carter. Mit den Sanktionen zahle Moskau den Preis für diese feindliche Haltung, auch mit der Aufrüstung der Nato reagiere man nur auf feindliche Handlungen. Eine Rückkehr in die Weltgemeinschaft knüpfte Carter an enge Bedingungen: "Wir werden erst wieder mit Russland reden, wenn es bereit ist, internationale Werte anzuerkennen".


Zusammengefasst: US-Verteidigungsminister Ashton Carter hat die Bundesrepublik bei seinem ersten Deutschland-Besuch in die Pflicht genommen. Im Konflikt mit Russland forderte er mehr deutsches Engagement für die Nato in Europa. Seine Kollegin Ursula von der Leyen bekräftigte die enge Partnerschaft zwischen Washington und Berlin.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 375 Beiträge
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Seite 1
r2d2lock 22.06.2015
1. Mehr Führung
im Sinne von führender Rolle als Geldgeber
Unternehmerunternimmtwas 22.06.2015
2. Katze aus dem Sack
USA auf Kriegsfuss und wir sollen noch bezahlen! Uns geht es aber ohne NATO viel besser, meine (nicht nur) ich. Dann müssen sich unsere ferneren Nachbarn auch nicht berechtigterweise vor uns fürchten. Es wird Zeit, dass die Amerikaner diesen Kontinent räumen. Ihre Kriegs-Politik ist unerträglich. Sinnvollerweise nehmen sie ihre hiesigen Politmarionetten gleich mit.
Senf-Dazugeberin 22.06.2015
3. Ich lach mich schlapp
Wie soll Deutschland denn mehr Führung übernehmen, wir haben doch als US-Kolonie sowieso nichts mehr zu melden. Oder ist gemeint, dass Murksel die amerikanische Position 1:1 (quasi als Sprachrohr, da die Amis ja OFFIZIELL in der EU nichts zu melden haben) durchdrückt. Es wird immer lächerlicher. Habe im Namen meiner kleinen Kinder Angst um die Zukunft.
megamekerer 22.06.2015
4. Es soll heissen: USA fordern mehr Geld von Deutschland
Deutschland muss die aggressive Politik der USA bezahlen! Nato könnte ohne Geld nicht mehr in diese Form existieren weil USA sich weigern an die Kosten zu beteiligen und dir Rest der Nato-Länder haben einfach kein Geld für diese Politik! Nun Wollen USA Deutschland Führung überlassen in dem sie Deutschland diktieren was die Deutschen kaufen müssen!
nixkapital 22.06.2015
5. Komplette
..Anbiederung an die USA. Auch da sieht man, wie schwach Eropa eigentlich ist. Von einer eigenen Sicherheitsarchitektur ist man in Brüssel weit entfernt. Stattdessen biedert man sich als Erfüllungsgehilfe der friedfertigen USA an. Und Frau von der Leyen vorneweg. Hauptsache man kennt sich schon beim Spitznamen und kann die eigene Bedeutung ein wenig aufblähen.
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