US-Veteranen Vom Helden zum Wrack

Im Krieg gelten sie als Helden, zurück zu Hause versinken sie in Verzweiflung: Immer mehr US-Kriegsveteranen nehmen sich nach der Rückkehr von der irakischen Front das Leben. Experten sprechen schon von einer "Selbstmord-Epidemie" - Hilfe gibt es bisher wenig.

Von , New York


New York - Äußerlich ist James Elliott wenig anzumerken. Glattrasiert, nassgescheitelt, Lesebrille, breite, silberblaue Krawatte: Der geschniegelte 38-Jährige sieht aus wie ein Banker oder ein PR-Berater. Er spricht in kargen Sätzen, die nötigsten Worte nur.

US-Soldat Dwyer bei seiner berühmten Rettungsaktion im Irak 2003: Selbstmord aus Überforderung
AP/ The Army Times

US-Soldat Dwyer bei seiner berühmten Rettungsaktion im Irak 2003: Selbstmord aus Überforderung

Mit leisem Widerwillen gibt er Auskunft auf Fragen. Ja, er habe in der Task Force "Bandits" des 1st Brigade Combat Teams gedient, einer der ältesten Spezialeinheiten der US-Armee. Ja, er sei 15 Monate im Zentralirak eingesetzt gewesen. Ja, er sei Stabsgefreiter gewesen. Und nach seiner Heimkehr? "Da verfing ich mich in einem teuflischen Netz", sagt er leise.

Der Mann, der am Mittwoch stockend als Zeuge vor dem US-Kongress auftrat, schien ein völlig anderer Mann zu sein als der, der am 5. Februar, wie er es selbst sagt, "durchknallte".

Da rannte Elliott in Silver Spring, einem Vorort Washingtons, sturzbetrunken auf die Straße, brüllend, mit einer geladenen Smith & Wesson herumfuchtelnd. "Wollt Ihr mich erschießen?", forderte er die Polizisten heraus, die ihn aus der Entfernung ins Visier nahmen. "Erschießt mich!" Erst nach 20 Minuten setzte ihn der Taser-Stromschlag eines Cops außer Gefecht.

Bis heute kann sich Elliot nicht an die Details des Vorfalls erinnern. Nur eins weiß er: Er ist noch mal davongekommen. Denn Elliot versuchte damals nichts anderes als "suicide by cop" ("Selbstmord per Polizei") - eine nicht zuletzt bei Veteranen immer beliebtere Methode, ihr posttraumatisches Seelenleid zu beenden.

"Es ist eine Tragödie"

Elliott hatte Glück im Unglück. Doch Tausende andere Veteranen gehen ungehindert in den Freitod, auf diese oder herkömmliche Weise, mit Schlaftabletten, dem Strick, Schusswaffen: Suizid, so Experten, ist zu einer regelrechten Epidemie unter US-Kriegsheimkehrern eskaliert. Inzwischen beschäftigt dieses Phänomen auch den Kongress - so am Mittwoch den Veteranen-Ausschuss des Repräsentantenhauses. "Der Verlust von nur einem einzigen Veteran durch Selbstmord", sagte dessen Vorsitzender, der Demokrat Bob Filner, "ist eine Tragödie".

Eine unaufhaltsame Tragödie, die schon nach dem Vietnam- und dem Korea-Krieg an der Heimatfront um sich griff. Das Problem ist bis heute auch deshalb so schwer in den Griff zu bekommen, da es mangels zentraler Erfassung keine offiziellen Zahlen gibt. Nach Ausschuss-Informationen verüben derzeit im Monat etwa tausend Irak- und Afghanistan-Heimkehrer Selbstmordversuche - rund 12.000 pro Jahr.

Die Veteranenbehörde VA teilt diese Schätzung in internen E-Mails, die der TV-Sender CBS enthüllte. Nach außen hin bestätigt die VA im Schnitt 18 Veteranen-Selbstmorde pro Tag - mehr als 6500 im Jahr. Auch das ist schon viel: Es wären 21 Prozent aller US-Selbstmorde - wobei die Veteranen gerade mal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Alkoholismus, Drogensucht, Arbeitslosigkeit

Die Soldaten-Suizide sind die extremste Konsequenz einer weitverbreiteten psychischen Krankheit unter Veteranen: posttraumatisches Stress-Syndrom (PTSD) - die kombinierten Spätfolgen schwerer Traumata. Depressionen, Schlaflosigkeit, Alpträume, Flashbacks, Überreiztheit, Angstzustände. 30 bis 40 Prozent aller Kriegsheimkehrer leiden unter PTSD-Symptomen. Diese wiederum führen schnell auch zu gesellschaftlichen Folgen: Alkoholismus, Drogensucht, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Scheidung - und Selbstmord.

Die VA ist damit überfordert. Obwohl der Kongress im November 2007 ein Gesetz verabschiedete, das die Pentagon-Behörde zur Einrichtung eines "umfassenden Programms zur Verhinderung von Selbstmorden von Veteranen" verpflichtete, gibt es weder genügend Ärzte noch Geld, um die kranken Krieger fachgemäß zu behandeln. "Die Situation wird sich nur verschlimmern, bevor sie sich verbessert", sagte der republikanische Abgeordnete John Boozman im Veteranen-Ausschuss.

Die Gruppe Iraq and Afghanistan Veterans of America (IAVA) hat ermittelt, dass allein in der Armee die Suizidrate seit der Irak-Invasion dramatisch angestiegen und derzeit so hoch ist wie seit 26 Jahren nicht mehr. "Die Zahlen zeigen zweifellos", sagte Paul Sullivan, der Chef der Hilfsorganisation Veterans for Common Sense, gegenüber CBS, "dass unter den Veteranen eine Selbstmordepidemie herrscht."

Diese Epidemie erreichte jetzt auch Pinehurst, einen idyllischen Ort in den Hügeln North Carolinas. Dort wohnte Joseph Dwyer, 31, der als Sanitäter mit dem 7th Cavalry Regiment im Irak war. Dwyers Foto ging 2003 um die Welt, als er einen irakischen Jungen aus dem Kreuzfeuer rettete. Das Bild wurde zum Symbol soldatischen Heldentums. "Dafür habe ich angeheuert", sagte Dwyer der "Army Times" damals. "Um Menschen zu helfen."

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