Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Chaos-Parteitag von 1924: Als die US-Demokraten sich zerlegten

Von , New York

Chaos-Parteitag: Tumulte, Trommeln und Tubas Fotos
AP

Donald Trumps Rivalen wollen ihn beim republikanischen Parteitag stoppen. Vor 92 Jahren versuchten die Demokraten, den Vorwahlsieger zu verhindern - das endete in Prügeleien und einem Wahldesaster.

Dieses Mal sparte sich Donald Trump die Siegesfeier. Nachdem er die jüngsten US-Vorwahlen in Arizona gewonnen, in Utah aber verloren hatte, beschränkte sich der Republikaner auf ein paar obligatorische Twitter-Posts: "Danke, Arizona!" Warum auch mehr? Die Nominierung seiner Partei scheint Trump sowieso sicher zu haben.

Seine republikanischen Rivalen dagegen hoffen auf eine letzte Chance, den bombastischen Populisten zu stoppen: Spätestens beim Wahlparteitag Ende Juli könne man Trump vielleicht durch einen weniger radikalen Kandidaten ersetzen. "Ich halte es für möglich", sagt Parteichef Reince Priebus. "Wir bereiten uns darauf vor."

Doch dieses Szenario wird immer unwahrscheinlicher. Nicht nur, weil Trump für einen solchen Fall mit Randalen seiner Anhänger gedroht hat. Sondern auch, weil dieser seltene, drastische Schritt die Partei spalten und ihr alle Aussichten auf einen Wahlsieg nehmen könnte.

Wie unappetitlich das wäre, zeigt ein Blick zurück, ins Jahr 1924. Damals rasselten nicht die Republikaner, sondern die Demokraten in den chaotischsten, längsten Parteitag der US-Geschichte. Er dauerte 16 Tage und umfasste 103 Wahlgänge, Tumulte, Prügeleien - und am Ende stand ein zum Scheitern verurteilter Kompromisskandidat.

Zwar gab es später einige ähnlich umstrittene Parteitage, doch nie mehr ein solches Desaster. Dessen Folgen waren so nachhaltig, dass die Demokraten erst acht Jahre später wieder eine US-Präsidentschaftswahl gewannen.

Hexenkessel mitten in New York

Allein der Schauplatz des Parteitags von 1924 war spektakulär - New Yorks Madison Square Garden. Besser gesagt dessen Vorläufer, ein Palazzo im maurischen Stil mit der größten Arena der Welt. In deren Dunst schwitzten 1098 Delegierte und Abertausende Schaulustige.

Die "Washington Post" beschrieb das Getümmel damals so: "Jiddische Kantoren, Varieté-Darsteller, Indianer, Hula-Tänzer, Straßenreiniger, Feuerwehrleute, Polizisten, Filmstars, Alkoholschmuggler." Die Prohibition war viereinhalb Jahre zuvor verhängt worden - und das Wahlkampfthema.

In diesem schwülen Hexenkessel prallten zwei Flügel aufeinander. Auf der einen Seite stand William McAdoo, der Gewinner der Vorwahlen und ein Mann mit einem schillernden Lebenslauf. Er war Jurist, Geschäftsmann und progressiver Politiker, zuvor Eisenbahnchef und Finanzminister. Und er war Schwiegersohn des früheren Präsidenten Woodrow Wilson.

Trotz seiner Verbindungen zum rassistischen Ku-Klux-Klan und zu einem korrupten Ölbaron hatte er sich bei den Vorwahlen durchgesetzt - gegen drei Ex-Gouverneure und den Autopionier Henry Ford. Auf McAdoo setzten Delegierten aus den entlegenen Süd- und Weststaaten: Farmer, Protestanten und Prohibitionsbefürworter.

Auf der anderen Seite die Parteimaschine der New Yorker Demokraten: Gewerkschafter, Katholiken, Einwanderer und Prohibitionsgegner, die ihren Gouverneur Al Smith unterstützten. Smith wurde vom späteren Präsidenten Franklin D. Roosevelt vorgestellt.

"Wie 10.000 Voodoo-Priester in einem Urwald"

McAdoo gewann den ersten Wahlgang mit 431 Stimmen, gefolgt von Smith mit 241 Stimmen. Doch keiner hatte die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Das Resultat: absolutes Chaos.

15 Wahlgänge am ersten Tag, 15 am zweiten. Die Stimmung wurde immer wüster.

Smith ließ die Ränge mit Statisten füllen, die, so die "Washington Post", mit "Trommeln, Tubas, Trompeten und ohrenbetäubenden elektrischen Feuersirenen" lärmten: "Wie 10.000 Voodoo-Priester in einem Urwald."

Aber auch McAdoos Vasallen tricksten: Sie zogen den Parteitag so lange hin, bis den Widersachern das Geld für ihre Hotels ausging.

McAdoo hatte noch andere Unterstützer - den Ku-Klux-Klan. Die Rassisten hatten sich neu erfunden, als "politische", antikatholische Macht. Auf dem Parteitag stellten sie sich hinter McAdoo, um den Katholiken Smith zu stoppen. McAdoo wiederum distanzierte sich nicht vom KKK, im Gegenteil. Es kam zu Schlägereien, und Zehntausende KKK-Anhänger fackelten Kreuze ab.

Nach zwei Wochen gaben McAdoo und Smith entnervt auf.

Am 15. Tag - und mit dem 103. Wahlgang - nominierten die Demokraten John Davis, einen Kongressabgeordneten aus West Virginia. Die Delegierten schleppten sich heimwärts - und die kaputte Partei schleppte sich in einen Präsidentschaftswahlkampf, den sie längst verloren hatte.

In der Tat: Mit nur 28,8 Prozent verlor Davis haushoch gegen Amtsinhaber Calvin Coolidge. Erst 1932 würde wieder ein Demokrat ins Weiße Haus einziehen - Franklin D. Roosevelt.

Zum Autor
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

Der Autor auf Facebook

Mehr Artikel von Marc Pitzke

Ergebnisse der US-Vorwahlen

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. 8 Jahre kein Präsident von den Demokraten
Mertrager 25.03.2016
Wenn es damals in USA die 4-jährige Wahlperiode gab, ist das doch nicht wirklich auffällig, sondern eher normal. Oder habe ich da was nicht kapiert ? Wenn doch, heisst das doch, dasz man das Chaos dirchaus riskieren kann. Der Wähler ist vergeßlich und es geht weiter wie vorher.
2.
Engywuck 25.03.2016
"8 Jahre kein demokratischer Präsident" - da habe ich auch zuerst an "so ungewöhnlich ist das nicht" gedacht. Allerdings hatten sowohl Coolidge als auch sein Nachfolger Hoover nur je eine Amtszeit - uns insbesondere war 1932 mitten in der "Great Depression", gegen die Hoover keine Antworten hatte und die ihn unbeliebt machten (Elendsviertel wurden "Hooverville" genannt!) Ohne diese "Mithilfe" hätte es also eventuell noch deutlich länger dauern können, bis wieder ein Präsident der Demokraten gewählt wurde. Den Parteitag von 1924 ist als Beispiel für "dann kommt ihr *lange* nicht an die Macht" dennoch untauglich
3. Nur 8 Jahre?
Rosa3000 25.03.2016
Bei einem 4 jährigen Intervall ist das nicht wirklich nachhaltig. Sie hatten also diese Wahl und die folgende verloren. Wenn in dem Zeitraum nur ein Republikaner dran war, wäre das total normal, selbst wenn der nach 4 Jahren gewechselt hat, wäre es einfach ... demokratisch... und nicht etwa die Nachwirkung eines vergurkten Parteitages.
4. Mal ein wenig Klartext...
thomasmann 25.03.2016
Die Werte der Republikaner vertritt Clinton wie kein anderer Kandidat. Trump hingegen ist etwas ganz anderes, als die Leute der Tea Party, die derzeit bei den Reps das sagen haben. Denen geht es um christlichen Fundamentalismus, den sie allen anderen aufzwingen wollen! Leider will das der Rest von Amerka nicht, also wollen diese Leute Trump mit aller Macht verhindern. Korrekt ist natürlich, dass Trump sicher kein guter Präsident für die USA wäre. Für Europa wäre er hingegen gut, denn er hat nicht vor auch künftig wie OBama und seine Vorgänger US Geld für Kriege im Rest der Welt zum Fenster rauszuwerfen. Hilary hingegen wird das tun. Es lässt tief in Deutschlands Realität blicken, auf wessen Seite die Medien hier stehen....
5. @thomasmann: Woraus lässt sich schließen, dass er keine Kriege führen will ?
zieglerm 26.03.2016
Seine Aussagen zur Außenpolitik sind doch bisher eher verworren und wiedersprüchlich. Aber er will auf jeden Fall den starken Mann spielen. Seine Aussagen lassen eher erwarten, dass er sich bei seinen Kriegen ausschließlich auf wirtschaftliche Interessen - Rohstoffe, etc. -fokussieren wird. Ob das besser ist...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH