US-Vorwahlen: Newt Gingrich zieht in sein letztes Gefecht

Aus Atlanta, Georgia, berichtet

Einst Spitzenreiter, dann abgestürzt: Newt Gingrich hofft am Super Tuesday verzweifelt auf ein Comeback durch den Sieg in seinem Heimatstaat Georgia. Doch der Südstaat dürfte seine letzte Bastion sein - eine Chance auf die Nominierung hat er nicht mehr.

US-Vorwahlen: Endstation für Gingrich? Fotos
AP

Claire Cantrell hat in der vergangenen Woche fast 2000 Kilometer zurückgelegt. "Darauf bin ich ganz schön stolz", sagt sie und lacht. "Wo ich doch so eine schlechte Autofahrerin bin!" Trotzdem hat sie die Straßen des US-Bundesstaats Georgia unsicher gemacht, von einem Ende zum anderen - nur um ihrem Helden zu folgen.

Cantrells Held: Das ist Newt Gingrich, der republikanische Präsidentschaftskandidat, der nicht aufgibt. Während Mitt Romney und Rick Santorum an diesem Super Tuesday um die meisten Delegiertenstimmen der insgesamt zehn Vorwahlen kämpfen, setzt Gingrich alles auf eine Karte - seinen Heimatstaat Georgia.

"Damit das klar ist", sagte er neulich hier in Atlanta, der Hauptstadt des Südstaats. "Ich muss Georgia gewinnen, um glaubhaft im Rennen zu bleiben." Von Georgia in die Welt - und wieder zurück: Der Kreis schließt sich.

Und wie immer rätseln alle. Wird dies Gingrichs Comeback Nummer drei? Oder sein letztes Gefecht, samt clever inszeniertem Schwanengesang? Ein klarer Sieg in Georgia könnte dem schon Totgesagten eine erneute Wiederauferstehung bieten - und ein Na-ja-Ergebnis den Vorwand zum Ausstieg. Die Wetten liegen auf Ausstieg.

Denn selbst wenn er "die Festung Georgia" ("New York Times") hält: Gingrich hat längst keine Chancen mehr auf die Nominierung. Nicht rechnerisch, vom politischen Anspruch mal ganz zu schweigen. "Was will Gingrich?", wundert sich nicht nur der "New Yorker".

In Georgia hat Gingrich seine loyalsten Weggefährten

In Gingrichs Wahlkampfzentrale stellt man sich solch ketzerische Fragen nicht. "Oh, das wird ein großes Comeback", weiß Claire Cantrell, die hier so eine Art Mädchen für alles ist. Die karge Büroflucht liegt in Buckhead, einer feinen Satellitenstadt im Norden Atlantas, inmitten von Beauty-Spas und Zahnweißungspraxen. An den Fenstern pappen Newt-Plakate, auf dem Flur herrscht Chaos. Umzugskartons überall.

Ein Omen? Cantrell lacht. Sie ist redselig und fröhlich - so ganz anders, als man sich das von einem Gingrich-Fan dieser Tage vorstellt. "Der Enthusiasmus", berichtet sie, "ist ansteckend."

Cantrell meint die Fünf-Tages-Tournee durch Georgia, die Gingrich gerade absolviert hat - ein letzter Parforceritt, um die treuen Wähler daheim zu mobilisieren. "Man spürt ihn", freut sich Cantrell, "den Aufwind."

Darauf hofft auch Gingrich, zumindest nach außen hin. "Wenn ich Georgia gewinne, gehen wir nach Alabama und Mississippi", sagt er über die nächsten US-Vorwahlen. Und von dort aus nach Kansas.

Phantastereien, sagen die meisten anderen. Um 437 Delegierte geht es beim Super Tuesday, mehr als an sonst einem Vorwahltermin bisher. Die meisten werden sich wohl Romney und Santorum teilen, etwa im symbolträchtigen Wechselwählerstaat Ohio.

Georgia ist mit 76 Delegierten zwar der größte Brocken an diesem Dienstag, spielt aber in den Strategien der anderen fast nur noch eine Nebenrolle. Für Gingrich dagegen geht es um alles oder nichts: Hier wuchs er auf, hier hat er studiert, hier dozierte er, hier wurde er 1978 erstmals in den Kongress gewählt, wo er es schließlich bis zum Sprecher des US-Repräsentantenhauses brachte - und hier hat er bis heute seine loyalsten Weggefährten.

Immer neue Slogans und lachhafte Versprechen

Also sollte Georgia das Sprungbrett für Gingrichs breite "Südstaaten-Strategie" sein. Doch nun droht es zur engen Rückzugsbastion zu werden. Georgia, na gut - aber dann? Die meisten Umfragen sehen ihn hier klar vorne, der Demoskop Nate Silver beziffert seine Siegchancen auf 99 Prozent. Trotzdem wäre er auch nach einem Sieg weiter nur ein Südstaaten-Kandidat - ein Schicksal, an dem vor vier Jahren auch Mike Huckabee scheiterte, der joviale Bapitistenprediger aus Tennessee.

Es wäre das Ende einer Kampagne, die zumindest enorm unterhaltsam war. Von der Luxuskreuzfahrt durch die Ägäis als Auftakt seiner Kandidatur über den Eine-Million-Dollar-Umlaufkredit bei Tiffany und die Massenflucht des Wahlkampfstabs bis hin zur düpierten Ex-Frau (Nummer 2) Marianne, der Gingrich einst die "offene Ehe" antrug: Nichts brachte ihn aus der Ruhe.

Gingrich jedenfalls tut so, als wolle er auf Dauer im Rennen bleiben, komme, was wolle. "Dies wird noch eine gute Weile weitergehen", prahlte er am Sonntag im TV-Sender ABC.

Ohne die Finanzspritzen des Multimilliardärs Sheldon Adelson freilich wäre ihm schon lange der Atem ausgegangen. Der Casino-Mogul und dessen Familie halten "Winning Our Future" - die Lobbygruppe, die mit kruden TV-Spots für Gingrich trommelt - noch mit Millionenspenden am Leben. Doch keiner weiß, wie lange die Großzügigkeit dieses "Super PAC" anhält.

Bis dahin erfindet Gingrich immer neue Slogans, um sich profilieren. Sein jüngster: Er verspricht, die US-Benzinpreise von zurzeit bis zu vier Dollar auf 2,50 Dollar pro Gallone zu senken, "damit sich kein Präsident je wieder vor einem saudischen König verbeugen muss" - ein lachhaftes Versprechen.

"Newt gewinnt neuen Schwung", schreibt sein Wahlkampfmanager Michael Krull am Vorabend des Super Tuesday in einer E-Mail an die Anhänger. Wohin in dieser Schwung wohl führt? Vor der Wahlkampfzentrale in Buckhead prangt jedenfalls ein Schild: "Büroraum zu vermieten."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Äquator
pepito_sbazzeguti 06.03.2012
Mundwinkel Richtung Äquator - wenn das kein Grund ist, diesen Redneck sofort zu wählen :-)
2. eine bastion!
leberknecht 06.03.2012
Zitat von sysopAPEinst Spitzenreiter, dann abgestürzt: Newt Gingrich hofft am Super Tuesday verzweifelt auf ein Comeback durch den Sieg in seinem Heimatstaat Georgia. Doch der Südstaat dürfte seine letzte Bastion sein - eine Chance auf die Nominierung hat er nicht mehr. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819578,00.html
gibt es denn wirklich keine Opposition in den USA ? da haben es doch die russen besser , sie haben eine!
3. Re: gibt es denn wirklich keine Opposition
shine31 06.03.2012
Zitat von leberknechtgibt es denn wirklich keine Opposition in den USA ? da haben es doch die russen besser , sie haben eine!
Es geht hier um den Vorwahlkampf der Republikaner! Was hat das mit Opposition zu tun? Im übrigen sind die Republikaner die aktuelle Opposition. Ob es die "Russen" aktuell besser haben, das wage ich zu bezweifeln...
4. ho, ho, ho!
leberknecht 06.03.2012
Zitat von shine31Es geht hier um den Vorwahlkampf der Republikaner! Was hat das mit Opposition zu tun? Im übrigen sind die Republikaner die aktuelle Opposition. Ob es die "Russen" aktuell besser haben, das wage ich zu bezweifeln...
die aktuelle opposition? der Witz war gut! weiter sagen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema US-Präsidentschaftswahl 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare



Fotostrecke
Mitt Romney: Der Glatte
US-Wahl
Wahl des Präsidenten
In den USA liegt die exekutive Gewalt grundsätzlich beim Präsidenten, der Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in einer Person ist. Der Präsident wird alle vier Jahre neu gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich.
Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ist eine indirekte Wahl: Am Wahltag, der immer am Dienstag nach dem ersten Montag im November stattfindet, wählt die US-Bevölkerung in jedem Bundesstaat Wahlmänner. Diese bilden das Wahlmännergremium, das offiziell erst im Dezember den Präsidenten und seinen Vize wählt. Dabei gilt in den allermeisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht: Die Wahlmänner eines Bundesstaates stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Stimmen bekommen hat. Für den Gegner sind alle Wahlmänner verloren - egal wie knapp das Ergebnis ist ("Winner takes all"-Prinzip).
Parteien und Swing States
In den USA hat sich, durch das einfache Mehrheitswahlrecht begünstigt, ein Zweiparteiensystem gebildet: Praktisch spielen nur die demokratische und die republikanische Partei eine Rolle. Da in vielen Bundesstaaten die Mehrzahl der Wähler traditionell einer der beiden Parteien zugetan sind, steht in diesen Staaten praktisch fest, für welchen Kandidaten die Wahlmänner dieses Staates stimmen werden.
In anderen ist der Ausgang der Wahl hingegen offen: Sie werden als umkämpfte Staaten oder Swing States bezeichnet. Auf sie konzentriert sich der Wahlkampf der Kontrahenten. Besonders die bevölkerungsreichen unter ihnen wie Ohio und Florida stehen im Fokus der Wahlkampfstrategen, da sie viele Wahlmänner im Wahlmännergremium stellen und damit für den Ausgang der Präsidentschaftswahl entscheidend sein können.
Wahlmänner
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird nicht direkt vom Volk gewählt, sondern indirekt von Wahlmännern ("electors"). Ein Wahlmann ist ein Bürger, den die Einwohner eines US-Bundesstaates gewählt haben, damit er oder sie in einem landesweiten Gremium in ihrem Namen seine Stimme für den Präsidenten und den Vizepräsidenten abgibt. Die Wahlmänner werden von ihrer jeweiligen Partei in einem Auswahlprozess aufgestellt, der von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden ist. Normalerweise nominieren die Parteien sie auf einem Parteitag im jeweiligen Bundesstaat, oder der Zentralausschuss ("central committee") der Partei stellt sie auf.
Am Wahltag geben die Wähler jedes Bundesstaates ihre Stimme für einen der Präsidentschaftskandidaten ab. Da die Wahl indirekt ist, wählen sie damit Wahlmänner, die dann nach dem eigentlichen Präsidentschaftswahltag in dem bundesstaatenübergreifenden Wahlmännergremium ("electoral college") ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten und seinen Vize abgeben.
Welche Wahlmänner aus einem Bundesstaat in das Wahlmännergremium geschickt werden, wird in 48 US-Bundesstaaten nach dem Mehrheitswahlrecht ermittelt: Alle von einem Staat entsandten Wahlmänner gehören derselben Partei an, selbst wenn diese in dem betreffenden Staat nur mit einem hauchdünnem Vorsprung gewonnen haben sollte ("Winner takes all").
Wie viele Delegierte ein Bundesstaat entsendet, ist von seiner Größe abhängig. Jeder Staat schickt so viele gewählte Electors, wie er Senatoren und Abgeordnete im Kongress stellt. Die meisten Wahlmänner, nämlich 55, hat zurzeit Kalifornien, gefolgt von New York (31) und Florida (27). Bevölkerungsarme Staaten wie zum Beispiel Alaska oder Montana entsenden das Minimum von drei Wahlmännern. Obwohl der Hauptstadtbezirk Washington D.C. keine stimmberechtigten Vertreter im Kongress hat, entsendet auch er drei Wahlmänner ins Gremium.
Wahlmännergremium
Das Electoral College ist ein Kollegium von insgesamt 538 Vertretern der einzelnen US-Bundesstaaten, das den US-Präsidenten und seinen Vize wählt - denn Amerikas Bürger entscheiden nicht direkt darüber, wer sie regiert, sondern nur über die Zusammensetzung des Gremiums, das den Präsidenten wählt.
Das Wahlmännergremium tritt physisch nie an einem Ort zusammen. Stattdessen versammeln sich die Wahlmänner im Dezember nach der Wahl durch das Volk in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten, um ihre Stimme abzugeben. Dabei richten sie sich in ihrer Entscheidung traditionell nach dem Votum des Volkes, zwingend vorgeschrieben ist das jedoch nicht in allen Staaten. Die Wahlmänner-Stimmen werden dann nach Washington geschickt, wo sie während einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses im Januar ausgezählt werden. Der amtierende Vizepräsident kann dann endlich das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahlen verkünden, das in der Regel ja schon kurz nach der allgemeinen Wahl bekannt ist, weil die Zahl der Wahlmänner jedes Kandidaten feststeht.
Wenn keiner der Präsidentschaftskandidaten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, sieht der 12. Zusatzartikel der Verfassung vor, dass die Wahl durch das Repräsentantenhaus entschieden wird. In diesem Fall wählt das Repräsentantenhaus den Präsidenten per Mehrheitsentscheid unter den drei Kandidaten aus, die die höchste Anzahl an Wahlmännerstimmen erhalten haben. Jeder Staat gibt dann eine Stimme ab. Wenn keiner der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, entscheidet hingegen der Senat per Mehrheitsentscheid über den Vizepräsidenten, wobei sich jeder Senator für einen der beiden Kandidaten mit der größten Anzahl an Wahlmännerstimmen entscheiden muss.
"Winner takes all"
In 48 US-Bundesstaaten gilt bei den Präsidentschaftswahlen das Mehrheitswahlrecht: Alle Wahlmännerstimmen eines Staates werden komplett dem Präsidentschaftskandidaten zugeordnet, der in diesem Bundesstaat die meisten Wählerstimmen erhalten hat - "Der Sieger bekommt alles" ("The winner takes it all"). Der in diesem Staat unterlegene Präsidentschaftskandidat geht leer aus, ganz gleich wie viele Stimmen der Bürger er auf sich vereinigen konnte - diese Stimmen entfallen.
Präsident wird, wer die Mehrheit der Stimmen von den Wahlmännern bekommt, die jeder einzelne Bundesstaat in das staatenübergreifende Wahlmännergremium (electoral college) schickt. Ob der Präsidentschaftskandidat auch die Mehrheit der in den USA abgegebenen Stimmen (popular vote) bekommen hat, ist für die Präsidentenwahl hingegen nicht entscheidend. So führt das Prinzip "Der Sieger bekommt alles" dazu, dass die Wahl kein genaues Bild vom wahren Kräfteverhältnis im ganzen Land gibt.
Nur in den Bundesstaaten Nebraska und Maine gilt das System des "Winner takes all" nicht. Hier werden die Wahlmänner nach dem Verhältniswahlrecht ermittelt: Die Wahlmännerstimmen werden proportional zu den auf die Kandidaten entfallenen Wählerstimmen zwischen den Parteien aufgeteilt.