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US-Vorwahlkampf: Neuer Rückschlag für Clinton - Chefstratege gefeuert

Von , Washington

Eklat im Wahlkampfteam von Hillary Clinton: Ihr Chefstratege Mark Penn muss seinen Hut nehmen, weil er die kolumbianische Regierung bei der Vorbereitung eines Freihandelsabkommens mit den USA berät. Das Problem: Im Wahlkampf wettert Clinton gegen genau dieses Abkommen.

Mark Penn gilt als begnadeter Politik-Verkäufer. Der Meinungsforscher sicherte Bill Clinton 1996 die Wiederwahl als US-Präsident. Tony Blair hörte auf seine Ratschläge, weltweit vertrauten zahlreiche Staatsoberhäupter Penns Einflüsterungen.

Aber sich selbst konnte der 54 Jahre alte Penn nie gut verkaufen. Wenn Hillary Clintons Chefstratege Journalisten traf, lief ihm oft schon nach wenigen Minuten der Schweiß über die Stirn. Auf kritische Fragen reagierte er oft ungehalten oder mit belehrenden Kurzvorträgen. Jonathan Alten von "Newsweek", der Penn noch aus der Uni kennt, sagt über den Zahlenmenschen, er habe den Intelligenzquotienten von Bill Gates - aber seine Sozialkompetenz sei statistisch kaum messbar.

Vorige Woche schaffte Penn es aber, fehlende soziale Kompetenz mit erstaunlicher Dummheit zu vereinen - die am Sonntag in seinem Rücktritt als Chefstratege von Hillary Clintons Wahlkampf gipfelte.

Das "Wall Street Journal" enthüllte, dass Penn in seinem Hauptberuf als Chef der mächtigen PR-Firma Burson Marsteller vergangenen Montag den kolumbianischen Botschafter in Washington traf. Dessen Regierung hatte einen Beratervertrag mit der Firma abgeschlossen - und wollte von Penn wissen, wie sich am besten ein amerikanisch-kolumbianisches Handelsabkommen durch den US-Kongress peitschen lässt.

Das Problem dabei: Dessen andere Kundin, Hillary Clinton, hat erst am vorigen Dienstag vor Gewerkschaftlern in Philadelphia genau dieses Abkommen lautstark verdammt. Zwei Wochen vor der wichtigen Abstimmung im wirtschaftlich gebeutelten US-Bundesstaat Pennsylvania kämpft sie vor allem um die Stimmen einfacher Arbeiter, die Angst vor der Globalisierung haben.

Pikanter noch: Einen ähnlichen Schnitzer wie den von Penn hatte Clinton vor der Abstimmung in Ohio Anfang März erfolgreich dem Team ihres Rivalen Barack Obama vorgeworfen. Damals war herausgekommen, dass dessen Wirtschaftsberater sich mit kanadischen Offiziellen getroffen hatte, um Bedenken über Obamas öffentliche Kritik am Freihandelsabkommen Nafta zu beschwichtigen. "Ich glaube nicht, dass man den Wählern eine Sache sagen kann und dann hinter geschlossenen Türen den Vertretern einer ausländischen Regierung etwas Anderes sagt", hatte Clinton gehöhnt - die Kontroverse half ihr im rezessionsgeplagten Ohio.

Penn entschuldigte sich umgehend für die Gespräche mit den kolumbianischen Diplomaten. Doch das nützte ihm nicht mehr. In einer dürren Presseerklärung verkündete Clintons Wahlkampf-Managerin Maggie Williams Penns Abschied - ohne ein Wort des Dankes. Als Meinungsforscher soll er jedoch weiterhin für das Team tätig sein.

Der Rückschlag könnte Clinton zu keinem schlechteren Zeitpunkt treffen. Sie liegt im Delegierten-Wettkampf für den Nominierungsparteitag im August weiter hinter Obama zurück. Auch ist ihr deutlicher Vorsprung in Pennsylvania geschmolzen, seit Obama dort häufiger auftritt. In den nationalen Umfragen fällt sie immer deutlicher zurück. Gerade erst musste sie einräumen, eine Erzählung über den angeblichen Beschuss durch Heckenschützen bei einem Bosnien-Besuch in den Neunzigern weitgehend erfunden zu haben. Die Enthüllung des Doppelspiels ihres Chefberaters könnte bei Wählern den (in Umfragen schon messbaren) Eindruck verstärken, dass Clinton nicht recht zu trauen ist.

Am Freitag veröffentlichten die Clintons zudem nach langem Zaudern ihre Steuererklärungen. Warum sie zögerten, wurde rasch klar. 109 Millionen Dollar hat das Ehepaar in nur sieben Jahren seit dem Auszug aus dem Weißen Haus eingenommen - unter anderem in Geschäften mit Hedgefonds und umstrittenen Milliardären. Auch das könnte bei einfachen Wählern in Pennsylvania nicht gut ankommen.

Penns Abschied lässt sich auch kaum als Befreiungsschlag verkaufen - wie das Clinton-Team es im Februar noch mit der Ablösung von Wahlkampf-Managerin Patti Solis Doyles durch Maggie Williams versuchte. Denn der Abgang erinnert daran, wie sehr Clintons ursprünglicher Vorwahlplan fehlgeschlagen ist. Penn hatte für Clinton, die er schon 2000 bei ihrer ersten Bewerbung für den US-Senat erfolgreich beriet, eine Aura der Unvermeidlichkeit schaffen wollen. Er empfahl ihr, die demokratischen Rivalen zu ignorieren und sich schon präsidial zu präsentieren. Sie sollte sich auf große Bundesstaaten konzentrieren und andere Abstimmungen weitgehend vernachlässigen. Statt "Wandel" - Obamas Botschaft - sollte Clinton die Betonung ihrer Erfahrung ins Weiße Haus tragen.

Doch als die Bewerberin Fehler zu machen begann und Obamas Rhetorik mitreißender wurde, fiel diese Strategie auseinander. Immer hektischer begann Clinton, ihre Botschaft zu ändern. Mal betonte sie ihre Erfahrung, mal stand sie auch für Wandel, mal war sie charmant und versöhnlich, mal aggressiv und hart. Immer beeindruckender wurde gleichzeitig Obamas Siegesserie in kleinen Bundesstaaten.

Das verstärkte im Clinton-Team die Kritik an Penn. Umstritten waren auch dessen Honorarsätze. Beinahe elf Millionen Dollar soll ihm Clinton für seine Beratungsleistung gezahlt haben - obwohl Penn seinen regulären Job bei Burson Marsteller nie aufgab. Die Firma ist unter Demokraten ohnehin nicht sonderlich beliebt, weil Burson Marsteller in der Vergangenheit selbst vor Klienten wie der argentinischen Militärjunta oder dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu nicht zurückschreckte.

Nun kann sich Penn zwar wieder auf seinen PR-Job konzentrieren. Auf die kolumbianische Regierung kann er freilich nicht mehr als Kunde zählen. Die erklärte nach Penns reumütiger Entschuldigung für das Treffen, seine Worte zeigten mangelnden Respekt für Kolumbien - und will auf Penns Dienste künftig verzichten.

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