US-Vorwahltermin Republikaner verstricken sich in grotesken Kalenderstreit

Jeder will der Erste sein: In welchem US-Bundesstaat der Startschuss zu den Vorwahlen fällt, ist für die Kür des Präsidentschaftsanwärters entscheidend. Bei den Republikanern ist darüber jetzt ein heftiger Kampf entbrannt. Schon drohen erste Kandidaten mit Boykott.

Mitt Romney (l.), Rick Perry und Newt Gingrich (r.): Welcher Staat darf als erstes wählen?
AFP

Mitt Romney (l.), Rick Perry und Newt Gingrich (r.): Welcher Staat darf als erstes wählen?

Von , Las Vegas


Das Casino-Hotel Venetian in Las Vegas ist ein Meisterwerk der Illusion. Erbaut für 1,5 Milliarden Dollar, protzt es mit einem 96 Meter hohen Nachbau des Campanile, einer Dogenpalast-Fassade, einem überdachten Markusplatz unter gemaltem Dauer-Dämmerhimmel und einem "Canale Grande", auf dem die Gondolieri "O sole mio" trällern.

Alles nur Attrappe, wie das meiste hier in der Wüste Nevadas. Der Campanile ist ein verkleidetes Stahlgerüst, die Fassade ein Fertigbau, der Markusplatz eine Shopping-Mall mit 30 Prozent Frischluftzufuhr - und die Gondolieri sind US-Schauspieler ohne Engagement, die sich ein Zubrot verdienen.

Schein und Sein: Kein Wunder, dass die Weststaaten- Republikaner sich ausgerechnet hier treffen, um ihre Wahlstrategie zu planen. Da sitzen sie also am Mittwoch im Showroom, dem plüschigen Kabarett-Theater des Casinos, wo sonst Comedians gastieren - ein paar hundert Parteigänger, viele in Cowboyhüten, die sich gegenseitig Mut zuklatschen für 2012.

Nach außen tun viele zwar, als sei die Wahl schon gelaufen. "Unser Plan ist es, Barack Obama zu feuern", jubelt Parteichef Reince Priebus. Newt Gingrich - einer der Kandidaten, die sich am Vorabend nebenan im Ballsaal bei ihrer TV-Debatte beharkt haben - ahnt einen "fundamentalen Wandel". Rivale Rick Perry, der Gouverneur aus Texas, propagiert bei der Gelegenheit eine Einheitssteuer und ballt die Faust: "Let's do it!"

"Jeder will der Erste sein"

Doch hinter den Kulissen der Western Republican Leadership Conference (WRLC), die noch bis Freitag dauert, herrscht Zoff. Und das nicht nur, weil rund hundert Republikaner bei der Debatte draußen bleiben und sich die TV-Show oben auf dem Hotelzimmer angucken mussten - eine von mehreren Organisationspannen.

Nein, dieser Streit zieht viel weitere Kreise. Es kracht zwischen der Parteizentrale in Washington und dem Gastgeber Nevada. Priebus selbst deutet das zwischen den Zeilen an: Man arbeite noch daran. "Aber wir werden's schon hinkriegen." Wovon Priebus spricht, ist allen klar. Es geht um den bitterbösen Zank mit und zwischen einer kleinen, aber einflussreichen Gruppe von US-Bundesstaaten, darunter eben Nevada. In dessen Mittelpunkt steht die Frage: Wer darf wann 2012 die ersten Vorwahlen abhalten?

Es ist eine Frage mit viel Sprengstoff: Alte Pfründe und neue Hoffnungen stehen auf dem Spiel, Seilschaften werden getestet, Ressentiments gehortet. Außenstehenden bietet sich da ein faszinierender Einblick in die Seelenwelt der US-Politik und deren Motto "All politics is local" - alle Macht liegt an der Basis.

"Jeder will der Erste sein", seufzt Manny Rosales, bis vor kurzem ein Mitglied der Parteispitze in Washington. Doch warum? Er zuckt frustriert mit den Schultern. "Wer weiß?"

Der Reiz des frühen Termins

Natürlich weiß er es. Der Kalender-Streit ist ein beliebtes Ritual bei US-Präsidentschaftswahlen. 2008 tobte er bei den Demokraten, eskalierte sogar zum Reizthema zwischen den Kandidaten Barack Obama und Hillary Clinton. Insider wissen: Hier geht es um kleinste Wahlvorteile.

Diesmal sind es also die Republikaner - und abermals droht ein Showdown der Kandidaten. Mittendrin im ganzen Schlamassel: Nevada.

Seit 1952 hatte New Hampshire traditionell die ersten Vorwahlen abgehalten, bei denen die Basis über das innerparteiliche Kandidatenfeld abstimmen konnte. 1972 setzte sich das relativ bevölkerungsschwache Iowa davor - dank einer Kampagne von Demokraten, die ihrem dort populären Anti-Kriegs-Kandidaten George McGovern einen frühen Start sichern wollten.

Seitdem ist es offiziell: Iowa kommt zuerst, mit seinem an Bürgerversammlungen angelehnten Caucus-System. Dann New Hampshire mit der ersten Primary. Dann Nevada, dann South Carolina - und erst danach all die anderen. Überspringt ein Staat diese Ordnung oder wagt es, vor dem 5. März abzustimmen, werden ihm die Hälfte der Parteitagsdelegierten aberkannt.

Dieses Jahr bestimmten die Republikaner, um einem Zank vorzubeugen, den 6. Februar als erste Vorwahl, in Iowa - fast fünf Wochen später als beim vorigen Mal, damals war es der 3. Januar 2008.

Der Reiz eines frühen Termins scheint trotzdem stark für einige Staaten. Sie fürchten nicht nur um ihr Prestige, sondern auch um kostenlose TV-Werbung und die Abermillionen Dollar, die der Megatross im Schlepptau der Kandidaten mit sich bringt: Berater, Wahlhelfer, Reporter aus aller Welt.

Harte Bandagen im Granitstaat

Wieder mal bockte Michigan zuerst und legte seine Vorwahl auf den 28. Februar. Das löste eine Lawine aus. Arizona ließ sich anfangs noch beschwichtigen - im Gegenzug für eine Debatte, datierte dann aber auch den 28. Februar. Florida wollte dem nicht nachstehen. Neuer Termin: 31. Januar - noch vor Iowa, ein Sakrileg. Die "Arroganz" Floridas, schäumte Iowas Top-Republikaner Matt Strawn, sei "enttäuschend, aber nicht überraschend". Schließlich sprang South Carolina auf den 21. Januar vor, in schöner Südstaaten-Konkurrenz.

Damit kippten alle Dominosteine. "Ein riesiges Schachspiel", schrieb das Magazin "Mother Jones".

Nevada, auf den dritten Platz pochend, eilte auf den 14. Januar vor. Iowa schob seinen Caucus auf den gleichen Termin wie 2008, auf den 3. Januar - drei Tage nach Silvester, was nicht nur die Kandidaten vor Probleme stellt, sondern auch New Hampshire außen vor lässt. Dessen Gesetze schreiben vor, dass zwischen der eigenen und der nächsten Vorwahl - also Nevada - sieben Tage liegen müssen. Iowas Gesetze fordern aber einen Puffer von acht Tagen nach hinten. Wie man es dreht: Für New Hampshire bleibt dazwischen kein Platz.

Also greift der "Granitstaat" nun zu harten Bandagen: Er droht, seine Vorwahlen schon am 6. Dezember - ja, Dezember - abzuhalten, falls Nevada nicht widerrufe. Was Iowa wiederum auf Thanksgiving vortreiben könnte.

Erster Kandidat boykottiert Debatte

Zugleich setzt New Hampshire die Kandidaten unter Druck: Seine Lokalpolitiker würden ihnen die Gefolgschaft verweigern, sollten sie Nevada nicht ihrerseits abstrafen. Sprich: Ihnen droht eine Niederlage bei dieser zentralen Vorwahl.

John Huntsman, der alles auf New Hampshire setzt und dazu sogar seine Wahlkampfzentrale dorthin verlegt hat, ist als erster eingeknickt. Er boykottiert die Debatte und die Konferenz in Las Vegas - obwohl er zuletzt Gouverneur des Nachbarstaates Utah war. Statt dessen lädt er zur selben Zeit zum Townhall-Treffen in New Hampshire. 150 Leute kommen.

Michele Bachmann, New Gingrich und Rick Santorum sind zwar bei der Debatte dabei, wollen die Vorwahl hier aber ebenfalls aussitzen. Santorum, erklärte sein Sprecher Hogan Gidley, schätze die "Gastfreundschaft" Nevadas, sorge sich aber um Weihnachten.

Nur Mitt Romney hat die Termin-Ballung angeblich sogar forciert: Er hofft offenbar, durch einen Doppelsieg in New Hampshire und Nevada eine Aura der Unvermeidlichkeit zu schaffen, dann auch Florida zu erobern und sich so die Kandidatur schon früh stecken zu können.

Eine besonders originelle Idee hat Fred Karger, der einzig schwule Kandidat im Rennen, der wegen geringer Umfragewerte bisher sowieso vom Wahlkampf ausgesperrt war. Mangels Druckmittel droht er nicht Nevada, sondern dem aufmüpfigen Florida - auf andere Weise: Falls der Staat sich nicht wieder nach hinten zurückziehe, werde er einen landesweiten Boykott organisieren - von Orangensaft.

Die Stimmung der Republikaner in Las Vegas ist gequält. Nach den Auftaktreden leert sich der Showroom des Venetian schnell. Das dürfte sich an diesem Donnerstag freilich wieder ändern: Da beginnt die legendäre Komödiantin Joan Rivers hier ein dreitägiges Gastspiel. Der Titel träfe auch auf die Republikaner zu: "Schnallt euch gut an."

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
juerv1, 20.10.2011
1. .
Sehr gut. Vielleicht blockieren sich die Rep-Kandidaten so lange gegenseitig, bis überhaupt keiner mehr antritt. Die Welt kann sicherlich problemlos auf einen US-Präsidenten verzichten, der aus dem Kuriositätenkabinett kommt.
braustolzer 20.10.2011
2. .
Was für ein Kindergarten. "Nein, das ist meine Schaufel, ich hab sie zuerst gehabt..."
synphonym 20.10.2011
3. Ron Paul
Wie herrlich Ron Paul mal wieder ausradiert wird. Das Foto spricht für sich, der Artikel auch. Offensichtlich bewegt sich Ron paul nicht mehr konngruent zu unserem Finanz-/Geldsystem. Ich mochte es nicht glauben, aber es trifft zu ... "The mainstream media continues to ignore, censor and downplay Ron Paul‘s 2012 presidential candidacy."
angnaria 20.10.2011
4. Endspiel
Zitat von juerv1Sehr gut. Vielleicht blockieren sich die Rep-Kandidaten so lange gegenseitig, bis überhaupt keiner mehr antritt. Die Welt kann sicherlich problemlos auf einen US-Präsidenten verzichten, der aus dem Kuriositätenkabinett kommt.
Auf der anderen Seite: Lassen wir`s doch einen Tea-Party Kandidaten machen. Dann hat`s die Welt wenigstens hinter sich.
niepmann 20.10.2011
5. oh je
Zitat von sysopJeder will der erste sein: In welchem US-Bundesstaat der Startschuss zu den Vorwahlen fällt, ist für die Kür des Präsidentschaftsanwärters entscheidend. Bei den Republikanern ist darüber jetzt ein heftiger Kampf entbrannt. Schon drohen erste Kandidaten mit Boykott. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792871,00.html
Nun haben sie die Schuldenkrise, getopt wird sie jetzt noch durch diese! Muss man den Untergang erwarten, verursacht im Rep-Kindergarten?
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