US-Vorwürfe gegen China Hacken für die Herrscher

Chinas Staatsführung soll den Cyber-Angriff auf Google zu Jahresbeginn befohlen haben - davon gehen US-Diplomaten laut ihren Depeschen aus. Die Experten des amerikanischen Außenministeriums vermuten sogar eine tiefe Verstrickung der Volksrepublik in Hacker-Aktionen.

Google-Zentrale in Peking (Archivbild): Hacken im Staatsauftrag?
DPA

Google-Zentrale in Peking (Archivbild): Hacken im Staatsauftrag?


Es war eine "hochintelligente und gezielte Attacke auf unsere Unternehmensinfrastruktur aus China", klagte der amerikanische IT-Gigant Google im Januar dieses Jahres. Hacker hatten versucht, die E-Mail-Konten chinesischer Menschenrechtler zu knacken - der Beginn einer Fehde zwischen Google und der chinesischen Regierung, an deren Ende der teilweise Auszug der Amerikaner aus dem Reich der Mitte stand.

Wer hinter dem Angriff auf Google stand, ist bislang nicht klar. Cyber-Detektive vermuten die Täter in der Shanghaier Kommunikations-Universität und in der Lanxiang-Berufsschule in der östlichen Provinz Shandong. Aber dass die Hacker nicht auf eigene Faust gehandelt haben dürften, legt jetzt ein Dokument der US-Botschaft in Peking nahe: "Ein gut platzierter Kontakt behauptet, dass die chinesische Regierung die kürzlichen Einbrüche ins Google-System koordinierte", meldete sie am 26. Januar dieses Jahres nach Washington, Sicherheitsstufe "geheim".

"Laut unserem Kontakt wurde die geheime Operation auf der Ebene des Ständigen Ausschusses des Politbüros angewiesen", heißt es in der Depesche. Höher geht es nicht in der chinesischen KP. Zudem, erfuhr Washington von seinen Diplomaten, habe sich das Informationsbüro des Staatsrats der Sache angenommen. Zwei Politbüro-Mitglieder sollen die Anti-Google-Aktion nach den bislang unbewiesenen Informationen der Botschaft koordiniert haben.

Unklar ist allerdings der Grund. Ein Gesprächspartner der Amerikaner vermutet, dass der heimische Google-Konkurrent Baidu von einem Rivalen befreit werden sollte. Nach einer anderen Information der Amerikaner habe die Operation kein wirtschaftliches Motiv gehabt, sondern sei "100 Prozent politischer Natur" gewesen.

"Entschlossen und energisch" gegen Hacker?

Denn Pekings Spitzenfunktionären war Google angeblich unheimlich geworden - obwohl die Amerikaner bis dahin nur ein Viertel des chinesischen Markts erobert hatten und politisch heikle Inhalte freiwillig blockierten. Konservative Funktionäre sahen in Google ein Propagandavehikel der Washingtoner Regierung. Womöglich reichte das, um dem Unternehmen eine Lektion zu erteilen.

Google ist kein Einzelfall. Chinesische Hacker sind schon in diverse westliche Computersysteme eingedrungen. Die Staatsführung streitet indes ab, mit den Cyber-Feldzügen etwas zu tun zu haben. Sein Land werde "entschlossen und energisch" gegen Hacker vorgehen, hatte Premierminister Wen Jiabao schon 2007 der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel versprochen.

Amerikanische und deutsche Experten vermuten das Gegenteil: Computer-Attacken aus dem Reich der Mitte würden zumindest staatlich geduldet, wenn nicht gefördert, unterstellten sie. Dies legt ein Report nahe, der sich am 29. Juni vorigen Jahres im "Diplomatischen Sicherheitsbericht" findet. Jeden Tag lässt US-Außenministerin Hillary Clinton solche Analysen an ausgewählte Botschaften verschicken, Sicherheitsstufe "geheim / nicht für Ausländer".

Unter der Rubrik "Cyber-Bedrohungen" berichtet da die "Abteilung für Analysen von Cyber-Bedrohungen" des "Sicherheitsbüros des Außenministeriums" über zwei chinesische Computer-Firmen, deren Chef zugegeben hatte, rund die Hälfte der Investitionen in seine Unternehmen kämen von der Regierung.

Offizier im Informationskrieg

Eine seiner Firmen hatte 2003 eine offizielle Sicherheitslizenz erhalten, die es ihr ermöglichte, mit Microsoft zusammenzuarbeiten. Die Chinesen bekamen sogar Zugang zum sogenannten Quellcode der US-Software-Firma, also zu geheimen Details der Programme.

Ob das eine gute Idee war, scheint zweifelhaft. Denn kurze Zeit später, so die Amerikaner, habe in dem Unternehmen ein gewisser Yang Hua angefangen - und der sei Offizier der Volksbefreiungsarmee, Mitglied des 3. Kommunikationsregiments, Einheit 61416. Angeblich sollte er nur lernen, wie man Computernetze vor Angriffen schützt.

"Verbindungen zwischen führenden chinesischen Firmen und der chinesischen Regierung sind nicht ungewöhnlich. Sie illustrieren, wie die Regierung den privaten Sektor nutzt, um ihre Ziele in einem Informationskrieg zu fördern, vor allem die Fähigkeit, Informationen zu sammeln, auszuwerten und zu nutzen", warnen die Computer-Experten des US-Außenministeriums.

Und bei der Firma mit dem Microsoft-Quellcode, heißt es in der Washingtoner Depesche, trieb sich außer dem Offizier noch mehr verdächtiges Personal herum. Von Juni 2002 bis März 2003 beschäftigte das Unternehmen etwa einen Mann namens Lin Yong als führenden "Sicherheitsingenieur". Die Amerikaner notierten, der Mann sei unter Hackern gut bekannt.

Sein Spitzname: der Löwe.

Forum - Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
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Ty Coon, 04.12.2010
1.
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
Sehr viel. Vertrauliche Gespräche sind die Grundlage der Diplomatie. Wenn es allerdings darum geht, verbrecherische Machenschaften aufzudecken, dann sind solche Plattformen wie WikiLeaks legitim.
eikfier 04.12.2010
2. ...bestenfalls
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
...die Frage ist natürlich völlig berechtigt? Schließlich hat kein Geringerer als unser späterer Bundespräsident Gustav Heinemann mal geseufzt:"...regiere du mal dieses Welt!" - und meinte damit sicherlich auch unsere gehaßt-geliebten und in jedem demokratischen Falle dringend benötigten Journalisten, ist meine Meinung - Wer den Journalisten nicht nur in Gedanken, sondern tatsächlich einen Maulkorb umhängt, dem geht´s mindestens so wie Kaiser WilhelmII. in der bekannten "Feuerzangenbowle", wenn er nicht sogar Micky-Leaks zu ungeahnter Popularität verhilft - ein bißchen schlimm, ein bißchen doof, ein bißchen lächerlich, denke ich bestenfalls...
Sharoun 04.12.2010
3. Wieviel Wahrheit traut man dem Souverän zu?
Aus teilweise nachvollziehbaren Gründen trauen Exekutive und Legislative ihrem Wahlvolk nicht über den Weg. Allright; das sollte dann aber auch so benannt werden und nicht die übergroße Fahne einer allgegenwärtigen Mitbestimmung -verwirklicht in dieser und durch diese Gesellschaft- geschwenkt werden. Denn das ist nur noch Verhöhnung!
sieben777 04.12.2010
4. PayPal Konto gelöscht
Wir Internet-Nutzer sind nun gefragt. Wehren wir uns gegen dieses Doppelmoral-System? Warum beachten jetzt plötzlich PayPal und Amazon ihre eigenen AGBs? Warum funktioniert die Löschung der verschiedenen Webseiten von Wikileaks so zügig aber bei den der Kinderporno Seiten denn nicht??? Da kann etwas nicht stimmen.
maximillian64 04.12.2010
5. Paypal, DNS, Hosting für Wikileaks abgestellt.
Die sukzesive Verabschiedung der USA von der Meinungsfreiheit ist wie jede Aufgabe von Grundrechten im Tausch gegen Sicherheit ist ein Punktsieg der Kräfte mit all den Gesetzten eigentlich Bekämpft werden sollen. Das Internet ist heute nur noch für cyber- und echte- krimminelle und wirklich frei. Was meinen die Strafverfolger, Politiker und Serviceprovider in den USA den wo WikiLeaks demnächst gehostet wird und spenden einsammelt? Wenn der Druck so weiter aufrecht erhalten wird wird auch die Schweiz und andere Nationen dem Portal die Gastfreunschaft kündigen. Wikileaks wird dann wohl bald bei den gleichen Providern gehostet die Heute bereits Al Quaida Blogs und deren Paymentprovider hosten? Verkehrte Welt!
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