15. Dezember 2012, 07:35 Uhr

Blutbad in Connecticut

Obama gegen den Waffenwahn

Von Sebastian Fischer und Marc Pitzke

"Wir müssen handeln": Barack Obama hat Klartext gesprochen nach dem Attentat von Connecticut, soweit es in diesem tragischen Moment möglich war. Jetzt liegt es am US-Präsidenten, gegen Amerikas Waffenwahn vorzugehen. Kann er das schaffen?

"Das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, darf nicht beeinträchtigt werden." Zweiter Zusatzartikel zur US-Verfassung

Dieses Bild wird bleiben: der weinende Präsident. Vier Minuten lang redet Barack Obama über die Tragödie von Connecticut. Über die zwanzig "wunderschönen kleinen Kinder", die erschossen wurden in der Grundschule in Sandy Hook. Über die sechs toten Erwachsenen, darunter die Schuldirektorin. Obama schluchzt nicht. Er wischt sich nur stumm mit dem Zeigefinger die Tränen weg. Einmal, zweimal, immer wieder.

Der mächtigste Mann der Welt starrt auf seinen Redezettel. Er starrt, wartet, bis er sich gefangen hat: "Wir haben in den vergangenen Jahren zu viele dieser Tragödien durchgemacht", sagt er. Starren, Warten, Wischen. "Wir müssen zusammenkommen und bedeutsam handeln, um Tragödien wie diese zu verhindern. Ohne Rücksicht auf Parteipolitik."

Der ganz alltägliche Waffenwahn

Das ist der entscheidende Satz an diesem Abend: Nicht nur trauern, sondern handeln. Zugleich ist es aber auch ein ganz und gar altbekannter Satz: Der Präsident Obama hat ihn so oder so ähnlich schon viele Male gesagt. Zuletzt nach dem Kino-Amoklauf von Colorado, im Juli. Da waren es zwölf Tote. Kurz darauf wurden in einem Sikh-Tempel sechs Menschen erschossen. Und dann sind da noch all jene ungezählten Tragödien, die ein paar Tage aufflackern und dann wieder verpuffen. Neulich etwa, als ein Footballspieler seine Freundin und sich selbst erschoss.

Jahr für Jahr sterben gut 30.000 Amerikaner bei Schießereien. Zu Hause, auf der Straße. Oder in der Schule. Das Magazin "Mother Jones" hat ermittelt, dass es in den USA seit 1982 mindestens 61 Schusswaffen-Massaker in 30 Bundesstaaten gegeben hat. Fast die Hälfte der elf schwersten Taten ereigneten sich demnach seit 2007. Damit liegt Amerika weltweit auf Platz eins im Ranking der schwersten Schießereien, elf von 20 Taten in den letzten fünf Jahrzehnten passierten in den USA.

Während sich immer mehr Massaker ereignen, ist die Gesamtzahl der US-Waffenträger seit Jahrzehnten rückläufig. "Der Besitz von Feuerwaffen ist auf oder nahe dem Allzeittief", schrieb der Politwissenschaftler Patrick Egan nach dem Amoklauf von Colorado. Sonderlich tief ist dieses Allzeittief aus europäischer Perspektive freilich nicht: Mehr als 200 Millionen Schusswaffen liegen in den US-Privathaushalten. Das ist der ganz alltägliche Waffenwahn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der zweite Zusatzartikel der Verfassung aus dem 18. Jahrhundert hat den Amerikanern eines der liberalsten Waffengesetze der Welt beschert.

Und nun, nach Connecticut: tatsächlich handeln?

Barack Obama hat es während der letzten vier Jahre nicht vermocht, den einst von Vorvorgänger Bill Clinton durchgesetzten Bann gegen halbautomatische Sturmgewehre zu reaktivieren. Im Jahr 2004 lief das auf zehn Jahre befristete Gesetz aus. George W. Bush störte das nicht. Obama schon. Sagt er jedenfalls.

Aber bisher geschah: nichts.

Als vor zwei Jahren bei einem Attentat in Arizona sechs Menschen sterben und die damalige Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzt wurde, gelang es dem Kongress nicht einmal, den Verkauf von 100-Schuss-Munitionsmagazinen einzuschränken. Aktuell sind sogenannte zivile Versionen der legendären russischen Kalaschnikow begehrt wie nie bei Amerikas Waffenfreunden. "Das nationale Gefühl der Empörung schwindet schnell", schreibt der Kolumnist Dan Froomkin in der "Huffington Post". Dies sei die Lektion der vergangenen Waffentragödien.

Steine für alle?

Werden aber die toten Kinder von Connecticut jetzt eine Debatte in Gang bringen, die dieses Land so dringend nötig hat? Noch nie hat ein Präsident geweint, wie Obama es an diesem Freitagnachmittag getan hat. War das ein erstes Zeichen für ein Ende des Waffenwahns?

Am Nachmittag demonstrierten etwa 150 Leute vor dem Weißen Haus, bildeten eine Mahnwache. Sie fordern ein schärferes Waffenrecht. "Wenn ein Vorschulkind ein anderes Kind mit einem Stein schlägt, dann heißt die Lösung nicht: Steine für alle", hieß es auf einem Plakat. 150 Demonstranten - das ist nicht viel an einem solchen Tag.

Die National Rifle Association (NRA), Amerikas mächtigste Waffenlobby, hat eigenen Angaben zufolge mehr als vier Millionen Mitglieder. Vor denen zittern die Abgeordneten im Kongress, Demokraten wie Republikaner. Waffen töten nicht, das ist das Paradeargument der NRA: Es seien ja die Menschen, die abdrücken. Mehr noch: Nur Waffen würden weitere Massaker verhindern. Die verquere Logik: Tragödien wie die von Connecticut sprächen für noch freieren Waffenbesitz, zwecks Selbstverteidigung gegen Amokläufer.

Adam Lanza, der Attentäter von Connecticut, schoss wohl etwa 100 Schüsse ab, aus Pistolen der Marken Glock und Sig Sauer, bevor er offenbar Selbstmord verübte; in seinem Auto, so heißt es, soll sich ein halbautomatisches Sturmgewehr befunden haben. Es sind laut CNN die Waffen seiner Mutter. Jener Frau, die Lanza ebenfalls erschoss. Das Argument der Waffenlobby ist schon jetzt erwartbar: Der Täter ist ein Krimineller, er hat sich der Waffen bemächtigt und mit ihnen getötet. Nancy Lanza, die Mutter und rechtmäßige Eigentümerin, hätte das nicht getan. Aber dennoch: Wofür braucht sie, die Lehrerin, ein Sturmgewehr und zwei Pistolen?

Das Problem ist, das kaum ein Politiker dies in Frage stellen mag. Es widerstrebt dem amerikanischen Verständnis von Freiheit. Andererseits: "Wenn überall in den Vereinigten Staaten die Straßen einstürzten und Dutzende Autofahrer getötet würden", bemerkt Ezra Klein in der "Washington Post", "dann würden wir das sicher zum Anlass nehmen, darüber zu reden, was wir tun könnten, um das Einstürzen von Straßen zu verhindern." In der Waffenfrage funktioniert das bisher kurioserweise nicht.

In Umfragen bleiben die Amerikaner gespalten. Sie sind zwar mehrheitlich für bessere Hintergrundüberprüfungen von Waffenkäufern und gegen halbautomatische Waffen. Doch das Recht auf freien Waffenbesitz wollen sie sich keinesfalls nehmen lassen. So trifft man sich an den Wochenenden auf dem Schießstand, neuester Trend ist das Ballern auf Zombiefiguren, die Kunstblut versprühen. Auf Waffenmessen wird alles geboten: Vom kleinen Revolver bis zum Maschinengewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Zwar schreibt das laxe US-Waffenrecht den Blick in die FBI-Datenbank vor, aber die meisten Verkäufer versichern glaubhaft, dass sie damit bei kaum je einem Käufer Probleme hatten.

Der Ex-Astronaut Mark Kelly ist einer der ersten, die jetzt eine Abkehr von der üblichen Routine fordern. Kelly ist der Ehemann von Gabrielle Giffords: "Wir müssen an unsere Regierenden appellieren, Stellung zu nehmen und das Richtige zu tun", sagt er: "Diesmal muss unsere Reaktion aus mehr bestehen als Bedauern, Trauer und Kondolenz." Es sei Zeit für eine "tiefschürfende Diskussion um unsere Waffengesetze".

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, einer der profiliertesten Waffengegner der Nation, schlägt ebenfalls Alarm, per bitterer Anklage nach oben: "Wir haben keine Führungskraft gesehen, weder vom Weißen Haus noch vom Kongress - das muss heute enden." Es handele sich schließlich um "eine nationale Tragödie, die eine nationale Antwort erfordert". Der emotionale Obama hat am Anfang seines Statements im Weißen Haus gesagt: Jedes Mal, wenn er eine solche Schreckensnachricht höre, dann reagiere er nicht als Präsident, sondern als Vater.

Es ist an der Zeit, dass er in den kommenden Wochen in dieser Sache als Präsident agiert.


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