Blutbad in Connecticut Obama gegen den Waffenwahn

"Wir müssen handeln": Barack Obama hat Klartext gesprochen nach dem Attentat von Connecticut, soweit es in diesem tragischen Moment möglich war. Jetzt liegt es am US-Präsidenten, gegen Amerikas Waffenwahn vorzugehen. Kann er das schaffen?

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"Das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, darf nicht beeinträchtigt werden." Zweiter Zusatzartikel zur US-Verfassung

Dieses Bild wird bleiben: der weinende Präsident. Vier Minuten lang redet Barack Obama über die Tragödie von Connecticut. Über die zwanzig "wunderschönen kleinen Kinder", die erschossen wurden in der Grundschule in Sandy Hook. Über die sechs toten Erwachsenen, darunter die Schuldirektorin. Obama schluchzt nicht. Er wischt sich nur stumm mit dem Zeigefinger die Tränen weg. Einmal, zweimal, immer wieder.

Der mächtigste Mann der Welt starrt auf seinen Redezettel. Er starrt, wartet, bis er sich gefangen hat: "Wir haben in den vergangenen Jahren zu viele dieser Tragödien durchgemacht", sagt er. Starren, Warten, Wischen. "Wir müssen zusammenkommen und bedeutsam handeln, um Tragödien wie diese zu verhindern. Ohne Rücksicht auf Parteipolitik."

Der ganz alltägliche Waffenwahn

Das ist der entscheidende Satz an diesem Abend: Nicht nur trauern, sondern handeln. Zugleich ist es aber auch ein ganz und gar altbekannter Satz: Der Präsident Obama hat ihn so oder so ähnlich schon viele Male gesagt. Zuletzt nach dem Kino-Amoklauf von Colorado, im Juli. Da waren es zwölf Tote. Kurz darauf wurden in einem Sikh-Tempel sechs Menschen erschossen. Und dann sind da noch all jene ungezählten Tragödien, die ein paar Tage aufflackern und dann wieder verpuffen. Neulich etwa, als ein Footballspieler seine Freundin und sich selbst erschoss.

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Schießerei in Connecticut: Bluttat an der Sandy-Hook-Grundschule
Jahr für Jahr sterben gut 30.000 Amerikaner bei Schießereien. Zu Hause, auf der Straße. Oder in der Schule. Das Magazin "Mother Jones" hat ermittelt, dass es in den USA seit 1982 mindestens 61 Schusswaffen-Massaker in 30 Bundesstaaten gegeben hat. Fast die Hälfte der elf schwersten Taten ereigneten sich demnach seit 2007. Damit liegt Amerika weltweit auf Platz eins im Ranking der schwersten Schießereien, elf von 20 Taten in den letzten fünf Jahrzehnten passierten in den USA.

Während sich immer mehr Massaker ereignen, ist die Gesamtzahl der US-Waffenträger seit Jahrzehnten rückläufig. "Der Besitz von Feuerwaffen ist auf oder nahe dem Allzeittief", schrieb der Politwissenschaftler Patrick Egan nach dem Amoklauf von Colorado. Sonderlich tief ist dieses Allzeittief aus europäischer Perspektive freilich nicht: Mehr als 200 Millionen Schusswaffen liegen in den US-Privathaushalten. Das ist der ganz alltägliche Waffenwahn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der zweite Zusatzartikel der Verfassung aus dem 18. Jahrhundert hat den Amerikanern eines der liberalsten Waffengesetze der Welt beschert.

Und nun, nach Connecticut: tatsächlich handeln?

Barack Obama hat es während der letzten vier Jahre nicht vermocht, den einst von Vorvorgänger Bill Clinton durchgesetzten Bann gegen halbautomatische Sturmgewehre zu reaktivieren. Im Jahr 2004 lief das auf zehn Jahre befristete Gesetz aus. George W. Bush störte das nicht. Obama schon. Sagt er jedenfalls.

Aber bisher geschah: nichts.

Als vor zwei Jahren bei einem Attentat in Arizona sechs Menschen sterben und die damalige Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzt wurde, gelang es dem Kongress nicht einmal, den Verkauf von 100-Schuss-Munitionsmagazinen einzuschränken. Aktuell sind sogenannte zivile Versionen der legendären russischen Kalaschnikow begehrt wie nie bei Amerikas Waffenfreunden. "Das nationale Gefühl der Empörung schwindet schnell", schreibt der Kolumnist Dan Froomkin in der "Huffington Post". Dies sei die Lektion der vergangenen Waffentragödien.

Steine für alle?

Werden aber die toten Kinder von Connecticut jetzt eine Debatte in Gang bringen, die dieses Land so dringend nötig hat? Noch nie hat ein Präsident geweint, wie Obama es an diesem Freitagnachmittag getan hat. War das ein erstes Zeichen für ein Ende des Waffenwahns?

Am Nachmittag demonstrierten etwa 150 Leute vor dem Weißen Haus, bildeten eine Mahnwache. Sie fordern ein schärferes Waffenrecht. "Wenn ein Vorschulkind ein anderes Kind mit einem Stein schlägt, dann heißt die Lösung nicht: Steine für alle", hieß es auf einem Plakat. 150 Demonstranten - das ist nicht viel an einem solchen Tag.

Die National Rifle Association (NRA), Amerikas mächtigste Waffenlobby, hat eigenen Angaben zufolge mehr als vier Millionen Mitglieder. Vor denen zittern die Abgeordneten im Kongress, Demokraten wie Republikaner. Waffen töten nicht, das ist das Paradeargument der NRA: Es seien ja die Menschen, die abdrücken. Mehr noch: Nur Waffen würden weitere Massaker verhindern. Die verquere Logik: Tragödien wie die von Connecticut sprächen für noch freieren Waffenbesitz, zwecks Selbstverteidigung gegen Amokläufer.

Adam Lanza, der Attentäter von Connecticut, schoss wohl etwa 100 Schüsse ab, aus Pistolen der Marken Glock und Sig Sauer, bevor er offenbar Selbstmord verübte; in seinem Auto, so heißt es, soll sich ein halbautomatisches Sturmgewehr befunden haben. Es sind laut CNN die Waffen seiner Mutter. Jener Frau, die Lanza ebenfalls erschoss. Das Argument der Waffenlobby ist schon jetzt erwartbar: Der Täter ist ein Krimineller, er hat sich der Waffen bemächtigt und mit ihnen getötet. Nancy Lanza, die Mutter und rechtmäßige Eigentümerin, hätte das nicht getan. Aber dennoch: Wofür braucht sie, die Lehrerin, ein Sturmgewehr und zwei Pistolen?

Das Problem ist, das kaum ein Politiker dies in Frage stellen mag. Es widerstrebt dem amerikanischen Verständnis von Freiheit. Andererseits: "Wenn überall in den Vereinigten Staaten die Straßen einstürzten und Dutzende Autofahrer getötet würden", bemerkt Ezra Klein in der "Washington Post", "dann würden wir das sicher zum Anlass nehmen, darüber zu reden, was wir tun könnten, um das Einstürzen von Straßen zu verhindern." In der Waffenfrage funktioniert das bisher kurioserweise nicht.

In Umfragen bleiben die Amerikaner gespalten. Sie sind zwar mehrheitlich für bessere Hintergrundüberprüfungen von Waffenkäufern und gegen halbautomatische Waffen. Doch das Recht auf freien Waffenbesitz wollen sie sich keinesfalls nehmen lassen. So trifft man sich an den Wochenenden auf dem Schießstand, neuester Trend ist das Ballern auf Zombiefiguren, die Kunstblut versprühen. Auf Waffenmessen wird alles geboten: Vom kleinen Revolver bis zum Maschinengewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Zwar schreibt das laxe US-Waffenrecht den Blick in die FBI-Datenbank vor, aber die meisten Verkäufer versichern glaubhaft, dass sie damit bei kaum je einem Käufer Probleme hatten.

Der Ex-Astronaut Mark Kelly ist einer der ersten, die jetzt eine Abkehr von der üblichen Routine fordern. Kelly ist der Ehemann von Gabrielle Giffords: "Wir müssen an unsere Regierenden appellieren, Stellung zu nehmen und das Richtige zu tun", sagt er: "Diesmal muss unsere Reaktion aus mehr bestehen als Bedauern, Trauer und Kondolenz." Es sei Zeit für eine "tiefschürfende Diskussion um unsere Waffengesetze".

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, einer der profiliertesten Waffengegner der Nation, schlägt ebenfalls Alarm, per bitterer Anklage nach oben: "Wir haben keine Führungskraft gesehen, weder vom Weißen Haus noch vom Kongress - das muss heute enden." Es handele sich schließlich um "eine nationale Tragödie, die eine nationale Antwort erfordert". Der emotionale Obama hat am Anfang seines Statements im Weißen Haus gesagt: Jedes Mal, wenn er eine solche Schreckensnachricht höre, dann reagiere er nicht als Präsident, sondern als Vater.

Es ist an der Zeit, dass er in den kommenden Wochen in dieser Sache als Präsident agiert.



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Seite 1
goofy100 15.12.2012
1. optional
Ungefähr 18.000 Menschen werden jedes Jahr in den USA durch besoffene Autofahrer getötet. Das ist umgerechnet alle 30 Minuten einer. Was tut man nun dagegen? Man nimmt all jenen die Autos weg, die sich an die Gesetze halten und nie betrunken fahren. Das ist die verquere Logik all derer, die nun wieder nach schärferen Waffengesetzen rufen. Denn diese treffen nur die Waffenbesitzer, die sich nie etwas zu schulden kommen lassen. Kriminelle dagegen kommen immer an Waffen, in Deutschland, in Mexico (wo noch schärfere Waffengesetze als in Deutschland herrschen, und wo wir ja wissen, dass dort nie jemand erschossen wird...) und in den USA.
rosalux 15.12.2012
2.
Imme wieder lustig zu sehen, wie die Deutschen (die ja ansonsten gerne ihre Sturmgewehre in die Welt exportieren) aus der Ferne den "Waffenwahn" in Amerika eindämmen wollen. Und vor allem weil man ja durch den hiesigen Konsum von Coca Cola und McDonalds schon genügend weiss um den Amerikanern die Welt erklären können. Nicht das es keinen erheblichen(!) Verbesserungsbedarf in den einzelnen Bundesstaaten bezüglich des Waffenrechts gäbe, besonders was Erwerb und Aufbewahrung betrifft. Aber wie würden die Deutschen reagieren, wenn die Amerikaner ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen und die Anhebung des Mindestalters für den Führerschein fordern würden, wegen der vielen Toten im deutschen Strassenverkehr? Oder die Norweger wegen der tödlichen und sozialen Folgen von Alkohol den Deutschen das Biertrinken verbieten wollen? Man würde diese wohl auslachen, und von ausserhalb lässt man sich aus schon aus Prinzip nichts sagen...
outsider-realist 15.12.2012
3.
Zitat von goofy100Ungefähr 18.000 Menschen werden jedes Jahr in den USA durch besoffene Autofahrer getötet. Das ist umgerechnet alle 30 Minuten einer. Was tut man nun dagegen? Man nimmt all jenen die Autos weg, die sich an die Gesetze halten und nie betrunken fahren. Das ist die verquere Logik all derer, die nun wieder nach schärferen Waffengesetzen rufen. Denn diese treffen nur die Waffenbesitzer, die sich nie etwas zu schulden kommen lassen. Kriminelle dagegen kommen immer an Waffen, in Deutschland, in Mexico (wo noch schärfere Waffengesetze als in Deutschland herrschen, und wo wir ja wissen, dass dort nie jemand erschossen wird...) und in den USA.
Relativierungen sind kein Lösungsansatz für dieses Problem und erst recht nicht so unzutreffende.
RealityCheck 15.12.2012
4.
Hier ist in etwa die Argumentation der pro-Waffen-in-Privatbesitz-Vertreter in den USA: Erstens ist das ein von der Verfassung garantiertes Recht und wird als unantastbar angesehen. Es diente zum Schutz der Bürger vor ausländischen Angreifern (mit den damaligen Waffen) und ebenso zu ihrer Verteidigung vor illegalen diktatorischen Bestrebungen der eigenen Regierung und heute vor Gewaltverbrechern. Es wird auch nicht vergessen, dass der erste Schritt aller neuetablierten Diktaturen immer die Konfiszierung aller Waffen in Privatbesitz ist. Solche Bestrebungen werden daher in den USA mit grossem Misstrauen gesehen. Dann wird argumentiert, dass bei einer Entwaffnung der rechtschaffenen Bürger nur noch die Verbrecher über Waffen verfügten. Es ist zwar die Zahl der von Verbrechern mit Waffen verübten Straftaten bekannt (etwa 500.000 im Jahre 2005, darunter 11.000 mit Todesfolge - National Institute of Justice: Criminal Justice Research, Development and Evaluation (http://www.nij.gov)), aber nicht die Zahl der durch Waffenbesitz in der Hand von Bürgern verhinderten Verbrechen. Dem steht die Zahl der in Amokläufen wie dem in Connecticut getöteten Menschen gegenüber. Dann wird gesagt, dass vor 50 oder 100 Jahren proportional zur Einwohnerzahl die Verteilung von Waffen in privater Hand ebenso hoch war wie heute, aber solche Amokläufe wie der von Newtown nicht vorkamen, dass also nicht der private Waffenbesitz dafür die Ursache sein kann, sondern der Verfall der Moral. Gestern wurde ebenfalls ein Amoklauf in China bekannt, dem 22 Kinder zum Opfer fielen - und der erfolgte mit einem Messer. In der chinesischen Diktatur gibt es wohl kaum Schusswaffen, weder bei Kriminellen noch bei Gesetzestreuen, aber gemordet wird trotzdem, sogar trotz vierstelliger Todesurteile. Und solche Verbrechen wie das von Aurora und Newton passieren auch anderswo. In China geschahen zehn, alle ohne Schusswaffen. Mit Schusswaffen geschahen in Deutschland drei, in Finnland zwei, dreizehn andere Länder erlebten je einen Fall. In Norwegen erschoss ein kürzlich verurteilter Fanatiker über 60 Menschen, obgleich das Land eines der striktesten Waffengesetze hat.
alexbln 15.12.2012
5.
ich habe diesen waffenwahn lange nie verstanden. aber das verhältnis vieler amerikaner zu dem "staat " ist nunmal ein völlig anderes.
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