Von Marc Pitzke, New York
Gold. Das ist der erste bleibende Eindruck im "40/40". Der Nightclub des Musikmoguls Jay-Z in Manhattan funkelt aus allen Ecken. Hinter der Bar prangt ein Sechs-Meter-Turm aus 350 goldenen Champagnerflaschen der HipHop-Kultmarke Armand de Brignac (300 Dollar pro Flasche). Goldene Stufen führen zu Ledersofas hinter gold-gläsernen Balustraden.
Ausgerechnet in diesem Luxusambiente versucht Barack Obama am Dienstagabend, sich als Präsident für alle zu präsentieren, für Reiche wie Arme. Die Armen müssen aber draußen bleiben, im strömenden Regen hinter den Barrikaden, mit denen die Polizei den Broadway, die 25th Street und den Madison Square gegenüber abgeriegelt hat.
Drinnen drängeln sich 100 Gäste, pro Kopf haben sie dafür 40.000 Dollar gelöhnt. Obama macht einen auf vertraut, nennt Jay-Z und Gattin Beyoncé "Jay und Bey", vergleicht sich mit dem Rap-Star: "Wir beide haben Töchter, und unsere Frauen sind populärer als wir."
Es ist Obamas dritte und letzte Station des Tages. Erst ein Auftritt beim TV-Talker David Letterman, danach zwei Spendengalas in der etwas angestaubten VIP-Absteige Waldorf Astoria und im "40/40". Dank der saftigen Preise fließen so allein in dieser Nacht 6,5 Millionen Dollar in Obamas Kampfkasse.
Pikantes Timing: Seit 24 Stunden wirbelt das lancierte Video eines ähnlichen Spendentreffs den Wahlkampf durcheinander. In jenem Fall sprach Obamas republikanischer Rivale Mitt Romney vor Hedgefonds-Millionären. Seine heimlich mitgeschnittenen Worte offenbarten elitäres Denken: 47 Prozent der Amerikaner, dozierte er, zahlten keine Einkommensteuer und lägen dem Staat nur nörgelnd auf der Tasche - sollen sie doch Obama wählen.
Für diesen eigentlich ein Traum, bestätigt das Video doch das Image vom kalten Krösus, das Obama seinem Gegner seit langem anzuheften versucht. "Romneys Bemerkungen sind eine Country-Club-Phantasie", echauffiert sich selbst der konservative Kolumnist David Brooks in der "New York Times". "So etwas sagen selbstzufriedene Millionäre einander."
Ohne die Millionen der Millionäre kommt auch Obama nicht aus
Zu dumm, dass Obama den Tag darauf selbst damit verbringt, Millionäre zu hofieren. Seine Fundraising-Tour durch New York weckt nicht minder leise Zweifel an seinem Anspruch, im Gegensatz zu Romney "für jeden zu arbeiten". Denn den wahren Wahlkampf tragen beide nicht auf der Straße aus. Sondern hinter verschlossenen Türen, es geht um die Superreichen.
Es ist dieser Kampf ums große Geld, um Spenden, Spesen und TV-Spots, der am Ende wohl wirklich bestimmt, wo es langgeht. Sicher, Romney mag sich selbst mit seinem Standesdünkel jetzt gründlich sabotiert haben. Aber Obama weiß: Ohne die Millionen der Millionäre wird auch er nicht auskommen.
Zwar lässt er sofort ein neues Web-Video basteln, in dem sich Wähler über Romneys Snobismus empören ("Mir ist richtig schlecht"). Zwar nutzt er seine nunmehr zweite Amtsvisite bei Letterman, um sich als Mann des Volkes zu gerieren, von der Brauerei im Weißen Haus zu plaudern und allen zu versichern: "Wenn du Präsident bist, musst du für alle arbeiten, nicht für einige wenige." Da jubelt das Publikum, obwohl Letterman im Scherz in die Menge ruft: "Das kostet hier 50.000 Dollar pro Sitzplatz."
Doch während diese 36 TV-Minuten (plus fünf Werbepausen) die Wähler daheim von Obamas charmanter Bodenständigkeit überzeugen sollen, dient der Rest des Abends einem viel wichtigeren Ziel - jene Top-Finanziers zu umschmeicheln, die ihn 2008 so enthusiastisch unterstützt haben, dieses Jahr aber zaudern.
Viel Zeit bleibt nicht mehr. "Sieben Wochen sind schnell vorbei", mahnt Obama die 200 Spender im Waldorf Astoria, die pro Tisch 12.500 Dollar hingeblättert haben. "Ich bitte jeden hier, sich die nächsten sieben Wochen wirklich auf diese Wahl zu konzentrieren." Im Klartext: Öffnet eure Brieftaschen. Die Republikaner-Mäzene schrieben "Zehn-Millionen-Schecks" aus, fährt Obama fort. "Mit diesen Leuten brauchen wir nicht Dollar für Dollar gleichzuziehen. Können wir auch nicht."
Es könnte der teuerste Wahlkampf aller Zeiten werden
In der Tat ist es ein unfaires Finanzrennen zwischen dem Private-Equity-Fürsten und dem Ex-Sozialarbeiter. Experten rechnen damit, dass der diesjährige Präsidentschafts- und Kongresswahlkampf erstmals insgesamt mehr als sechs Milliarden Dollar verschlingen wird.
Im direkten Spendenvergleich führt Obama da zwar noch: Bisher hat er 348,4 Millionen Dollar sammeln können (Top-Spender: University of California, Microsoft, Google) - 155 Millionen Dollar mehr als Romney (Top-Spender: Goldman Sachs, JP Morgan, Morgan Stanley).
Doch private, unregulierte Spendenclubs verzerren das Bild. 245 Millionen Dollar haben diese "Super-PACs" bislang in Wahlwerbung gesteckt. Das meiste kam von Anti-Obama-Gruppen, darunter Restore Our Future (83 Millionen Dollar) und Americans for Prosperity (31 Millionen Dollar). Die einsame Demokraten-Gruppe Priorities USA Action konnte nur 27 Millionen Dollar dagegenhalten.
Kein Wunder, dass Obama - der sich mit dem Spenden-Kotau lange schwertat - in Manhattan Klinken putzt. Im "40/40" preist er sich selbst: "Wir haben große Fortschritte erzielt." Beschwört den Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos: "Wir wissen, wie es ist, wenn man nichts hat." Und appelliert an die Geldgeber: "Wir werden in den nächsten sieben Wochen Geschichte schreiben - wenn ihr weiter zu mir haltet."
Nach 15 Minuten ist die Bettelpflicht getan. Obamas Autokolonne prescht durch den Sturm zum Flughafen, wo der Präsidentenjumbo Air Force One wartet. Noch bevor der abhebt, hat das Weiße Haus Obamas New Yorker Spenden-Reden im Wortlaut veröffentlicht, wie immer.
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