US-Wahlsystem Warum Clinton mehr Stimmen hat - und trotzdem verliert

Hillary Clinton hat wahrscheinlich mehr Wählerstimmen geholt als Donald Trump. Verloren hat sie trotzdem. Wie ist das möglich?

Hillary Clinton und Donald Trump (bei einer TV-Debatte im Oktober)
AFP

Hillary Clinton und Donald Trump (bei einer TV-Debatte im Oktober)

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Mehr als 99 Prozent der Stimmen sind ausgezählt, Hillary Clinton führt. 47,7 Prozent der Wählerstimmen hat sie nach derzeitigem Stand eingefahren. Donald Trump liegt knapp dahinter: 47,5 Prozent. Clinton hat derzeit mehr als 200.000 Wählerstimmen Vorsprung vor ihrem republikanischen Rivalen.

Fest steht jedoch: Gewählt ist Trump. Er wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Clinton liegt vorne - und verliert doch. Der Grund: das amerikanische Wahlsystem.

Hier spielt die Kombination aus indirekter Wahl und Mehrheitswahlrecht eine zentrale Rolle: Der US-Präsident wird nicht unmittelbar vom Volk gewählt, sondern über den Umweg des Wahlleutegremiums, genannt Electoral College . Dieses setzt sich aus 538 Wahlleuten zusammen. Jeder Bundesstaat stellt dabei so viele Wahlmänner oder -frauen, wie er Abgeordnete und Senatoren im Kongress hat. Dabei ist die Bevölkerungsgröße entscheidend: Kalifornien etwa mit seinen knapp 40 Millionen Einwohnern hat 55 Wahlleute, New Hampshire mit 1,3 Millionen nur 4. Für den Sieg benötigt ein Präsidentschaftskandidat 270 Stimmen im Electoral College.

Bis auf zwei Ausnahmen (Maine und Nebraska) werden in allen Bundesstaaten die Stimmen der Wahlleute nach dem Mehrheitsprinzip vergeben. Das heißt, derjenige Kandidat, der die meisten Wählerstimmen in einem Bundesstaat auf sich vereint, bekommt alle Stimmen der Wahlleute zugesprochen.

Ein sehr knappes Ergebnis spiegelt sich also in der Zahl der gewonnenen Wahlleute nicht wider. Ebenso wenig spiegelt das Wahlleuteergebnis den sehr hohen Sieg eines Kandidaten wider.

So kann es sein, dass ein Präsidentschaftsbewerber in vielen kleineren Bundesstaaten verliert, aber trotzdem Präsident wird, weil er in mehreren sehr bevölkerungsreichen Staaten knapp gepunktet hat. Genauso ist es möglich, dass ein Kandidat zwar in wenigen bevölkerungsreichen Staaten sehr klare Siege und damit sehr viele Wählerstimmen einfährt, aber dennoch in Summe zu wenig Stimmen im Electoral College erhält, um Präsident zu werden. Auf seinem Konto stehen dann zwar die meisten Wählerstimmen, aber immer noch zu wenig Wahlleute für den Sieg.

So kann Hillary Clinton nach derzeitigem Stand zwar die meisten Wählerstimmen auf sich vereinen, weil sie etwa im Bundesstaat New York fast 60 Prozent oder in Kalifornien gar mehr als 60 Prozent holte. Trotzdem kommt sie nur auf 228 Wahlleute - Trump dagegen auf 279 (siehe Grafik am Textende).

Ist das schon mal vorgekommen?

Dreimal schon gab es eine ganz ähnliche Situation. Dabei gingen stets, wie auch jetzt, die Kandidaten der Demokraten als Verlierer vom Feld:

  • Noch gut im Gedächtnis ist der spannende Wahlausgang im Jahr 2000. Damals wurde die Wahl ganz knapp entschieden. 537 Stimmen Vorsprung in Florida sicherten dem Republikaner George W. Bush die Stimmen der Wahlleute und so die Präsidentschaft. Es war aber sein demokratischer Konkurrent Al Gore, der im ganzen Land die meisten Wählerstimmen sammeln konnte.

  • 1888 schaffte es Benjamin Harrison, Amtsinhaber Grover Cleveland vom Thron zu stoßen, ohne die Mehrheit der Wählerstimmen hinter sich zu vereinen. Vier Jahre später traten Cleveland und Harrison erneut gegeneinander an. Cleveland gewann die Mehrheit der Wählerstimmen und auch der Wahlleute.

  • Samuel Tilden musste sich 1876 dem Republikaner Rutherford B. Hayes geschlagen geben. Tilden hatte die meisten Wählerstimmen, aber Hayes zählte einen Wahlmann mehr, der gab den Ausschlag.
  • 1824 schaffte es John Quincy Adams sogar, die Präsidentschaft zu gewinnen, ohne die Mehrheit der Wählerstimmen oder der Wahlleute hinter sich zu haben. Im Rennen waren damals vier Kandidaten, alle Vertreter der Demokratisch-Republikanischen Partei. Da keiner der Kandidaten die erforderliche Mehrheit der Wahlleute verzeichnen konnte, wurde die Wahl von dem Repräsentantenhaus entschieden.

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