Wut über Wahlergebnis Die letzte Hoffnung der Trump-Gegner

Am zweiten Tag in Folge demonstrieren in zahlreichen Städten Zehntausende Menschen gegen Donald Trump. Sie setzen auf die letzte Chance, seinen Einzug ins Weiße Haus zu verhindern.

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"Diese Wahl war ein Weckruf für mich", sagte Remigio Mateo, ein 31-jähriger Sozialarbeiter aus Los Angeles, der "New York Times". Donald Trumps Triumph habe ihn schockiert. "Ich bin niedergeschlagen und habe Angst vor der Zukunft." Er wolle jetzt einfach bei Gleichgesinnten sein - "nicht nur um zu protestieren, sondern um überhaupt zu wissen, wie es weitergeht".

So wie Mateo geht es derzeit vielen Menschen in den USA. Seit der Wahl sind Zehntausende von ihnen landesweit auf die Straße gegangen. "Nicht mein Präsident", "Racist, sexist, anti-gay - Trump, go away": Mit Slogans wie diesen protestieren sie gegen das Wahlergebnis.

Trumps rassistische und sexistische Äußerungen im Wahlkampf haben vielen Angst gemacht. Deshalb fällt es ihnen jetzt so schwer, das Wahlergebnis zu akzeptieren - auch wenn Hillary Clinton und Barack Obama dafür werben. Die Zeitung "USA Today" meldet Demonstrationen in mehr als 50 Städten, die größten mit mehreren Tausend Teilnehmern fanden in Chicago, Denver, San Francisco und New York statt.

Proteste gegen Trump-Wahl in US-Städten

Quelle: USA Today.
Große Punkte zeigen Demonstrationen mit mehr als Tausend Teilnehmern.

Die Demonstrationen sind zwar zuvorderst Ausdruck von Entsetzen und Wut. Viele Menschen, vor allem Angehörige von Minderheiten, fürchten, dass unter Trump ihre Rechte massiv eingeschränkt werden. Zugleich erfüllen die Proteste aber auch einen therapeutischen Zweck: Die Trump-Gegner lassen ihren Frust heraus und vergewissern sich, dass sie nicht allein sind.

Die Proteste liefen bislang weitgehend friedlich ab. Doch in Portland im Westküsten-Staat Oregon kam es bei einer Versammlung von rund 4000 Menschen zu Ausschreitungen. Demonstranten schmissen Fensterscheiben von Geschäften ein, beschädigten Autos und bewarfen Polizisten mit Gegenständen. Die Polizei sprach von einem Aufruhr, setzte Tränengas und Gummigeschosse ein und nahm mehrere Personen fest.

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Anti-Trump-Proteste: "Nicht mein Präsident!"

Die Organisatoren der Demonstration gaben an, nicht für die Eskalation verantwortlich zu sein. Eine kleine, radikale Gruppe habe den Schutz der Massen genutzt, um Krawall zu machen.

Hoffen auf die Wahlmänner

Den meisten Demonstranten aber geht es darum, einen Präsidenten Trump noch abzuwenden. Tatsächlich gibt es sogar eine Chance - wenngleich sie höchst unrealistisch ist: Genügend Wahlmänner müssten sich vom Mehrheitsvotum ihres Staats lossagen und statt für den Immobilienmogul doch noch für Clinton stimmen.

Darauf setzen Anhänger der Demokratin, die eigens eine Onlinepetition dafür aufgesetzt haben - mehr als zwei Millionen Menschen haben diese schon unterzeichnet. "Sie hat die Mehrheit der Stimmen gewonnen", heißt es darin. Das Wahlleute-System sei zutiefst undemokratisch.

Tatsächlich hat Clinton zwar die meisten Stimmen der Bürger bekommen, doch nicht die Mehrheit der Wahlleute erreichen können. Die Abstimmenden sollten sich daran orientieren und nicht an den Vorgaben ihres Bundesstaats - zumal diese nicht bindend sind.

Nur 26 Staaten nehmen ihre Wahlleute in die Pflicht, der Mehrheit entsprechend abzustimmen. Tun sie es nicht, wird ihre Stimme dennoch gezählt, es wird höchstens eine Geldstrafe fällig. "Die Unterstützer Clintons wären mehr als bereit, dafür aufzukommen", heißt es in der Petition.

Das wäre ein einzigartiger Vorgang in der US-Geschichte. Zwischen 1948 und 1988 hat es sieben Fälle gegeben, in denen ein Wahlmann anders abgestimmt hat, genannt werden diese Abweichler "Faithless Elector", also "abtrünnige Wähler". Im Jahr 2000 wurde ein leerer Stimmzettel abgegeben. Am Ergebnis änderte das nichts.

Trumps Kehrtwende

Dennoch sollen die Demonstrationen bis zur Stimmabgabe der Wahlleute am 19. Dezember weitergehen. Die Votierenden auf ihre Seite zu holen, ist der letzte Hoffnungsschimmer, der den Trump-Gegnern noch bleibt. Damit die Proteste jedoch ihren bislang friedlichen Charakter behalten, kommt es entscheidend auf die Reaktionen von Trump und seinem Team an. Diese fielen bislang nicht besonders staatsmännisch aus.

Erst bezeichnete Trump die Demonstrationen bei Twitter als "sehr unfair" und spann noch die Theorie darum, die "professionellen Proteste" seien von Medien gesteuert worden. Wenige Stunden später schwenkte er um und erklärte, er liebe die Tatsache, dass sich kleine Gruppen für ihr Land engagieren würden.

Seine wichtigste Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway nannte die Proteste bei Twitter "nicht cool". Dazu zitiert sie eine der Protestierenden, die bei CNN zu Ausschreitungen aufgerufen und gesagt hatte, Menschen müssten für die gute Sache sterben, es werde Opfer auf beiden Seiten geben.

Auch der ehemalige Bürgermeister von New York und Trump-Unterstützer, Rudy Giuliani, teilte gegen die Demonstrierenden aus. Die protestierenden Studenten an den Universitäten, die unter anderem "Cry-ins" organisiert hatten, seien eine Bande "verwöhnter Heulsusen", sagte er dem Fernsehsender Fox News.

Die Demokraten hingegen reagierten bislang souveräner auf den bevorstehenden Machtwechsel. Der noch amtierende US-Präsident Barack Obama versicherte Trump bei einem ersten Treffen seine Unterstützung. Auch Clinton verzichtete auf ein Nachtreten in Richtung ihres republikanischen Kontrahenten.

Trump hingegen könnte bald Unterstützung bekommen, die ihm weniger lieb sein dürfte. Auch der rassistische Ku-Klux-Klan will in der Öffentlichkeit Geschlossenheit demonstrieren - mit einer Parade zu Ehren Trumps.

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