Das US-Wahlblog von Sebastian Fischer
Tut uns leid, aber das hier ist ein Blog-Eintrag aus Washington, der Hauptstadt. Im Staat Delaware müsste man sein, Stadt Wilmington. Und dann in die Barley Mill Road, runter zum Haus am See. Denn da wohnt Joseph Robinette Biden Jr., 69 Jahre alt, US-Vizepräsident.
Weil wir nicht vor Ort sind, müssen wir uns das jetzt vorstellen: Die vergangenen Tage ist Biden morgens nicht nach Washington gefahren (178 Kilometer), sondern in ein Hotel (wohl in der Nähe), zum Training. Da hat dann schon der Abgeordnete Chris Van Hollen aus Maryland gewartet, den sie für Biden abgestellt haben. Der Name ist unwichtig, Van Hollen soll ja nicht Van Hollen sein, sondern: Paul Ryan. Den soll er spielen.
Biden hat für sein TV-Duell an diesem Donnerstag trainiert (ab 3 Uhr in der Nacht auf Freitag im Liveticker auf SPIEGEL ONLINE). Obamas Vize gegen Romneys Nummer zwei. Und weil Chef Obama so enttäuscht hat bei seiner eigenen Debatte, Chef Romney aber gerade aufholt in den Umfragen, heißt es nun, auf Biden und Ryan liege ordentlich Druck: Der Alte (Biden, 69 Jahre) muss gutmachen, was Obama falsch gemacht hat; der Junge (Ryan, 42 Jahre) muss nachlegen.
Wie eine Kanonenkugel
Biden also verlässt morgens sein Haus in der Barley Mill Road. Der Mann ist richtig geladen. Weil Obama dem Romney sogar die Mogelpackung mit der Nun-doch-nicht-Steuersenkung-für-die-Super-Reichen hat durchgehen lassen. Nee, nee, das will Biden jetzt ausbügeln. Immerhin beherrscht er, Kind der Arbeiterklasse, die Sprache der einfachen Leute. Und er hat schon einige Debatten auf dem Buckel; für Ryan ist es die erste. "Der Vizepräsident wird auf mich losgehen wie eine Kanonenkugel", hat Ryan seine bilderstarken Gefühle dem "Weekly Standard" anvertraut.
Ja, hinlangen kann Biden. Nur trifft er nicht immer. Neulich hat er gesagt, die Mittelklasse sei doch in den letzten vier Jahren "beerdigt" worden - also quasi in der Regierungszeit von Obama/Biden. Manchmal driftet er auch ein bisschen ab. "Erschieß. Mich. Jetzt", kritzelte vor langer Zeit ein US-Senator auf einen Zettel, als er Biden zuhören musste. Der Senator war Barack Obama.
Aber jetzt weiter zum Hotel. Wir können davon ausgehen, dass der Abgeordnete Van Hollen a. k. a. Ryan sich ruhig und sehr faktensicher zeigen wird. Sie haben dem Double vorher gesagt, dass er ein bisschen im Stakkato-Stil sprechen soll, so wie Ryan eben. Und immer grinsen.
Wir müssen an dieser Stelle bei David Brooks abschreiben, dem "New York Times"-Kolumnisten, weil der sich Biden im Duell so schön als "hungrigen Vielfraß" denkt: "Ich stelle ihn mir vor, wie er über die Bühne springt, seine beunruhigend perfekten Zähne in Ryans Nacken versenkt und dann einfach so verharrt, während Ryan noch durch den Saal rennt und irgendwas nicht Verständliches über niedrige Steuersätze schreit." Okay, Brooks übertreibt natürlich. Ein bisschen.
Vom Fitnesstrainer zum Vizepräsidenten-Kandidaten
Immerhin: Ryan, der Hobbyjäger mit den knallblauen Augen, ist regelmäßiger Gast im Fitnessstudio. Blutdruck 121 zu 62, Ruhepuls 59, 74 Kilo, 1,88 Meter, "exzellente Verfassung", laut kürzlich veröffentlichtem Gutachten. So gesehen hat Joe Biden keine Chance.
In Washington nennen sie Ryan den "intellektuellen Anführer" der Republikaner - weil er sich in Finanzdingen auskennt. Jüngst hat das US-Magazin "The New Republic" beschrieben, wie sich Ryan vom Fitnesstrainer zum Kongressabgeordneten zum Vizepräsidenten-Kandidaten und "big thinker" aufpumpen konnte, zu Beginn steht ein Zitat seiner alten Klassenkameraden aus Highschool-Zeiten: "Biggest brown noser". Das kann man mit "Speichellecker" übersetzen. Oder auch mit "Arschkriecher", aber das machen wir hier nicht.
Stattdessen ein paar Fakten zum Schluss: Ryan hat im ländlichen Virginia für das TV-Duell trainiert, mit einem 72-jährigen, früheren Regierungsanwalt als Biden-Ersatz. Bis zum Frühjahr noch hat Ryan die Philosophin Ayn Rand sehr gemocht, die in den Fünfzigern die Kapitalistenbibel "Atlas Shrugged" geschrieben und darin die Selbstsucht gefeiert hat. Früher hat er das Buch auch gern verschenkt. Jetzt nicht mehr. Und schließlich ist da der "Ryan-Plan", der drastische Sozialkürzungen vorsieht und den logischerweise Ryan verfasst hat.
Genau darauf wird sich Biden stürzen. Wenn auch ohne gefletschte Zähne.
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