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US-Wahl: McCain-Flop spaltet die Republikaner

Aus Phoenix berichtet

Er zeigte sich enttäuscht, blieb aber fair: Direkt nach der Niederlage wandte sich John McCain wieder Sachfragen zu, lobte Obama - und wurde dafür von den eigenen Anhängern ausgebuht. Die Republikaner brauchen eine neue Zukunftsvision, der Wahlkampf hinterlässt sie zerstritten und ausgelaugt.

Phoenix - Am Schluss ging alles ganz schnell: Schon um 21.15 Uhr Ortszeit trat John McCain auf die Bühne im Garten des Biltmore Hotels in Phoenix, Arizona, um seine Niederlage einzuräumen. Es war das Ende seiner mehr als zehn Jahre währenden Ambitionen auf die US-Präsidentschaft. Aber ausgerechnet als Verlierer wurde John McCain wieder ganz Staatsmann. Einer, der Obama seinen Sieg zügig zugestand, als er merkte, dass er keine Chance mehr hatte. Der davon sprach, wie sehr sie beide, Obama und er, Amerika liebten.

Der sonst so unterkühlte McCain sprach voller Emotionen über Rassismus und Rassentrennung, "die große Ungerechtigkeit, die den Ruf unserer Nation beschmutzt hat". Obama habe "Gewaltiges für sich und sein Land geleistet". Und dann forderte er seine Anhänger auf, Obama mit gutem Willen entgegenzutreten und politische Kompromisse mit ihm einzugehen, im Interesse Amerikas. Den lauten Buhrufen seiner Anhänger begegnete McCain mit fast schmerzverzerrtem Gesicht. Vorher hatte er Obama gratuliert und ihm seine Unterstützung angeboten.

Ein Mann, der mit sich im Reinen ist - trotz der Niederlage

In der Rolle als Staatsmann ist McCain sicherlich am besten: Er sah nicht aus, wie ein Mann, der sich seine Gratulationen für Obama mühsam abringen musste. McCain stand unter dem Nachthimmel von Arizona, in den blaue und gelbe Laserstrahlen projiziert wurden, neben ihm seine Frau Cindy und seine Vizekandidatin Sarah Palin.

Er wirkte wie ein Mann, der trotz der Niederlage mit sich im Reinen ist. Nichts erinnerte mehr an den Mann, der noch vergangene Woche versuchte, seine Unterstützer zu Joe-der-Klempner-Sprechchören zu bewegen und Wähler mit Anrufen über Obamas angeblich zweifelhafte Vergangenheit bombardieren ließ.

Für die Unterstützer des Republikaners war der Übergang von McCain dem Wahlkämpfer, der auch vor Schmutz nicht zurückschreckt, zu McCain dem Gentleman vielleicht ein bisschen zu abrupt.

"Hauptsache, es bewegt sich etwas"

Mit zitternder Hand wischte sich Lisa Ulrich auf dem Rasen vor dem Hotel die Tränen aus dem Gesicht. "Ich habe solche Angst", sagte sie und weinte.

Wovor? "Wofür Obama steht: Abtreibung. Ich muss an unsere Soldaten denken, die so hart gekämpft haben und nun umsonst gestorben sind, weil Obama sie abziehen will." Die 42-jährige Republikanerin arbeitet in Phoenix für einen Fernsehsender. Sie glaubt, dass "fremde Regierungen Obama darauf trainiert haben, hier Präsident zu werden und dann Amerika zu schaden". Kim Owens, eine Wahlkampfhelferin klagte, es habe alles nur an fehlenden Spenden für McCain und "den voreingenommenen Medien" gelegen.

Der Immobilienmakler Jack London schaute in der schicken Hotellobby traurig in sein Bierglas. Er glaubt, die Partei müsse nach McCain wieder nach rechts rücken, aber er will jetzt trotzdem Obama unterstützen. "Hauptsache, es bewegt sich irgendwas in der Regierung, selbst wenn es in eine Richtung geht, die mir nicht gefällt."

Bis kurz vor Schluss hatte McCain auf Durchhalteparolen gesetzt.

Am Ende blieb die Hoffnung

Sein gewaltiger Rückstand in den Umfragen? Die Umfragen seien falsch, "wir holen auf". Deshalb sein 36-Stunden-Endspurt durch sieben Staaten, bis kurz vor Schließung der Wahllokale, eine sehr ungewöhnliche Entscheidung.

Genützt hat es nichts. Auch nicht, dass der abergläubische McCain die Entscheidung im Biltmore erwartete, dem Hotel in dem er seinen Triumph am Superdienstag in den Vorwahlen im Februar 2008 und einst seine Hochzeit mit Cindy feierte und in dem er vor 28 Jahren den Grundstein für seine politische Karriere legte.

Aber so richtig in Feierstimmung waren McCains Anhänger nicht mal, als sie im Biltmore-Hotel ankamen, einem historischen Luxusressort am Rande von Phoenix. Eher in Erwartung eines Wunders, an das sie selbst nicht recht glaubten. Es gab Gerüchte über Hochrechnungen, die McCain mit winzigem Vorsprung zeigten. "Ich werte das mal als Ausdruck von Hoffnung", unkte William Behrens, ehemaliger deutscher Honorarkonsul in Phoenix und Gast der Wahlparty.

Im Ballsaal spielte Hank Williams Junior Countrymusik und auf den großen Leinwänden tauchten fast nur die Staaten auf, die John McCain gewonnen hatte. Wegen dieser Informationsbevormundung tippten die Republikaner auf ihren Blackberrys herum oder sammelten sich um die Fernseher in den Hotelbars. Dann, kurz nach 20 Uhr, sickerte die Erkenntnis durch: Es wird nichts mehr. Pennsylvania: deutlich verloren. Dann Ohio: verloren. Obama in Virginia vorn.

Es gab keinen plausiblen Weg mehr, wie McCain noch gewinnen konnte. Das war das Ende, doch niemand wollte es sich eingestehen. Trotzdem: Die versteinerten Gesichter der herausgeputzten Frauen in Abendkleidern und der Männer vor ihren Rotweingläsern sagten genug. Als CNN dann kurz nach 20 Uhr Obama zum wahrscheinlichen Präsidenten ausrief, quittierten McCains Anhänger das vielfach nur noch mit Schulterzucken statt mit roher Wut.

Wer ist für das Debakel verantwortlich?

Tatsächlich aber besteht für die Republikaner aller Grund, eine ausführlichere Nabelschau zu betreiben. Denn diese Wahl ist nicht einfach irgendeine, die die Konservativen mehr oder weniger zufällig verloren haben. Diese Wahl ist auch mehr als eine Abkehr der Amerikaner von George W. Bush. Die üblichen Versprechen von Steuersenkungen und weniger Staat liefen in diesem Jahr ins Leere. Alarmiert nehmen konservative Strategen zur Kenntnis, dass die Republikaner außerdem mindestens fünf Sitze im Senat verloren haben.

Die Amerikaner haben die Nase voll von den Republikanern so wie sie sind. Und die Republikaner haben darauf keine Antwort. Ist wirklich Sarah Palin, die auch in den eigenen Reihen hochumstrittene Vizekandidatin, die Zukunft der Partei, wie selbst offensichtlich gern glauben möchte? Gestern jedenfalls blieb sie noch lange im Biltmore und sprach mit Unterstützern, als McCain schon längst gegangen war.

Klar ist: Palin ist eine Sollbruchstelle zwischen zwei Flügeln der Partei, die Reagan 1980 zusammenfügte. Den Sozialkonservativen, die sich gegen Abtreibung und Schwulenehe aussprechen und den wohlhabenden Wirtschaftskonservativen, denen niedrige Steuern und wenig Regulierung am Herzen liegen. Letztere fühlen sich von Palin geradezu abgestoßen.

In den nächsten Tagen wird unter den Konservativen die Diskussion losbrechen, wer für ihr Debakel verantwortlich ist. Reicht es, zu alten republikanischen Prinzipien zurückzukehren, wie der Kongressabgeordnete Jeff Flake aus Arizona sagt und man nur Ernst machen muss, mit einem kleineren Staat oder mit echter Sparpolitik? Oder muss die Republikanische Partei ihre ganze Position neu finden, wie manche konservative Strategen meinen?

Klar ist: John McCain hat zwar einen manchmal strategielos wirkenden Wahlkampf gemacht. Aber: Er war vermutlich als Querkopf der beste Kandidat - war er doch in der Lage, als Republikaner quasi gegen seine eigene Partei anzutreten. McCains Niederlage wird die Republikaner auch noch einmal über die Fehler der Bush-Zeit nachdenken lassen. Niemand war unbeliebter als er. Vor diesem Hintergrund wirken die Worte fast zynisch, die Präsident George W. Bush seinem einstigen Rivalen McCain gestern am Telefon mitgab: "Du hast dein Bestes gegeben."

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