Von Sebastian Fischer, Washington
Ganz großes Kino soll es sein. Mitt Romney hat das Jackett abgelegt, läuft unter dem mächtigen Geschützturm des Schlachtschiffs entlang, dann die Gangway herunter nach Norfolk, Virginia. Seine Leute drehen die Musik auf, sie klingt wie der Abspann eines patriotischen Hollywood-Streifens à la "Top Gun".
Romney ruft "Ah!", die Leute vor der USS "Wisconsin" rufen "Mitt!". Es sieht aus, als kehre Romney von ausgedehnter Fahrt auf feindlichen Meeren heim. Doch das Schiff ist nur Fassade, nur noch Museum. Die "Wisconsin" kämpfte im Zweiten Weltkrieg, sie war vor Korea im Einsatz und während des zweiten Golf-Kriegs auch. Jetzt dient sie Romney als Kulisse, um die Präsentation seines Kandidaten für die Vizepräsidentschaft zu inszenieren.
Der Kandidat: Paul Ryan, 42 Jahre, Abgeordneter im Repräsentantenhaus, Katholik, verheiratet, drei Kinder, Fliegenfischer, hört Led Zeppelin, übernachtet öfter im Büro. Und wenn es um Steuern und Finanzen geht, gibt er den konservativen Hardliner.
Uuups - Romney stellt den nächsten Präsidenten vor
Das sagt Romney natürlich nicht. Er bezeichnet Ryan als "intellektuellen Anführer der republikanischen Partei". Und erwähnt, dass Ryan früh erwachsen werden musste, weil der Vater starb, als der Junge erst 16 Jahre alt war. Ryan verstehe die Schuldenkrise der USA; er verfluche nicht die Dunkelheit, "sondern zündet eine Kerze an". So spricht Romney. Und dann guckt er zur USS "Wisconsin" und ruft: "Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Paul Ryan."
Weiter gelangt er nicht, weil Romney sich von hinten nähert und ihn unterbricht: "Wart' mal." Er sei ja "hin und wieder" bekannt dafür, einen Fehler zu machen, sagt Romney. Der Kerl neben ihm werde natürlich "der nächste Vizepräsident der Vereinigten Staaten". Wäre das auch geklärt.
Schließlich hält Ryan eine Rede im Auftrag seines neuen Herren. Er bedient sich vieler Floskeln aus dem Romney-Kosmos: Es ist eine Rede, in der es fast ausschließlich um die Wirtschaft geht, darum, dass Barack Obama gescheitert ist. Niemand bestreite, dass der Präsident eine schwierige Situation vorgefunden habe, sagt Ryan. Aber Obama habe in seinen ersten zwei Jahren alles durchgebracht, was auf seiner Agenda stand. Und es habe nicht gewirkt. Nun hätten die USA den größten Schuldenstand seit dem Zweiten Weltkrieg.
Das Ziel: Nur nicht wieder in die Palin-Falle tappen
Ryan bringt in jedem dritten Satz ein Romney-Lob unter, sagt, der Mann habe als Gouverneur das Leben der Menschen in Massachusetts verbessert. Über Romneys damalige Gesundheitsreform, die der verhassten Obamacare so sehr ähnelt, verliert Ryan kein Wort. Noch vor zwei Jahren lautete sein Fazit zu Romneycare: "Ich bin kein Fan dieses Systems." Stattdessen sagt Ryan nun, dass Amerika mehr als ein Ort sei, nämlich eine Idee. Die Leute rufen "USA, USA, USA". Und Ryan klingt wie Romney.
Der kommt wieder auf die Bühne, sie herzen sich ein bisschen und aus den Lautsprechern dröhnt Romneys favorisierter Barde Kid Rock mit "Born Free" und der Zeile: "Wild wie ein ungezähmter Hengst." Ganz so wild sehen die beiden oben auf der Bühne zwar noch nicht aus. Dennoch ist die Präsentation Ryans eine Kampfansage und die Kriegsschiffkulisse nur passend.
Romney hätte ja auch Tim Pawlenty wählen können, den Ex-Gouverneur von Minnesota. Oder Rob Portman, den US-Senator aus Ohio. Blasse, graue Männer. Lange hieß es, Romney suche eine "wenig aufregende" Nummer zwei. Und hatte Romneys Frau Ann nicht verkündet, man suche einen Politiker, der ihrem Mann ähnlich sei? Das Ziel: Nur nicht wieder in die Palin-Falle tappen. Das war die Vorgabe aus dem Romney-Lager. Nicht einen Aufreger landen wie Republikaner-Kandidat John McCain mit Palin als Vize - und dies dann im Wahlkampf büßen müssen.
Ryan ist weniger langweilig als Pawlenty und Portman, aber weniger aufregend als Palin. Ryan vertritt einen aggressiven Kurs in der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Um die US-Schuldenkrise in den Griff zu bekommen, hat er - der Vorsitzende des Haushaltsausschusses - vorgeschlagen, Sozialleistungen zu streichen und Steuern weiter zu senken. Die Gesundheitsprogramme für Ärmere und Ältere sollen teils privatisiert werden.
Republikaner jubeln, Demokraten jubeln
Ryan ist die personalisierte Kampfansage. Schon jubeln die Republikaner: Sparen, kürzen, Steuern senken - das gilt ihnen als Ausweis von Konservativismus. Ryan verkörpert die neue Zeit. "Intellektuellen Anführer der Republikaner" hat ihn vor Romney schon der konservative "Weekly Standard" im Juli genannt. "Der einflussreichste Politikgestalter in der Republikanischen Partei, ihr wirtschaftspolitischer Kopf", charakterisierte die "New York Times" Ryan im April.
Aber auch die Demokraten jubeln: Soziale Gerechtigkeit versus kalter Kapitalismus - dieses Motiv des Wahlkampfs glauben sie jetzt mit Paul Ryan auf der Gegenseite besser variieren zu können. Der "Ryan-Haushalt" ist längst zum Schimpfwort mutiert. "Kaum verschleierten Sozialdarwinismus", hat Obama die Pläne genannt. Durch Ryans Wahl hätten die Republikaner das, was schon als sicherer Sieg schien, "in das größte Glücksspiel seit 1964" verwandelt, twittert "Newsweek"-Journalist David Frum. 1964 trat Rechtsaußen-Kandidat Barry Goldwater bei der Präsidentschaftswahl für die Republikaner an - und kassierte eine desaströse Niederlage gegen Demokrat Lyndon B. Johnson, von der sich die Partei lange nicht erholen konnte.
Doch wegen seiner Vergangenheit bei der Private-Equity-Firma Bain Capital, wegen seiner Weigerung, Steuererklärungen aus vergangenen Jahren zu veröffentlichen und wegen seiner peinlichen Europa-Tour ist Romney mittlerweile in die Defensive geraten. Er braucht jetzt einen Befreiungsschlag. Ryan soll es sein. Kann das gelingen mit einem, der polarisiert? Der möglicherweise die unabhängigen Wähler verschreckt? Mit seinen Haushaltsplänen habe "Mr. Ryan die Vorlage für eine Regierung geschrieben, die abwesend sein wird, wenn die Menschen sie am meisten braucht", kommentiert die "New York Times".
Eine Art wirtschaftspolitischer Cheney
Hinzu kommt: Romney führt einen Anti-Washington-Wahlkampf, inszeniert sich als erfolgreichen Geschäftsmann von außen, den es jetzt statt all der Politiker in der Hauptstadt braucht, um das Land zu sanieren. Ryan dagegen ist ein Washington-Insider, außer Politik hat er nicht viel gemacht, seit seinem 27. Lebensjahr sitzt er im Repräsentantenhaus.
Vor der USS "Wisonsin" sagt Ryan, seine Erfahrungen im Kongress seien hilfreich, würden Romneys unternehmerischen Hintergrund "ergänzen".
Noch im Frühjahr wurde Paul Ryan selbst als republikanischer Präsidentschaftsbewerber gehandelt. Als einer, der kurzfristig noch einsteigen könnte ins Rennen, um den ungeliebten aber damals schon irgendwie zwangsläufigen Romney noch zu stoppen. Ryan lehnte ab, dafür sei es "zu spät". Fortan machte er für Romney Wahlkampf, zog mit ihm über die Dörfer. Immer wieder. Dabei erschienen die beiden mit ihren 23 Jahren Altersunterschied den Besuchern wie Vater und Sohn.
Genau wie Romney liebt Ryan Powerpoint-Präsentationen, mit allerlei Grafiken und Kurven, um seine fiskalpolitischen Ziele zu verdeutlichen - gern auch vor größerem Publikum. Es ist dieser technokratische Politikansatz, der beide eint. Romney hat sein Vermögen gemacht, in dem er marode Firmen aufkaufte, sie zerlegte, neu zusammensetzte und mit großem Gewinn verkaufte. Gemeinsam mit Ryan will er nun Amerika auseinander nehmen, um es neu zusammenzusetzen und alte Stärke zurückzugewinnen.
Ryan könnte dabei die Rolle des Vordenkers übernehmen. Denn wer sagt, dass ein Vizepräsident machtlos sein muss? Die Außen- und Sicherheitspolitik von George W. Bush wurde maßgeblich von Dick Cheney, seiner Nummer zwei, geprägt. Vielleicht wird Ryan so eine Art wirtschaftspolitischer Cheney.
Wenn Romney-Ryan im November siegen.
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