Aus Boston berichtet Marc Pitzke
Die Niederlage hängt schon früh in der Luft. Der Ballsaal des Bostoner Kongresszentrums, in dem Mitt Romney eigentlich seinen Wahlsieg feiern wollte, füllt sich nie so richtig, die Gäste umklammern ihre Bierflaschen und starren auf ihre Smartphones. Einige haben die Winterjacken anbehalten, als wollten sie gleich wieder weg.
Im Foyer ist ein festliches Buffet angerichtet, Hühnchen, Schweinebraten, exotische Salate. Alkoholische Getränke sind aber auf zwei Gläser pro Person beschränkt. Als hätten sie von vorneherein geahnt, dass dies nicht gerade ein feuchtfröhlicher Abend werden würde.
Doch es dauert lange, bis Romney sich seinen Fans stellt und die herbe Niederlage eingesteht. Vielleicht will er sie nicht wahrhaben. Vielleicht fehlen ihm die Worte. Eine Siegesrede hat er am Vormittag verfasst, 1118 Worte lang. Eine Verliererrede schrieb er aber absichtlich nicht.
Ryans Extremismus - ein Grund für Romneys Niederlage
Man merkt, wie schwer es ihm fällt, als er schließlich um kurz vor 1.00 Uhr nachts Ortszeit auf die Bühne kommt. Sein Schwung ist sichtlich geschwunden, seine Stimme dumpf, sein Roboter-Lächeln nur noch ein schmaler Strich.
Er dankt den Helfern, den Anhängern, seinem Vizekandidaten Paul Ryan: "Neben meiner Frau Ann die beste Wahl, die ich je traf." Das darf bezweifelt werden - Ryans Extremismus war sicherlich ein Grund für Romneys Untergang.
Sie warten auf eine erhebende Rede, die ihnen die Schmerzen versüßt. Eine große Rede, wie sie der ehrenwerte John McCain 2008 gehalten hatte. Doch Romney bleibt sie schuldig, belässt es bei Floskeln, bittet nur noch mal freundlich um Unterstützung für Obama: "Betet für ihn, und betet für diese großartige Nation". Winken, bemühter Jubel, das Familienfoto - goodbye.
Ende eines langen Weges
Und so stehen sie vor den Trümmern ihrer Überheblichkeit, Romney und die Republikaner. Fast hätte er es ja geschafft, dann wurde es doch eine Niederlage, eine ziemlich klare. Bitter, am Ende eines so langen Weges. Fast zwei Jahrzehnte quälte sich Romney durchs Politikgestrüpp - im Schatten des Vaters George, der 1968 die Präsidentschaftskandidatur zurückgezogen hatte.
Schon Romneys erster Anlauf auf den Senat war fehlgeschlagen, ebenso 2008 sein erster Anlauf auf die Nominierung für die Präsidentschaft, und nun sein Anlauf aufs Weiße Haus. Als ein krönendes Zitat von vielen wird bleiben, was er zum Höhepunkt der US-Autokrise Ende 2008 schrieb: "Lasst Detroit bankrott gehen." Detroit rächte sich und schlug sich zu Obama.
Bitter, gerade nach den ermutigenden Szenen der letzten Tage. Die Menschenmassen, die Romney bejubelten, Abertausende, Zehntausende, überall. Der Enthusiasmus seines Fußvolks. Die Kulissen, präsidial endlich, mit riesigen Sternenbannern, weitem Himmel und Flaggenmeeren bis zum Horizont.
Romney verbog sich für die Wähler
Woran lag's? Waren es die vielen Pannen und Fauxpas, die Romney stoisch ignorierte? Die millionenschwere TV-Kampagne von Obamas Strategen, die ihn als kalten Kapitalisten diskreditierten? Romneys Neigung zum Fettnapf - der Bibo-Flop, die "Ordner voller Frauen", sein durchweg hölzernes Auftreten?
Am Ende gibt es nur einen Hauptschuldigen, und der heißt Mitt Romney: Monatelang verbog er sich, wieder und wieder, bis er für die Wähler nicht mehr zu erkennen war. Erst ganz am Ende traute er sich noch mal, er selbst zu sein. Zu spät: Selbst Massachusetts, der Staat, den er vier Jahre regiert hatte, schmetterte ihn ab.
Dabei glaubte er doch, es herumgerissen zu haben, damals, beim ersten TV-Duell. Da vollzog er einen kalkulierten Salto rückwärts, mutierte ein letztes Mal - vom "streng konservativen" Mitt, zu dem er sich in den Vorwahlen stilisiert hatte, zum Mitt der Mitte. Es war ein dreistes, ein durchsichtiges Manöver.
Die ersten Umfragen der Nacht geben ihm noch Mut. Die Wirtschaft war für die Mehrheit der Wähler das Top-Thema. Und er ist ja der Zahlenfuchser, der Manager, der die Nation wieder richten würde. Nein, danke, sagen sie.
So wird es eine Zitterpartie. Die Gäste in Boston müssen auf zwei riesigen Leinwänden mitansehen, wie ihr Held dahinschmilzt. Irgendwann hört die Jazz-Combo neben der Bühne auf zu spielen.
Er verliert einen Bundesstaat nach dem anderen
Florida wechselt von Obama zu Romney. Zurück zu Obama. Zurück zu Romney. Ohio kokettiert ähnlich. Romney führt bei der "popular vote", dem landesweiten Stimmverhältnis. Romney führt lange bei den Wahlmännern. Romney holt Utah.
Es hilft nichts.
Romneys Top-Stratege Ed Gillespie kommt heraus, macht tapfer weiter auf Optimismus: "Wir werden hier heute Abend eine großartige Feier haben", proklamiert er. "Wir fühlen uns sehr gut." Ohio-Senator Rob Portman, einer der treusten Romney-Vasallen, erscheint per wackligem Video-Feed: "Danke für euer aller harte Arbeit", krächzt er, "ich war nie stolzer."
Doch dann fallen immer mehr Dominosteine. Massachusetts, Romneys Heimatstaat: an Obama. Michigan, Romneys Geburtsstaat: an Obama. Pennsylvania, New Hampshire, New Mexico: an Obama.
Zwei Stunden, dann räumt Romney die Niederlage ein
Danach herrscht lange Grabesstille in Boston. Harte Mienen, keiner rührt sich. Sicherheitskräfte drängen die Reporter ab. Ein einzelner Junge schwenkt wacker ein kleines Sternenbanner.
Unter der Hand wird längst Böses gemunkelt. Jeb Bush, George W. Bushs Bruder und Floridas Ex-Gouverneur, habe angerufen: Florida sei verloren - und mit Florida die Präsidentschaft.
Romneys Bodyguard Garrett Jackson twittert ein Foto aus den Kulissen: die Familie Romney, in weißen Ledersesseln, sie verfolgen die Ergebnisse. "Der Gouverneur und Ann haben eine tolle Zeit mit den Enkelkindern", schreibt Jackson dazu. Die Mienen sagen etwas anderes: Romney schaut angespannt, ernst. Er weiß Bescheid. Er ist doch ein Zahlenfuchser.
Gequält guckt auch Sarah Palin, die erfolglose Vizekandidatin von 2008. Sie beehrt Boston ebenfalls nur als Video, via Fox News natürlich, die Menge reagiert mit arktischem Schweigen. "Ich bin enttäuscht", sagt sie. "Aber ich halte weiter die Daumen gedrückt." Wie sie eine Wiederwahl Obamas sehe, so es dazu komme? "Wirklich ein katastrophaler Rückschlag!"
Palins schlimmste Befürchtung tritt ein - um exakt 23.12 Uhr Ortszeit, als die ersten US-Networks Obama zum Sieger küren. Er braucht dazu zwölf Minuten länger als vor vier Jahren.
Romney braucht danach fast zwei Stunden, um zu seiner allerletzten Rede herauszukommen.
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