Aus Boston berichtet Marc Pitzke
Selbst Brit Hume sieht es schließlich ein. Am Ende dieser langen Nacht blickt der politische Chefanalyst des konservativen Kabelsenders Fox News traurig in die Kamera. "Viele von uns glauben, und ich glaube das im Prinzip immer noch, dass dies ein Land rechts der Mitte ist", sagt er. "Aber es ist linksliberaler, als viele gedacht haben mögen, wenn man sich diese Zahlen mal anguckt. Es muss es einfach sein."
Das will was heißen: Fox News räumt das Ende seiner eigenen Existenzgrundlage ein. Amerika, so sein Fazit dieser Wahl, habe sich gewandelt.
Hat es das? Barack Obamas Wiederwahl, klarer und entschiedener, je mehr die Stunden fortschreiten, scheint ihn zur zweiten Chance zu beflügeln. Die Siegesrede, mit der er seine Anhänger in Chicago zu Tränen rührt, ist die beste seines Wahlkampfs, schwingt mit den erhabenen Kadenzen von 2008. Doch sie hat auch Brüche, Warnungen, Vorbehalte. Er weiß: Die nächsten Jahre werden nicht einfach.
Hoch sind die Erwartungen derer, die ihm zur Wiederwahl verholfen haben. Viel steht auf dem Spiel: Nicht nur die Abrundung der großen Reformen, Gesundheit und Wall Street. Sondern auch neue, bisher unerfüllte Pläne: eine umfassende Einwanderungsreform, ein Durchbruch in der Klimakrise, die landesweite Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe.
Zugleich gibt es drängende Sorgen, innen- wie außenpolitisch. Der marode US-Arbeitsmarkt. Die galoppierende Staatsverschuldung. Iran auf dem Weg zur Atommacht. Pulverfass Nahost. Sorgen, die sich nur geeint meistern lassen. "Wir sind eine amerikanische Familie", ruft Obama. "Wir steigen und fallen gemeinsam."
"Wir sind größer als die Summe unserer individuellen Ambitionen"
Und dann kommt er auf das Motiv zurück, das ihn 2004 ins Rampenlicht katapultiert hatte. "Wir sind nicht so geteilt, wie es die Politik vermuten lässt", sagt er, "und wir bleiben mehr als nur eine Ansammlung aus roten Staaten und blauen Staaten."
Mit exakt diesen Bildern begann seine Karriere, und nun greift er den Faden wieder auf.
Doch hinter dem Zahlen-Sperrfeuer der Nacht versteckt sich eine nüchterne Erkenntnis: Die USA sind weiter zutiefst gespalten. Vielleicht mehr noch als nach Obamas erstem Wahlsieg.
Einziges Ziel vieler Konservativen war es seit der Schmach von 2008, Obama aus dem Amt zu jagen - egal, was es politisch koste. Welches Ziel werden sie nun haben, mit ihrer weiterhin starken, wenn nicht sogar nach rechts gerückten Mehrheit im Repräsentantenhaus?
So sehen sie es also. Nicht versöhnt. Kaputt - und stolz drauf, wie die alten Revolutionäre.
Auf der einen Seite dieses Risses: das moderne Amerika. Erstarkt in Obamas Wiederwahl, in den Senatssiegen, in der Legalisierung der Homo-Ehe in drei weiteren Staaten, im Durchmarsch starker Politikdamen wie Elizabeth Warren in Massachusetts und Tammy Baldwin in Wisconsin - die erste offen lesbische Senatorin.
Auf der anderen Seite: das alte Amerika. Wiedererstarkt im US-Repräsentantenhaus, mit John Boehners alter, neuer Mehrheit, in Romneys, wenn auch schrumpfender, Koalition aus Weißen, Männern, Alten, Reichen, Evangelikalen, Tea-Party-Eiferern. Geschockt, demoralisiert, ungebrochen: Wie werden sie sich nach dieser Niederlage neu zusammenraufen?
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"Es wird eine Art Krieg geben", prophezeit der prominente Republikaner-Berater Mike Murphy in der "New York Times". Ein Krieg zwischen Pragmatikern und Ideologen darüber, wer Schuld trägt an dieser Niederlage der Hybris.
Die einen sagen, Romney war zu rechts. Die anderen sagen, Romney war zu moderat. Die einen wollen sich um die Latinos kümmern, jene wachsende Wählergruppe, der Obama den Sieg mit zu verdanken hat. Die anderen finden, dass die christlichen Werte hier zu kurz kamen.
Obamas Agenda droht also schnell zerrieben zu werden in diesem unverändert polarisierten Washington. Die allererste Prüfung wird kommen, noch bevor er im Januar erneut vereidigt wird: die "Defizit-Klippe" - jene potentiell verhängnisvolle Kombination aus automatischen Steuererhöhungen und drakonischen Sparmaßnahmen, die die politische Kaste abermals an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben könnte.
Wird Obama, geläutert und geschmälert, auf die Republikaner zugehen, sie umarmen wie Chris Christie, den Gouverneur von New Jersey, nach "Sandy"? Wird er sie in ein Kabinett der Einheit einbinden? Oder wird er seine progressiven Visionen jetzt erst recht durchboxen? In Chicago klingt der sanftere Weg durch: Obama beschwört den Willen zur Zusammenarbeit, die "gemeinsamen Bande". So, als habe er aus seinen Fehlern gelernt.
Und die Republikaner: Werden sie das Scheitern ihrer Blockadepolitik erkennen - oder werden sie sich noch tiefer darin eingraben? Mitt Romneys Website zeigt Obamas Rede in der Nacht jedenfalls live per Webstream, ein symbolischer Anfang. Doch wer ist Romney noch? Seine Rede in Boston ließ jegliche Größe vermissen, jeglichen Anspruch auf Führung.
Die rechte Intelligenzia rauft sich die Haare. "Wenn du Obama so nicht schlagen kannst", wütet Radio-Talkerin Laura Ingraham auf Fox News, "dann kannst du die Partei gleich dichtmachen. Macht sie dicht. Fangt neu an, mit neuen Leuten." Ihr Kollege Charles Krauthammer ruft dagegen zum Widerstand von innen auf: "Obama hat gewonnen", billigt er grimmig zu. "Aber er hat kein Mandat."
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