Obamas Strategie: Agenda für ein gespaltenes Land

Aus Boston berichtet

Barack Obama will die Nation einen, doch der wiedergewählte Präsident kann sich auf eine schwere zweite Amtszeit gefasst machen. Die Republikaner sind zwar demoralisiert und zerstritten - sie sitzen aber weiter am Machthebel im Kongress.

AP

Selbst Brit Hume sieht es schließlich ein. Am Ende dieser langen Nacht blickt der politische Chefanalyst des konservativen Kabelsenders Fox News traurig in die Kamera. "Viele von uns glauben, und ich glaube das im Prinzip immer noch, dass dies ein Land rechts der Mitte ist", sagt er. "Aber es ist linksliberaler, als viele gedacht haben mögen, wenn man sich diese Zahlen mal anguckt. Es muss es einfach sein."

Das will was heißen: Fox News räumt das Ende seiner eigenen Existenzgrundlage ein. Amerika, so sein Fazit dieser Wahl, habe sich gewandelt.

Hat es das? Barack Obamas Wiederwahl, klarer und entschiedener, je mehr die Stunden fortschreiten, scheint ihn zur zweiten Chance zu beflügeln. Die Siegesrede, mit der er seine Anhänger in Chicago zu Tränen rührt, ist die beste seines Wahlkampfs, schwingt mit den erhabenen Kadenzen von 2008. Doch sie hat auch Brüche, Warnungen, Vorbehalte. Er weiß: Die nächsten Jahre werden nicht einfach.

Hoch sind die Erwartungen derer, die ihm zur Wiederwahl verholfen haben. Viel steht auf dem Spiel: Nicht nur die Abrundung der großen Reformen, Gesundheit und Wall Street. Sondern auch neue, bisher unerfüllte Pläne: eine umfassende Einwanderungsreform, ein Durchbruch in der Klimakrise, die landesweite Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe.

Zugleich gibt es drängende Sorgen, innen- wie außenpolitisch. Der marode US-Arbeitsmarkt. Die galoppierende Staatsverschuldung. Iran auf dem Weg zur Atommacht. Pulverfass Nahost. Sorgen, die sich nur geeint meistern lassen. "Wir sind eine amerikanische Familie", ruft Obama. "Wir steigen und fallen gemeinsam."

"Wir sind größer als die Summe unserer individuellen Ambitionen"

Und dann kommt er auf das Motiv zurück, das ihn 2004 ins Rampenlicht katapultiert hatte. "Wir sind nicht so geteilt, wie es die Politik vermuten lässt", sagt er, "und wir bleiben mehr als nur eine Ansammlung aus roten Staaten und blauen Staaten."

Mit exakt diesen Bildern begann seine Karriere, und nun greift er den Faden wieder auf.

Doch hinter dem Zahlen-Sperrfeuer der Nacht versteckt sich eine nüchterne Erkenntnis: Die USA sind weiter zutiefst gespalten. Vielleicht mehr noch als nach Obamas erstem Wahlsieg.

Einziges Ziel vieler Konservativen war es seit der Schmach von 2008, Obama aus dem Amt zu jagen - egal, was es politisch koste. Welches Ziel werden sie nun haben, mit ihrer weiterhin starken, wenn nicht sogar nach rechts gerückten Mehrheit im Repräsentantenhaus?

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Wahlnacht in Bildern: Jubel, Trauer und ein Heiratsantrag
"Die geteilten Staaten von Amerika", titelt der konservative "Drudge Report", der ,fast mehr als sonst ein Medium hier, Mitt Romneys Sieg herbeibeschwören wollte. Zur Illustration bildet er die historische "Freiheitsglocke" von Philadelphia ab, mit ihrem symbolischen Riss.

So sehen sie es also. Nicht versöhnt. Kaputt - und stolz drauf, wie die alten Revolutionäre.

Auf der einen Seite dieses Risses: das moderne Amerika. Erstarkt in Obamas Wiederwahl, in den Senatssiegen, in der Legalisierung der Homo-Ehe in drei weiteren Staaten, im Durchmarsch starker Politikdamen wie Elizabeth Warren in Massachusetts und Tammy Baldwin in Wisconsin - die erste offen lesbische Senatorin.

Auf der anderen Seite: das alte Amerika. Wiedererstarkt im US-Repräsentantenhaus, mit John Boehners alter, neuer Mehrheit, in Romneys, wenn auch schrumpfender, Koalition aus Weißen, Männern, Alten, Reichen, Evangelikalen, Tea-Party-Eiferern. Geschockt, demoralisiert, ungebrochen: Wie werden sie sich nach dieser Niederlage neu zusammenraufen?

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US-Wahl 2012 Ergebnisse
"Es wird eine Art Krieg geben", prophezeit der prominente Republikaner-Berater Mike Murphy in der "New York Times". Ein Krieg zwischen Pragmatikern und Ideologen darüber, wer Schuld trägt an dieser Niederlage der Hybris.

Die einen sagen, Romney war zu rechts. Die anderen sagen, Romney war zu moderat. Die einen wollen sich um die Latinos kümmern, jene wachsende Wählergruppe, der Obama den Sieg mit zu verdanken hat. Die anderen finden, dass die christlichen Werte hier zu kurz kamen.

Obamas Agenda droht also schnell zerrieben zu werden in diesem unverändert polarisierten Washington. Die allererste Prüfung wird kommen, noch bevor er im Januar erneut vereidigt wird: die "Defizit-Klippe" - jene potentiell verhängnisvolle Kombination aus automatischen Steuererhöhungen und drakonischen Sparmaßnahmen, die die politische Kaste abermals an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben könnte.

Wird Obama, geläutert und geschmälert, auf die Republikaner zugehen, sie umarmen wie Chris Christie, den Gouverneur von New Jersey, nach "Sandy"? Wird er sie in ein Kabinett der Einheit einbinden? Oder wird er seine progressiven Visionen jetzt erst recht durchboxen? In Chicago klingt der sanftere Weg durch: Obama beschwört den Willen zur Zusammenarbeit, die "gemeinsamen Bande". So, als habe er aus seinen Fehlern gelernt.

Und die Republikaner: Werden sie das Scheitern ihrer Blockadepolitik erkennen - oder werden sie sich noch tiefer darin eingraben? Mitt Romneys Website zeigt Obamas Rede in der Nacht jedenfalls live per Webstream, ein symbolischer Anfang. Doch wer ist Romney noch? Seine Rede in Boston ließ jegliche Größe vermissen, jeglichen Anspruch auf Führung.

Die rechte Intelligenzia rauft sich die Haare. "Wenn du Obama so nicht schlagen kannst", wütet Radio-Talkerin Laura Ingraham auf Fox News, "dann kannst du die Partei gleich dichtmachen. Macht sie dicht. Fangt neu an, mit neuen Leuten." Ihr Kollege Charles Krauthammer ruft dagegen zum Widerstand von innen auf: "Obama hat gewonnen", billigt er grimmig zu. "Aber er hat kein Mandat."

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1. kaputtes Land? Dafür muss man nicht Obama bemühen
spon-facebook-10000051328 07.11.2012
Zitat von Robert_RostockEs wird mir ein ewiges Mysterium bleiben, warum sich manche Leute mitten in der Nacht stundenlang Sendungen, Berichte über Ereignisse ansehen, die sie gar nicht interessieren. Und dann noch lange Forenbeiträge darüber schreiben. Nebenbei: Für ein Ereignis, das die Deutschen überhaupt nicht interessiert, sind >40 Seiten Diskussion in wenigen Stunden nicht schlecht. Was passiert dann erst bei Ereignissen, die die Deutschen interessieren?!
Fragt sich was kaputter ist, die Länder oder die Medienangestellten? BILDet Ihr Euch in echt ein noch Meinungen zu steuern und zu produzieren? Arbeitslose werden in rote Mäntel gesteckt, bekommen Watte vor den Mund und müssen in der Fußgängerzone: »Ho, ho, ho!« sagen. Aber nur in Amerika. Hier nicht, wegen des angeblich menschlichen Antlitzes, das den hiesigen Kapitalismus laut Medien ziert. Sie müssen nicht einmal fröhlich sein wie in Amerika. Wer in den USA nicht vergnügt lächelt als Weihnachtsmann, wird vom Arbeitgeber gefeuert, das steht so in der Jobbeschreibung. Deswegen können wir froh sein, dass wir die Gewerkschaften haben in Deutschland, deren vornehmstes Anliegen es ist, solche Jobbeschreibungen zu verhindern. In Deutschland reicht es der Bundesregierung, wenn sich die Arbeitslosen in den warmen Luftschwall vor den Kaufhaustüren stellen, der nach nassen, aber aufgewärmten Mänteln riecht. Da müssen sie die kleinen Kinder feindselig anstarren. Das heizt den Konsum an, findet die Bundesregierung. Wenn das nicht reicht, werden Bonbons verteilt. Dankbar blicken die Kinder in die von jahrelangen Niederlagen zernichteten Gesichter und wispern: »Au Scheiße, hoffentlich läuft‘s bei mir mal besser... Ausgeträumt Teil 1/5 bis 5/5 – Fünf Jahre Leben mit Hartz IV 2004 bis.2009 Fünf Jahre die das Land veränderten Aktuelle Phoenix Dokumentation 1. https://www.youtube.com/watch?v=ZeWOKOpNNFM&feature=related 2. https://www.youtube.com/watch?v=7rQr7s1NHc0&feature=relmfu 3. https://www.youtube.com/watch?v=vOX2fUWX9Qg&feature=relmfu 4. https://www.youtube.com/watch?v=oqfO612uNlQ&feature=relmfu 5. https://www.youtube.com/watch?v=Fri8MZzH-K0&feature=relmfu Verachtender Umgang mit den Betroffenen, rechtswidrige Dienstanweisungen und eine Arbeitsweise, die mit rechtsstaatlichem Verwaltungshandeln nichts mehr zu tun hat, haben bei den Jobcentern System. Wer jahrelang dieser behördlichen Willkür ausgesetzt ist, leidet nicht nur unter chronischem Geldmangel, sondern entwickelt auch Selbstzweifel, wird psychisch krank. Lasst Euch nicht kaputt bürokratisieren! 1. https://www.youtube.com/watch?v=yNbQqDcIdvY&feature=related 2. https://www.youtube.com/watch?v=tNezp64xcuI&feature=relmfu 3. https://www.youtube.com/watch?v=n827cAM0GU8&feature=relmfu 4. https://www.youtube.com/watch?v=P15QcZXz1wI&feature=relmfu 5. https://www.youtube.com/watch?v=TRvucAEOLYs&feature=relmfu hohoho ! 7112012 1210
2. Obama muss jetzt keine Rücksicht mehr nehmen...
herr.marian.wild 07.11.2012
... weil es so oder so seine letzte Amtszeit wird. Er kann jetzt mit aller Konsequenz das durchzusetzen versuchen, was er durchsetzen will. Die Republikaner werden sich dem nur begrenzt entziehen können. Also sucht nicht schon wieder die Haare in der Suppe, sondern lernt aus euren Fehlern aus der Berichterstattung der letzten Wochen, und fahrt die Hysterie mal wieder auf erträgliche Werte runter.
3. Wahlkosten
kpb 07.11.2012
Die Ausgaben von 3 Milliarden Dollar für den Wahlkampf sind ein Skandal! Gewonnen hat in den USA wieder einmal die Großfinanz....
4. Vorgabe
Progressor 07.11.2012
Die USA müssen dafür sorgen, dass der Dollar international so bewertet wird, dass dadurch die Leistungsbilanz zum Ausgleich kommt. Gelingt dies nicht, sind alle weitere Maßnahmen von vornherein zum Scheitern verurteilt.
5.
okokberlin 07.11.2012
möglicherweise werden sie die republikaner spalten- aber - auch das sollte man nicht für utopische halten, einzelne bundesstaaten werden die usa auf sicht von 10-20jahren verlassen. dei gräben und ansichten sind zu tief. bei bestimmten themen gibt es einfach keine kompromisse. z.bsp. entweder gesundheitsversicherung für alle per zwang oder eben nicht. dazwischen gibt es nichts.
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