Sechs Prognosen für die US-Wahlen Zwei Favoriten, drei Außenseiter, ein hoffnungsloser Fall

Selten war ein amerikanischer Wahlkampf so spannend. Welche Favoriten werden stürzen, wie geht es am Ende aus? Unsere USA-Reporter geben sechs persönliche Prognosen ab.

Donald Trump
AP

Donald Trump


Trump wird Kandidat - aber nicht Präsident

  Veit Medick
Christian Thiel

Veit Medick

Donald Trump wird auch nach dem Wahldienstag Top-Favorit auf die Kandidatur bleiben. Aus seiner Sicht sind die Vorwahlen in Florida und Ohio aber trotzdem enorm wichtig. Holt er beide Staaten, sammelt er so viele Delegierte auf einmal, dass seine Konkurrenten nur noch theoretische Chancen haben, ihn einzuholen. Zwei Siege für den 69-Jährigen dürften das Ende der Anti-Trump-Bewegung bedeuten, viele Kritiker in der Partei werden dann wohl in sein Lager wechseln.

Aber selbst wenn der Milliardär einen Staat verlieren und am Ende die absolute Mehrheit der Delegiertenstimmen verfehlen sollte, ist der Weg, ihm noch die Kandidatur streitig zu machen, steinig. Hat er vor dem Parteitag im Juli auch nur einen Delegierten mehr als sein stärkster Rivale, wird jeder Versuch, einen Kompromisskandidaten durchzusetzen von der Parteibasis als Diebstahl und Missachtung demokratischer Grundsätze gewertet werden. Warum hält man Vorwahlen ab, wenn derjenige, der die meisten Stimmen geholt hat, nicht automatisch Kandidat wird? Drei Monate vor der Präsidentschaftswahl wäre ein solcher Konflikt auf offener Bühne politischer Selbstmord für die Partei.

Und dann? Hat Trump Chancen auf die Präsidentschaft? Sicher. Jeder Präsidentschaftskandidat hat erst einmal Chancen auf das Weiße Haus, die Wahlen sind stets äußerst knapp. Aber Trumps großes Problem ist, dass er so sehr mobilisiert - und zwar auf beiden Seiten. Ich glaube, dass Hillary Clinton - allein schon um ihn zu verhindern - noch einmal jene bunte Koalition wird aktivieren können, die zweimal Barack Obama den Wahlsieg brachte.

Also: Kandidat ja, Präsident eher nein. So wird es aus meiner Sicht für Trump laufen.


Der Parteitag der Republikaner wird brutal

  Marc Pitzke
Lane Hartwell

Marc Pitzke

Noch mehr als vier Monate sind es bis zum Wahlparteitag der Republikaner (vom 18. bis 21. Juli in Cleveland). Nach meiner Erfahrung sind diese Konvente symbolische Hurra-Veranstaltungen: Die Delegierten tragen lustige Hüte, der bei den Vorwahlen ermittelte Präsidentschaftskandidat wird gekürt - und die Partei zieht geeint in den sommerlichen Wahlkampf.

Ich glaube aber, das könnte diesmal anders aussehen. Mit den Schlammschlacht-Primaries um Donald Trump taumeln die Republikaner auf einen historisch-brisanten Parteitag zu, mit brutalen Richtungskämpfen, die die Grand Old Party zerreißen könnten. Sollte das Republikaner-Establishment Trump nicht stoppen können, bleibt nur eines - die Vorwahlergebnisse auf dem Parteitag über den Haufen zu werfen.

Geht das? Ja, doch der Präzedenzfall ist lange her: 1948 versank der republikanische Parteitag in einem solchen Chaos, 1952 der demokratische. Zwei Szenarien gibt es diesmal:

  • Erstens: Trump siegt weiter, verpasst aber die Mehrheit von 1237 Parteitagsdelegierten. Dann kann die Parteispitze seine Nominierung mit einem Gegenkandidaten anfechten - zumal mit jedem Wahlgang immer mehr Trump-Delegierte die Seite wechseln dürfen.
  • Zweitens: Trump kommt bei den Vorwahlen auf 1237 Delegierte - doch die Parteispitze könnte diese kurzfristig schon vor dem ersten Wahlgang freistellen. Nicht fair, aber erlaubt.

Doch auch das kann nach hinten losgehen. Trumps Truppen könnten sich dann erst recht und nicht unbedingt mehr friedlich hinter ihm formieren. Schon rüstet sich die Polizei in Cleveland für Abertausende Demonstranten und Gegendemonstranten.

Es wird ein heißer Sommer.


Ted Cruz ist noch im Rennen

  Holger Stark
Marcus Hoehn/ laif

Holger Stark

Amerika ist an einem Punkt angelangt, an dem man einen Gedanken aussprechen muss, der eigentlich undenkbar erscheint: Ted Cruz ist die letzte Hoffnung der republikanischen Partei. Das ist ungefähr so, als würde man in Deutschland sagen: Oskar Lafontaine ist die letzte Hoffnung der SPD. Aber wenn es einen Republikaner gibt, der Donald Trump noch stoppen kann, dann ist es Cruz. Er hat bislang 370 Delegierte hinter sich geschart, nur 90 weniger als Trump, und bei den Vorwahlen in einem halben Dutzend Bundesstaaten gesiegt. Er hat die beste aller Wahlkampforganisationen. Und er hat Geld.

Aber ausgerechnet Cruz? Der seiner eigenen Partei den Krieg erklärt hat? Der von vielen seiner Kollegen im Senat gehasst wird, Republikanern wohlgemerkt? Der von Washington nur spricht, als wäre es Gotham City? Der bei Themen wie dem Mauerbau zu Mexiko, Einwanderung und Waffenrecht Trump noch rechtsaußen überholt?

Genau diese Positionen aber machen ihn zum einzig verbliebenen relevanten Konkurrenten von Trump. Er wendet sich wie sein Rivale gegen das Establishment. Er erreicht, zumindest was christliche weiße Wähler angeht, die gleiche Protestklientel, die diesen Vorwahlkampf so brutal dominiert. Er ist Fleisch vom Fleisch dieses Aufstands der Unanständigen.

Cruz wird bei diesen Vorwahlen nicht mehr Stimmen bekommen als Trump. Sollte es zur Kampfabstimmung beim Parteitag in Cleveland kommen, könnte er in einem zweiten oder dritten Wahlgang der Alternativkandidat sein, hinter dem sich die Partei versammelt.

Das ist die Hoffnung. Die von Cruz - und ich glaube, mittlerweile auch die eines Großteils seiner Partei.

Bernie Sanders könnte Hillary Clinton schlagen

  Jiffer Bourguignon
SPIEGEL ONLINE

Jiffer Bourguignon

Die Sache schien klar: Bernie Sanders, dachten die meisten, würde nur eine sympathische, aber kleine Nebenrolle spielen auf dem Weg zur Krönung der haushohen Favoritin Hillary Clinton. Doch von der ersten Vorwahl in Iowa bis zum überraschenden Sieg zuletzt in Michigan zeigt sich: Sanders ist ein absolut ebenbürtiger Gegner im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten.

Seine Stärke kann mit einem Wort zusammengefasst werden: Glaubwürdigkeit. Die Wähler wissen zwar, dass Clinton eine kampferprobte Politikerin und erfahrene Diplomatin ist. Keiner kann einen beeindruckenderen Lebenslauf vorweisen. Trotzdem ist das wenig inspirierend und in diesem Wahlkampf nicht besonders gefragt. Zudem bleiben viele Fragen offen: über ihren privaten E-Mail-Server zu ihrer Familienstiftung bis zu ihren guten Drähten zur Wall Street.

Sanders dagegen kommt authentisch rüber, unbeirrbar, standhaft. Und wirkt kurioserweise trotz seiner 74 Jahre wie das "frische Gesicht". "Berners" nennen sich seine Anhänger und brennen mit einer Leidenschaft, die an die Obama-Kampagne 2008 erinnert. Vor allem jugendliche Wähler und die sozial Schwächeren unterstützen Sanders mit so vielen Kleinspenden, dass er es mit der millionenschweren Clinton-Maschinerie trotzdem aufnehmen kann.

Sicher, der Vorteil mag nach wie vor bei Hillary liegen, aber das Momentum liegt bei Bernie. Und wenn er am Dienstag wieder überrascht, könnte sich die Geschichte tatsächlich wiederholen.


Eine letzte Chance für Kasich und Rubio

  Gordon Repinski
Maurice Weiss

Gordon Repinski

Marco Rubio galt lange als einer, der alles mitbringt für eine Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Er ist mit 44 Jahren noch jung, Senator im wichtigen Staat Florida, Sohn einer Einwandererfamilie aus Kuba, redegewandt, konservativ. Doch Rubios Aufstieg ist in den vergangenen Wochen ins Stocken geraten. Am Dienstag könnte er ganz enden.

Wenn Rubio die Vorwahlen im eigenen Staat nicht gewinnt, muss er sich wohl aus dem Rennen um die Kandidatur verabschieden. Seine Konkurrenz hat sich auf ihn eingeschossen: Trump belächelt "den kleinen Marco" in seinen Reden. Ted Cruz startet eine Werbeoffensive, um den Konkurrenten loszuwerden. Momentan sieht es danach aus, als hätte diese Strategie Erfolg: In den Umfragen liegt Rubio teils deutlich hinter Donald Trump.

Der letzte, der dann neben Trump und Cruz im Rennen verblieben sein könnte, ist Ohios Gouverneur John Kasich. Der 63-Jährige hat sich bislang geschickt aus den Hahnenkämpfen herausgehalten. Er präsentiert sich als beste Wahl für alle moderaten Republikaner, denen das Geschrei der Spitzenleute bei den Fernsehauftritten langsam zu bunt wird. Auch in Kasichs Heimatstaat wird an diesem Dienstag gewählt. Der Gewinner bekommt alle Delegiertenstimmen, es geht also um viel.

Gewinnt Kasich gegen Trump (laut Umfragen ist das möglich, aber nicht sicher), wäre er für die moderaten Republikaner auf einmal der "Last Man Standing". Er könnte dann bei einer Kampfabstimmung beim Parteitag als Kompromisskandidat antreten. Gewinnt er nicht, hat er schon angekündigt, sich zurückzuziehen. Dann wären alle etablierten Kandidaten gescheitert.

Dieser Dienstag würde dann zum traurigen, historischen Tag für die einst so stolze republikanische Partei werden.


Hillary Clinton wirds

  Roland Nelles
Jeannette Corbeau

Roland Nelles

Donald Trump ist unberechenbar, Ted Cruz ist ein stockkonservativer Ideologe. John Kasich hat bislang wenig Unterstützung. Und Bernie Sanders verspricht Dinge, die er niemals halten kann. Kurz gesagt: Das Aufgebot an Kandidaten bei dieser US-Wahl ist schrecklich. Ich glaube, deshalb läuft aktuell alles auf eine Präsidentin Hillary Clinton zu. Sie wird wahrscheinlich am ehesten in der Lage sein, bei der Wahl im November eine breite Mehrheit zu erzielen.

Die erste Frau auf diesem Posten, das wäre ein starkes Signal. Sie ist außerdem extrem erfahren, ernst und durchsetzungsstark. Ihre Nachteile: Sie wirkt oft kühl und berechnend, ihre Glaubwürdigkeit hat aufgrund diverser politischer Affären gelitten. Deshalb bleiben Zweifel, ob sie ihre wichtigste Aufgabe als Präsidentin gut bewältigen würde - das nächste Staatsoberhaupt muss das gespaltene Land wieder zusammenführen.

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
xkritischergeistx 15.03.2016
1. Kein Wunschkonzert Herr Nelles
Hillary Clinton sagt doch mittlerweile fast dasselbe wie Bernie Sanders. Die US Medien machen sich doch schon lustig über das Chamäleon Hillary (https://www.youtube.com/watch?v=PQSls_7BrWw) oder "Hillary turns into bernie for your vote" bei youtube eingeben. Aber wählen wir lieber eine lügende, von der Wall-Street gekaufte Politikerin, als eine glaubwürdige und vertrauenswürdige Alternative! Damit ja alles so bleibt, wie es ist. Aber die Menschen haben genug davon, Sanders wird der nächste Präsident und aus dem kapitalistischsten aller Länder wird eine starke Nachricht gesendet. Es ist genug, die Politik ist für die Menschen da und nicht nur für eine kleine Minderheit an Superreichen.
hyperlord 15.03.2016
2.
Äh, ja? Was denn für ein Signal? Wieso ist denn das Geschlecht so wichtig für das Präsidentenamt?
swanswan 15.03.2016
3. Clinton wird es!
Die Vorwahlen sind wirklich spannend und zum Teil illuster. Unter normalen und logischen Umständen hätte sich längst herauskristallisiert wer das Rennen macht. Die USA sind aber ein Volk, das sich leicht von etwas begeistern lässt und in der Euphorie auch daran glaubt. Die Amerikaner haben keine lange Geschichte und möchten daher immer gerne welche schreiben, was klar für einen exponierten Kandidaten spricht. Trump wird im Rampenlicht bleiben und die Sonne geniessen, Clinton wird die Vorwahlen der Demokraten für sich entscheiden. Den Gesamtsieg wird Clinton schlussendlich davon tragen und als erste Mrs. President in die Geschichte eingehen.
jojack 15.03.2016
4. Abwarten
Am Ende wird es darauf ankommen, ob es Donald Trump nach gewonnener Vorwahl versteht, auf seriös zu machen. Frisur, Tonalität, Habitus - alles muss auf Massentauglichkeit getrimmt werden. Am intellektuellen Anspruch muss er allerdings nichts ändern. Da liegt die Latte seit George W. Bush sehr tief. Und spannend bleibt dann auch noch, wer am Ende mehr Leichen im Keller hat - Hillary oder Trump. Und da ist das Rennen offen. Und in einem Punkt liegt Trump gar vorne: wer ist eher ein Kumpeltyp, jemand den man sympathisch finden kann? Für Europäer ist da vermutlich schwer zu fassen, dass Hillary wohl qualifizierter, aber keinesfalls beliebter ist als Trump.
schillers_locke 15.03.2016
5.
Nelles geht sogar auf Kasich ein und unterschlägt Sanders einfach? Hillary hat noch nicht gewonnen und das Rennen um die Demokraten ist alles andere als entschieden.
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