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US-Wahlkampf bizarr: Papa Schlumpf greift nach der Macht

Von , New York

Skurril, skurriler, Jimmy McMillan: Ein New Yorker Gouverneurskandidat begeistert das Land. Er hat nur ein Thema, ständig Handschuhe an, einen Bart wie kein anderer - und ist das Beste an Realsatire, was die US-Politik zurzeit zu bieten hat.

Kandidat McMillan: "Die Wahl ist gelaufen" Zur Großansicht
AFP

Kandidat McMillan: "Die Wahl ist gelaufen"

Warum die schwarzen Lederhandschuhe?, wird Jimmy McMillan gefragt.

Der Mann, der Gouverneur von New York werden will, verzieht keine Miene. Die Handschuhe seien kein Gag, antwortet er. Sondern lebensnotwendig.

"Ich bin ein Kriegsveteran. Wenn ich heute Abend nach Hause komme, dann weiß ich, dass ich keine Luft kriege, wenn ich sie ausziehe." Spricht's und faltet die behandschuhten Hände.

Wenn Sie nicht verstehen, was Jimmy McMillan damit genau sagen will, befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Der Mann ist ein Zeitgenosse, der sich rationaler Annäherung eher verweigert. Nicht nur bei Handschuhen.

Sie nennen ihn den "schwarzen Hulk Hogan", "Rambo" oder dank seines Erscheinungsbildes "Papa Schlumpf". Der Karatelehrer, Ex-Postbeamte und Soldat a.D. spukt schon länger durch die kommunale Politszene der Metropole New York. Doch seine Quereinsteigerkandidatur fürs Gouverneursamt des gleichnamigen Bundesstaats hat ihn nun zum Kultstar im Internet erhoben. McMillans Ein-Mann-Partei heißt "The Rent Is Too Damn High Party" - "Die-Miete-ist-verdammt-zu-hoch-Partei". Womit McMillans Wahlprogramm schon beschrieben ist: Mieten runter. "Es gibt nichts anderes, worüber man reden muss."

Sein ebenso kurioser wie furioser Auftritt bei einer TV-Debatte ließ die beiden Spitzenreiter, den Demokraten Andrew Cuomo und den Republikaner Carl Paladino, alt aussehen. Und verlieh der ansonsten eher deprimierenden US-Wahlsaison eine erfrischende Prise Frohsinn.

Das Publikum skandiert mit

Ein YouTube-Video mit den Highlights des Auftritts wurde in nur einer Woche rund 3,4 Millionen mal angeklickt. McMillans Wahl-Website brach zusammen, so viele Interessenten gab es auf einmal. Und obwohl respektive weil der 64-Jährige keinerlei Siegeschance hat, adelte ihn die Comedyshow "Saturday Night Live" (zum Video...) am Wochenende mit einem Sketch zu einem der größten Polit-Clowns 2010 - in einem Wahlkampf, der vor Clowns nur so wimmelt.

Viel erfinden mussten die Gagschreiber nicht, McMillan ist ja Realsatire. Bei der Diskussion mit seinen Konkurrenten überragte er diese um Kopflänge. Er trug eine Art Frack, sein langes weißes Haar fiel hinten auf den Kragen. Die Koteletten gingen direkt in den Schnurrbart über, der sein Gesicht wie eine festliche Weihnachtsgirlande schmückte. Dazu seine Antworten: McMillans Sätze waren schnell wie aus einem Maschinengewehr, halb lyrisch, halb improvisierter Rap - wenn auch selten mit Bezug zur Frage.

Das Haushaltsdefizit? "Ist wie Krebs, es wird sich selbst heilen."

Negative Wahlwerbung? "Als Karateexperte werde ich über keinen hier oben reden."

Schwulen-Ehe? "Wenn du einen Schuh heiraten willst, dann traue ich dich."

Und immer wieder, ob's passte oder nicht: "Die! Miete! Ist! Verdammt! Zu! Hoch!"

Am Schluss skandierte das Publikum beseelt mit.

Nach der Debatte dann noch das Handschuhgespräch. Die Dinger über seinen Fingern streift er nie ab, weil, sagte McMillan, er im Vietnamkrieg mit Agent Orange vergiftet worden sei, dem berüchtigten Entlaubungsmittel der US-Armee. Ergo die Handschuhe. Ratlosigkeit. Ein Fragesteller will nachhaken, McMillan wechselt das Thema: "Wenn ihr findet, dass die Mieten verdammt zu hoch sind, dann bezahlt doch im kommenden Monat mal keine Miete und wartet ab, was passiert!"

Die Reporter kritzelten mit, als habe er ein neues Steuerpaket verkündet.

Der Rest ist das übliche Spiel - dank YouTube, Facebook, Twitter wurde McMillan ein Star für ein paar Tage, Talkshows fragten an, ein Blogger erklärte ihn zum "besten Gouverneurskandidaten der Geschichte". "Sein Stern steigt", urteilte "Newsday" ernst, und McMillans sagte: "Wird auch Zeit." Sollte heißen: Schließlich bin ich schon länger in der Politik.

"Das Wahlkomitee kann mich mal"

Tatsächlich hat er seinen ersten New Yorker Wahlkampf 1993 geführt. Damals fesselte er sich an einen Baum und übergoss sich mit Benzin, um Bürgermeister zu werden. Später kletterte er in die Takelage der Brooklyn Bridge und stieg erst wieder herunter, als Fernsehteams anrückten. McMillan wurde am Ende disqualifiziert, weil seine Kandidatur die nötige Mindeststimmzahl von 7500 um 300 verfehlte. Im Jahr darauf kandidierte er erstmals als Gouverneur und lief zu Fuß 650 Kilometer von New York nach Buffalo an der kanadischen Grenze, wo der Wahlparteitag der Demokraten abgehalten wurde. Unterwegs nächtigte er in Obdachlosenasylen. Beim Parteitag wurde er vor die Tür gesetzt, weil er eine Rede des Amtsinhabers Mario Cuomo mit Zwischenrufen störte.

Es folgte eine fruchtlose Bewerbung für den US-Senat. Bei der Bürgermeisterwahl 2009 dann bekam McMillan immerhin 2615 Stimmen. Für ihn viel zu wenig. Er gab der Wahlkommission die Schuld, weil sie aus Platzgründen das "Damn" aus seinem Parteinamen gestrichen hatte. Stammwähler hätten ihn deshalb nicht gefunden, klagte er: "Das Wahlkomitee kann mich mal."

Diesmal ist er etwas manierlicher, aber nicht minder unterhaltsam. So wurde kürzlich bekannt, dass der Vorkämpfer für niedrigere Mieten seit den achtziger Jahren keine Miete für seine Zwei-Zimmer-Wohnung in Brooklyn zahlt. McMillan gab einem "New York Times"-Reporter ein klärendes Interview - in seinem Honda CR-V, in dem er bei seinen Wahlkampftrips auch schläft. Er ließ den Journalisten wissen, seine Vermieterin sei nun mal spendabel. "Die will kein Geld."

Dem "New York Magazine" schilderte er kürzlich, wie sehr er seinen neuen Ruhm schätzt. Er werde jetzt siegen, sagte er. "Jetzt wissen die, wer ich bin. Die Wahl ist gelaufen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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1. Der perfekte Kandidat
xrmb 26.10.2010
Der perfekte Kandidat fuer mich als Protestwaehler, wohnt leider im falschen Bundesstaat. Zum Glueck gibts ein Feld wo man eigene Kandidaten reinschreiben kann... aber da schreibe ich mich lieber selber rein ;)
2. Das alte Europa
specchio, 26.10.2010
Das ist Amerika. Das andere, Deutschland, langweilt mit näselnden braven Polit-Mittelklässlern, die Boshaftigkeiten in rote Bücher schreiben, um die stattliche Anzahl der hierzulande Frustrierten zu weiterem Heulen zu bringen.
3. Tja, ...
iron mace 26.10.2010
In NY sind die Clowns chancenlos, hier in Deutschland sitzen sie im Parlament, oder werden Aussenminister. Oder hat die Nation schon den Politclown Westerwelle und seine Kanzlerkandidatur mit 18% Slogan und Guidomobil vergessen? Oder der de Maizière, der ist auch lustig. http://www.golem.de/1008/77056.html
4. Mich interessiert mal,
marypastor 26.10.2010
Zitat von sysopSkurril, skurriler, Jimmy McMillan: Ein New Yorker Gouverneurskandidat begeistert das Land. Er hat nur ein Thema, ständig Handschuhe an, einen Bart wie kein anderer - und ist das Beste an Realsatire, was die US-Politik zurzeit zu bieten hat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,725271,00.html
wie der Typ das alles bezahlt. Ein Wahlkampf in den USA muss aus eigener Tasche finanziert werden. Oder ist Jimmy ein Kunstprodukt der Unterhaltungsindustrie und commedy clown und kriegt fuer seine Auftritte eine Gage ?
5. Darauf läuft es hinaus,
Synapsenkitzler 26.10.2010
das man nicht mehr unterscheiden kann was ist "ernst", was Fake/Parodie/...
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US-Wahlen am 2. November
Midterm elections
Alle zwei Jahre finden in den USA Wahlen zum Kongress statt, der aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus besteht. Die Wahlen , die in die Mitte der vierjährigen Amtszeit des Präsidenten fallen, werden Midterm Elections , also Halbzeit- oder Zwischenwahlen, genannt.
Zeitgleich finden an diesem Election Day am 2. November 2010 in 39 Bundesstaaten und Territorien Gouverneurswahlen statt. Viele Bundesstaaten wählen mit den Halbzeitwahlen zusammen auch ihre staatlichen Legislativen und die Verwaltungen der Bezirke (Counties).
Stimmungstest
Die Midterm Elections gelten als Stimmungsbarometer für die Politik des Präsidenten . Umfragen zufolge muss sich Obamas Partei auf eine Niederlage einstellen und möglicherweise die Mehrheit in beiden Kongresskammern an die Republikaner abgeben. Derzeit können sich die Demokraten im Repräsentantenhaus noch auf eine komfortable Mehrheit von 257 zu 178 Abgeordneten stützen, im Senat verfügt das Regierungslager über 59 Sitze von 100.
Senat
Im Senat , eine der beiden Kammern des US-Kongresses , ist jeder der 50 Bundesstaaten durch zwei Senatoren vertreten – unabhängig von seiner Größe und Einwohnerzahl. Alle zwei Jahre wird ein Drittel der Senatoren neu gewählt. Ihre Amtszeit dauert in der Regel sechs Jahre. 37 Senatorensitze werden am 2. November neu bestimmt.
Der Senat mit seinen 100 Mitgliedern muss - neben seinen gesetzgeberischen Aufgaben - auch bei der Besetzung von Regierungs- und anderen Bundesämtern die vom Präsidenten vorgeschlagenen Kandidaten genehmigen.
Die Republikaner hatten zuletzt 41 Sitze im Senat, die Demokraten 57, zwei der Senatoren sind unabhängig. Von den Senatsposten, die jetzt frei werden, sind derzeit 19 von Demokraten besetzt und 18 von Republikanern.
Repräsentantenhaus
Im Abgeordnetenhaus , der zweiten Kammer des US-Kongresses , sind mit 435 Sitzen die verschiedenen US-Bundesstaaten gemäß ihrer Bevölkerungszahl repräsentiert. Die Abgeordneten werden jeweils für zwei Jahre gewählt. Jeder Sitz im Repräsentantenhaus steht für einen geografischen Wahlkreis (District). Gewählt wird nach dem Mehrheitswahlrecht. Gewählt ist also der Abgeordnete, der die einfache Mehrheit in seinem Wahlkreis erringt.
Derzeit können sich die Demokraten im Abgeordnetenhaus noch auf eine komfortable Mehrheit von 257 zu 178 Abgeordneten stützen, doch müssen sie sich laut Umfragen auf Verluste einstellen.
Bundesgesetze müssen von Senat und Repräsentantenhaus gebilligt werden. Im Fall gegensätzlicher Auffassungen wird häufig ein Kompromiss im Vermittlungsausschuss der beiden Kammern gefunden.
Gouverneure
Die US-Bürger von 34 der 50 Bundesstaaten wählen alle vier Jahre zeitgleich zu den Halbzeitwahlen ihre Gouverneure , und Washington D.C. wählt einen Bürgermeister. In Vermont und New Hampshire wählen die Bürger ihre Regierungschefs sogar alle zwei Jahre, sowohl zeitgleich mit den Präsidentschafts- als auch mit den Halbzeitwahlen . Zusätzlich werden die Gouverneure in den US-Außengebieten Guam und Virgin Islands gewählt.
In 19 Bundesstaaten, in denen jetzt ein neuer Gouverneur gewählt wird, war bisher ein Demokrat Regierungschef, in 18 ein Republikaner.
Der Gouverneur ist der Regierungschef in einem Bundesstaat, vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten in Deutschland. Er wird in der Regel für vier Jahre gewählt, ihm sind maximal zwei Amtsperioden erlaubt. In diesem Jahr treten 16 der amtierenden Gouverneure nicht zur Wiederwahl an.
Election Day
Das US-amerikanische Wahlrecht sieht vor, dass allgemeine Wahlen zu Bundesorganen jeweils an dem Dienstag stattfinden, der in geraden Jahren auf den ersten Montag im November folgt. So fallen Präsidentschaftswahlen, Wahlen zum Senat und zum Repräsentantenhaus immer auf einen Termin zwischen dem 2. und dem 8. November eines geraden Jahres.
Um Kosten und Aufwand zu sparen, halten viele Bundesstaaten auch die Wahlen zu Gouverneuren, lokalen Parlamenten und den Verwaltungen der Bezirke (Counties) an den Election Days ab.

So funktioniert US-Politik
Die Macht des Präsidenten
Welche Rolle hat der Präsident genau?
Was macht der Vizepräsident ?
Was versteht man unter dem Weißen Haus ?
Was beinhaltet die State of the Union Address ?
Was ist das Plum Book ?
Der Präsident frühzeitig gefeuert - geht das?
Was bedeutet Impeachment ?
Parteien und Institutionen
Welche Funktionen haben Senat und Repräsentantenhaus ?
Was sind die Demokraten ?
Was sind die Republikaner ?
Was sind Concurrent Resolutions ?
Das Wahlsystem
Wie wird in den USA ein neuer Präsident gewählt?
Was sind Swing States ?
Was sind Wahlmänner , und was ist ihre Aufgabe?
Wie funktioniert das Electoral College , das Wahlmännergremium?
Der Wahlkampf
Wie wichtig sind die TV-Debatten ?
Welche Rolle haben die Primaries und Caucuses ?
Welche Rolle haben die großen Parteitage , die National Conventions?

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