US-Wahlkampf: Bubba-Jagd im Republikaner-Revier

Aus Roanoke berichtet

Der US-Staat Virginia gilt als Stammland der Republikaner. Jetzt fischt ein Demokrat dort erfolgreich nach Stimmen. Mit den derben Sprüchen seiner Helfer erreicht Jim Webb auch die "Bubbas" - einfach gestrickte Amerikaner, die seinesgleichen eigentlich als elitäre Besserwisser verachten.

Roanoke - Nein, Jim Webb wirkt nicht beeindruckend. In seinem etwas zu großen braunen Baumwollanzug, mit seinen kurzen roten Haaren und dem schüchternen Lächeln sieht er aus wie ein Stabsaugervertreter, nicht wie ein zukünftiger Senator. Es ist 9.30 Uhr am Mittwochmorgen, als das Webb-Wahlkampfmobil auf dem Parkplatz vor dem Zentrum für Kriegsveteranen in Roanoke im US-Staat Virginia stoppt und Kandidat Webb ausspuckt. Als Verkäufer aber wäre Webb ungeeignet. Mal geht er weiter, als ihn jemand anspricht. Dann schaut er drein, als wäre Konversation eine Wissenschaft.

Demokrat Jim Webb: Gute Chancen im Republikaner-Stammland
Getty Images

Demokrat Jim Webb: Gute Chancen im Republikaner-Stammland

Im amerikanischen Wahlkampf mit vielen Auftritten jeden Tag, Fototerminen, Interviews und Spenden-Dinners wirkt der Demokrat wie ein Anfänger. Das Mikrofon hält er erst zu nah am Mund. Der Lautsprecher fiept laut. Dann umklammert er es mit der ganzen Hand, weit weg vom Körper. Keiner hört ihn, unbeirrt redet er weiter.

Andere Kandidaten bei den Zwischenwahlen von Senat und Kongress haben sich lange vorbereitet, gute Berater um sich geschart und viel, sehr viel Geld gesammelt. Webb hat sich erst im Januar für seine Kandidatur als Senator von Virginia entschieden.

Umso erstaunlicher scheint Webbs Erfolg. Im zumeist ländlichen Virginia, einem der Stammstaaten der Republikaner, wird er sich am kommenden Dienstag zumindest ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem Konkurrenten und Noch-Senator George Allen liefern. Sechs zusätzliche Sitze brauchen die Demokraten zum Machtwechsel im Senat. Selbst wenn die Partei nicht alle packt, wäre ein Sieg von Webb in Virginia ein wichtiges Zeichen. Webb sagt in seiner unterkühlten Art, er werde "dann wohl ein Bier darauf trinken". Witze sind nicht sein Ding.

Gegen den Krieg, solidarisch mit den Soldaten

Doch Webb ist kein Unbekannter und nicht der Neuling, als der er erscheinen könnte. Der hochdekorierte Vietnam-Veteran war Marineminister unter Ronald Reagan, ist erfolgreicher Journalist und Buchautor. Erst Anfang dieses Jahres von den Republikanern zu den Demokraten gewechselt, profitiert er von der Krise im Irak. Schon 2002 verurteilte er die Kriegsvorbereitungen. Darauf kann er sich heute berufen. Gleichwohl steht er zu den Soldaten, trägt an jedem Wahlkampf-Tag die Kampfstiefel seines Sohnes Jimmy, der im Aufstandszentrum Ramadi im Irak ständig um sein Leben fürchten muss. Auch die Fehler seines Gegners, dem jetzigen Senator Allan, brachten Webb voran. Allen fiel unangenehm auf, als er einen Wahlhelfer Webbs mit einem rassistischen Spruch abkanzelte. Bis heute hängt ihm das nach, auch wenn er sich entschuldigte.

In Roanoke gibt es für Webb nur ein Thema: Das Schicksal der vergessenen Veteranen, die sich durch die Bush-Regierung im Stich gelassen fühlen. Wie kaum ein anderer Demokrat setzt er sich für sie ein. Fünf Prozent weniger Steuern fordert Webb für die Alt-Krieger, dauerhafte Behandlung ihrer seelischen Wunden. Die alten Herren mit den Baseball-Kappen, alles Veteranen aus dem Vietnam-Krieg oder dem ersten Golfkrieg, applaudieren. Fast zehn Prozent der knapp acht Millionen Einwohner Virginias dienten Amerika als Soldaten. Viele ihrer Stimmen wird Webb bekommen, sagen die Umfragen.

Webb weiß, wovon er spricht. Als Vietnam-Krieger plagen ihn bis heute Granaten-Splitter in der Niere. "Der Krieg dauert nur ein paar Monate", sagt er, "die Konsequenzen für uns bleiben ein Leben lang". Es sind Sätze wie dieser, die man bisher selten von Demokraten gehört hat. Bisher fuhren ehemalige Marines wie Webb stets für die Republikaner die Siege bei den einfachen Amerikanern abseits der Bildungs-Elite in den Großstädten ein. Nun sind es Ex-Soldaten wie er, die die vermeintlich uneinnehmbaren Bastionen der Republikaner erobern sollen.

Hilfe vom Virginia-Verbindungsoffizier

Doch allein damit wäre Webb nicht da, wo er ist. Abseits der Menschen-Traube steht der Mann, dem Webb in Virginia viel zu verdanken hat. Hinten auf seiner Baseball-Jacke ist in Silber sein Spitzname aufgestickt. "Mudcat", jede Übersetzung wäre Unsinn, angelte so kämpferisch und erfolgreich im Roanoke River, dass er in Virginia eine Legende ist. "Ganz schön langweilig, was der da erzählt", ruft er uns lachend mit seiner dunklen Stimme zu, "dafür seid ihr den langen Weg hierhin gekommen?". Seine Schlauchboot-Lippen unter dem rot geäderten Gesicht ziehen tief an der Camel ohne Filter.

"Mudcat" ist für Webb eine Art Virginia-Verbindungsoffizier oder Dolmetscher. Erfahren in ländlichen Wahlkämpfen, beim Stimmenfang unter den sogenannten "rural americans", verbreitet er hier seine Version von Webb und den Demokraten. "Er ist einer von ihnen", sagt einer von Webbs Wahlkampfassistenten. Sein gestärktes Hemd und die am Gürtel aufgereihten Blackberrys identifizieren den Mittzwanziger in Roanoke schnell als Fremdling. Genau das war jahrelang auch das Problem der Demokraten. "Mudcat" kann darüber laut lachen. "Ich kenne zwar nur 200 verdammte Wörter, doch die sagen mehr als beschissene Sonntagsreden."

Für öffentliche Auftritte ist Dave Saunders ungeeignet. Kein Satz kommt ohne ein lautes "fuck", "shit", "damn" oder wenigstens ein "hell" aus. Wo sich Webb gerade noch mit Exkursen über unterschiedliche Formen des Humors rausredete, als es um John Kerrys umstrittene Bemerkungen über US-Soldaten ging, haut Saunders drauf. "Das war der fucking dümmste Witz, den ich je gehört habe", spottet er über Webbs Freund Kerry, "doch was will man von jemandem erwarten, der sich mit 60 Jahren noch bei seinen beschissenen Surf-Übungen filmen lässt". Webb schaut leicht irritiert bei diesem Satz. Den Männern aus Roanoke gefällt er.

Ein Übersetzer fürs Bubba-Land

"Mudcat" zog die vergangenen Monate mit seinen Männern von Haus zu Haus, redete mit den Leuten. Fragten die ihn nach den Republikaner-Vorwürfen, Jim Webb stehe den Kommunisten nahe, hatte er Antworten. "Ich glaube, Jim hat viele Kommunisten in Korea erschossen", lautet eine seiner besten und stärksten Witze, die die Leute hier verstehen. "Ich habe auch mal Ronald Reagan gewählt", so ein anderer seiner Slogans, "doch da muss ich wohl besoffen gewesen sein". Es ist auch Show dabei bei Dave Saunders, der seit 28 Jahren keinen Schluck Alkohol mehr trinkt. Seine Sprüche ziehen trotzdem.

Saunders bezeichnet sich selbst gern als "Bubba" - ein Begriff, der die Leute bezeichnet, die die Mischung lieben aus Auto-Rennen, Fischen und allem anderen, was man auf dem Land eben schätzt. Für "Mudcat" trifft das Wort auf fast alle Einwohner Virginias zu. "Ich bin eine Art Übersetzer, der die Politik in Bubba-Sprache übersetzt", sagt er. Über seine Chancen bei der Wählermobilisierung macht er sich keine Illusionen. "Ich kann niemanden überzeugen, die Demokraten zu wählen", glaubt "Mudcat", "doch vielleicht schauen sich die Menschen die Kandidaten wenigstens mal an". Das allein ist schon viel hier.

Tausende Meilen im Wohnmobil bis Dienstag

"Mudcat" ist längst nicht so einfach gestrickt, wie er sich gibt. Seit Jahren agiert er als Stratege für die Demokraten, schreibt Bücher, machte mit Immobilien gutes Geld. Seine Grundthese ist einfach: Ohne das amerikanische Hinterland gewinnt man keine Wahl. Die Partei-Elite schüttelt bei diesem Punkt gern den Kopf, schließlich gilt die Provinz als Republikaner-Hochburg. "Mudcat" meint, dass dies nicht so bleiben muss. Hatte George W. Bush noch 22 Prozent mehr Stimmen in der Provinz, als er Al Gore schlug, waren es gegen John Kerry nur 19. Den Trend will er fortsetzen, am Dienstag und in zwei Jahren, wenn ein neuer Präsident gewählt wird.

Als die Reden in Roanoke gehalten sind, hat Jim Webb es eilig. Vier Termine hat er heute noch, unbeholfen posiert er zwischen einigen der Veteranen fürs Foto. "Mudcat" gibt fleißig Autogramme, klopft Schultern, sammelt Visitenkarten der Reporter ein. Kurz gesellt sich Webb zu seinem ungleichen Wahlhelfer. "Mudcat" erzählt ihm von einer seiner Hündinnen, die trächtig ist. Webbs Helfer drängen, deuten auf die Uhr. Es muss weitergehen, es sind noch Tausende Meilen im Wohnmobil zurückzulegen. "Mudcat" will lieber jagen gehen am Nachmittag. Dabei kann er vielleicht noch den ein oder anderen "Bubba" bekehren.

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