Aus Alabama berichtet Marc Pitzke
Irgendwo im Grenzland zwischen Florida und Alabama verschwindet Lady Gaga. Stattdessen dudelt das Autoradio auf unserem Wahlkampf-Roadtrip, der uns von der Ost- an die Westküste führt, nur noch Country-Western und christlichen Erbauungsgesang. Draußen jagen die Sümpfe am Golf von Mexiko vorbei, mit Holzkirchen gesprenkelt. Drinnen trällert Kenny Chesney seine Liebesleid-Ballade "Come Over".
Das Radio sucht automatisch weiter. Plötzlich bleibt es hängen, auf FM 100.7. Eine Stimme, sanft, anheimelnd. Ein Mann. Er gurrt gerade von "Patrioten" und vom "Dienst am Land".
Die Stimme lullt ein, wie ein Märchenerzähler. Das Märchen, das er erzählt, heißt "Amerika". Es ist eine fremde Nation: Wie Alice, die durchs Kaninchenloch ins Wunderland der Herzkönigin fällt, wo nichts ist, wie es scheint, fallen wir durch 100.7 ins Wunderland der Republikaner.
Der Mann mit der anheimelnden Stimme ist Mike Huckabee. Der Ex-Gouverneur von Arkansas, Baptistenprediger und vormaliger Präsidentschaftskandidat, gewann 2008 die Caucusse von Iowa, spielte im diesjährigen Vorwahlkampf aber nur noch eine Nebenrolle.
Die Hauptrolle spielt Huckabee heute in seiner Radio-Talkshow. Die "Mike Huckabee Show" läuft viermal die Woche auf Cumulus Media, einem Konglomerat, das 570 Lokalstationen erreicht. Zum Beispiel "Newstalk FM 100.7" aus Pensacola, der westlichsten Stadt Floridas. Huckabee wohnt unweit in einer mehrere Millionen Dollar teuren Strandvilla, in die ihm sein Arbeitgeber eigens ein Studio gebaut hat.
Stressfreie Alternative zum Wut-Talker Rush Limbaugh
Der Evangelikale, den sie gerne "Gouverneur" oder "Reverend" nennen, sieht sich als stressfreie Alternative zum Wut-Talker Rush Limbaugh. Er verspricht "more conversation, less confrontation". Mehr Schmus, weniger Streit.
Huckabees Ansichten freilich, so merken wir auf dem Weg von Pensacola nach Mobile, Alabama, sind kaum weniger ultrarechts. Er tarnt sich nur als jovialer Plauderer, serviert einen "großen Eintopf aus Konservatismus und gesundem Menschenverstand". Er ist der republikanische Rattenfänger: Je länger wir ihm zuhören, desto überzeugender wirkt er.
Huckabee klingt selbst dann vernünftig, wenn er polemisiert. Gegen die Schwulenehe. Gegen die Abtreibung. Gegen die Gesundheitsreform. Gegen Medicaid, die Krankenversicherung für Mittellose: "Das ist doch, als wenn ein Dealer einem Junkie die erste Dosis Heroin gibt."
Huckabee plaudert im Radio gerade mit einer Stimme, die etwas martialischer klingt: Tommy Franks, Vier-Sterne-General a. D., zuletzt Kommandeur des United States Central Command und Oberbefehlshaber in Afghanistan und im Irak.
Franks lebt heute als Rancher in Oklahoma. Er propagiert sein privates Erziehungscamp, in dem er Teenager zu "besseren Amerikanern" drillt. Gutes Timing: Am Rande der Autobahn, der Interstate I-10, erscheint eine "chain gang". Sträflinge beim Arbeitsdienst: Bewacht von weißen Cops in brauner Uniform, mähen die schwarzen Gefangenen den grünen Rasen.
"Gespräche" als Vehikel für Angriffe auf Obama
Krieger Franks will Krieg mit Syrien: "Man muss doch für etwas stehen." Doch Präsident Obama habe keine Prinzipien, er habe die Supermacht USA demontiert. Ja, stimmt Huckabee ihm zu: "Das ist die Meinung vieler."
Huckabees Trick: Die "Gespräche" sind nur Vehikel für seine Attacken - und für Angriffe auf Obama, verbrämt als "die Meinung vieler". Der Reverend hat sich aus dem Wahlkampf zurückgezogen, doch macht im Äther weiter - indem er freundlich präzisiert, was Amerikas Konservative denken, nicht nur hier im Süden.
Dabei illuminiert er ein paralleles Universum. In dem sind die Republikaner tolerant und weise und die Demokraten hasserfüllt und "widerwärtig". Mitt Romney ist eine standhafte Seele, Barack Obama ein seelenloser Sozialist.
Endlich einer, der das hoffähig macht. So nett, wie er das sagt - wer mag ihm widersprechen? Die verquere Logik solcher Republikaner, in der Wahrheit und Wahn nahtlos verschmelzen, klingt auf einmal wie das Selbstverständlichste.
"Gouverneur, danke für Ihren Patriotismus und Ihre Liebe für unser Land", lobt ihn Franks. "Gott segne Sie, und Gott segne Amerika."
"Ich kann ihn nicht Präsident nennen"
"Tun wir alles für unser Militär?", fragt Huckabee seine Zuhörer. Natürlich nicht, bellt der Anrufer "Steve aus Dallas" und beschimpft Obama, dessen Namen er nicht aussprechen mag: "Ich kann ihn nicht Präsident nennen."
Stichwort für Huckabee: "Wir brauchen einen Oberkommandierenden, der hinter unseren Männern und Frauen in Uniform steht - und nicht hinter Leuten, die nur Arbeitslosenstütze, Sozialhilfeschecks und Essensmarken wollen."
Mindestens ein "Anrufer", so stellte sich im April übrigens heraus, war ein Schwindel: Es handelte sich um einen Manager von Cumulus Media.
Um sich als moderat zu legitimieren, lädt Huckabee ab und zu einen Linken ein. Diesmal ist es der Kongressabgeordnete Charlie Rangel ("good old Charlie"). Den nutzt er aber auch nur als Stichwortgeber für seine Tiraden gegen die Demokraten - sobald Rangel aufgelegt hat.
"Niemand ist gehässiger als die Linken", klagt Huckabee in altväterlichem Ton. "Die gemeinsten Menschen, mit denen ich je zu tun hatte, waren Linke." Doch keine Angst: "Ich sehe einen neuen Motivatonsschub", weiß er. Im November würden die Rechten sich rächen.
In Alabama halten wir an einer Raststelle. Da offeriert der Dixie-Staat regalweise Prospekte seiner Attraktionen. Plantagen. Das "Weiße Haus der Konföderation". Die erste Postroute. Alles wirkt wie früher. Huckabee sei Dank.
Bei der Weiterfahrt sucht sich das Autoradio einen neuen Sender. Zeit für Lady Gaga.
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