US-Wahlkampf in Iowa Kürbis, Kälber, Kandidaten

Sie herzen Babys, streicheln Kühe, versuchen sich am Rippchengrill: Wer als US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner etwas werden will, muss bei der Iowa State Fair dabei sein, der Landwirtschaftsmesse mit Politikanspruch. Das größte Aufsehen erregte dort aber eine Nicht-Kandidatin: Sarah Palin.

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Aus Des Moines berichtet


Todd Bushman interessiert sich nicht für Politik. "Sicher, manchmal höre ich morgens Radio", sagt der Farmer. "Aber das ist doch sowieso nur Unsinn." Mehr interessiert er sich für die Milchpreise (gut), die neuen Vorschriften für organische Tierzucht (schlecht) und das Wetter (abwarten). Und natürlich für Rosedale Garland.

Rosedale Garland ist Bushmans preisgekrönte Milchkuh. Das Holstein-Rind ist Champion in der Juniorklasse und döst, gekühlt von riesigen Ventilatoren, in einem Gemeinschaftsstall auf dem Messegelände von Des Moines. Ihr Siegerpokal findet sich in einem Holzschrein, daneben stehen Klappliegen, auf denen die Bauernfamilie Bushman die Nächte verbringt.

Seit sieben Jahren kommen Bushman, 45, seine Frau Connie und ihre Töchter Ashley und Megan nach Des Moines zur Iowa State Fair, der legendären US-Landwirtschaftsmesse. Sechs Stunden brauchen sie vom Dorf Calmar in die Stadt, fünf Tage bleiben sie, dann bauen sie wieder ab. Wofür? "Leute kennenlernen", sagt Bushman. "Calmar ist klein."

Dass zur gleichen Zeit auch die Hoffnungsträger der Republikanischen Partei hier über die State Fair stapfen, durch Staub, Ställe und Gestank, weil es Tradition ist und angeblich Aspiranten in echte Kandidaten verwandeln kann, kümmert Bushman wenig. "Macht keinen Unterschied, wer regiert", weiß er. "In Calmar jedenfalls."

So schert es Bushman auch nicht, dass draußen vor dem Stall gerade eine glamouröse Lady von einer Menschenmasse umlagert wird. Hautenge Jeans, verspiegelte Designerbrille, brünettes Haar hochgesteckt: Wie ein Filmstar sieht sie aus, so gar nicht wie all die anderen, eher korpulenten Gestalten, die sich hier herumschieben oder in ihren Gokarts über die Wege rollen.

Armband mit Maiskolben und Scheune

"So niiiice to meetcha", gurrt Sarah Palin, während sie, flankiert vom Gatten Todd, Plakate, Becher und T-Shirts signiert. Dutzende Handykameras recken sich ihr entgegen, Fans umarmen sie, eine Frau weint. "Sarah, kandidierst du?", schreit jemand. Palin lächelt eisern, gibt wieder und wieder die bekannte Antwort auf die unvermeidliche Frage: "Ich weiß noch nicht, was ich als Nächstes mache."

Bis dahin kostet sie ihre Prominenz aus. Auch wenn sie (noch) nicht im Rennen ist, lässt sie es sich nicht nehmen, den Parteirivalen die Schau zu stehlen. Unangemeldet kreuzt sie auf, erst nur als Mittagsgerücht, dann leibhaftig.

Und die Schau stiehlt sie ihnen gründlich. Die Republikaner-Garde tingelt an diesem schwülen Freitag über die Messe mit Politikanspruch: Michele Bachmann, Rick Santorum, Newt Gingrich, Tim Pawlenty, Ron Paul und wie sie alle heißen. Sie herzen Babys und Ferkel, streicheln Kühe und Kälber, versuchen sich am Rippchengrill. Doch keiner erregt so viel Aufsehen wie Sarah Palin.

Das liegt auch daran, dass Alaskas Ex-Gouverneurin das Bad in der Menge routiniert genießt, anders als ihre oft ungelenken Konkurrenten. Sie lässt sich nicht drängeln, plaudert, beantwortet Fragen, sagt nach jedem Autogramm: "Danke, dass ich das tun durfte." An ihrem Handgelenk klimpert ein Armband aus kleinen Iowa-Insignien: Maiskolben, Scheune, Kuh. Diese Stippvisite ist kein spontaner Einfall.

Denn in Iowa, so heißt es, werden Wahlen gewonnen, bevor sie begonnen haben. Deshalb sind sie diese Woche ja auch alle hierher gepilgert, zur TV-Debatte am Donnerstag, zum Messe-Rundgang am Freitag, zur Straw Poll am Samstag, jener gezinkten Testabstimmung, bei der man nicht unbedingt siegen muss, aber keinesfalls verlieren darf, sonst ist die Luft raus.

Palin kratzt sich nicht an solchen Konventionen. Sie ist die ewige Renegatin, unberechenbar und nur deshalb noch so faszinierend. "Ich hätte sie gern als Kandidatin", seufzt Peg Wedeking aus Ankeny, einem Vorort von Des Moines. "Aber ich glaube nicht mehr, dass sie es noch macht."

Wedeking dankt Palin "für all die Schufterei", die signiert ihr im Gegenzug mit einem Filzstift den Rücken ihrer Bluse. "Ganz schön mutig", lobt Palin. Es ist Wedekings Messe-Höhepunkt.

20 Minuten für jeden

Solche Reaktionen kann sonst allenfalls Michele Bachmann provozieren. Die Abgeordnete aus Minnesota, bekannt für Fauxpas und Faktenpfusch, schlachtet gnadenlos aus, dass sie in Iowa geboren wurde und kurz hier gelebt hat. "Hallo von einer Iowanerin!", ruft sie, als sie auf eine kleine, mit Heuballen dekorierte Open-Air-Bühne springt. Hunderte Schaulustige jubeln zurück, so viele wie bei keinem anderen der Kandidaten, die hier zuvor aufgetreten sind.

Die Bühne heißt "Soap Box", weil die Politiker früher auf Seifenkisten standen, um sich den Messegängern vorzustellen. Jetzt haben sie ein Mikrofon, und Carol Hunter, die Politikchefin der Zeitung "Des Moines Register", hält knallhart die Redezeit ein. Nach 19 Minuten bekommen sie ein Schild vorgehalten: "Noch eine Minute."

Bachmann tritt an diesem Nachmittag als Letzte auf. Sie ist eine halbe Stunde zu spät, die Senioren murren schon in der Sonnenglut. Und als sie kommt, spricht sie gerade mal drei Minuten, ein Kondensat aus Soundbites, und entschwindet wieder. "Zu spät, und dann das", schimpft John Brewer, 61, der 90 Minuten ausgeharrt hat. "Damit hat sie sich hier keine Freunde gemacht." Iowaner sind empfindlich.

Bachmanns rasche Flucht ist aber auch Gabe Aderholds Verdienst. Der 17-Jährige, der sich als "Gay-Aktivist" vorstellt, ist extra aus dem Nachbarstaat Minnesota angereist, um Bachmann wegen ihrer schwulenfeindlichen Politik anzuprangern. "Sie machen mich zum Bürger zweiter Klasse", brüllt er. "Ich habe Freunde, die sich deshalb umgebracht haben!"

Laute Zwischenrufe gibt es hier immer wieder, Iowa lässt sich nicht abspeisen, egal von wem. Den gelackten Mitt Romney unterbrach jemand tags zuvor, als der sich zu der Behauptung verstieg: "Konzerne sind auch Menschen."

Doch auch das ist alles nur traditionelle Politik-Rauferei, auf die Iowa so stolz ist - weshalb es bisher auch keinem gelingen konnte, diesem US-Winzstaat das Primat der ersten Vorwahlen abzunehmen. "Wir lieben Politik", sagt Kathie Obradovich, Kolumnistin des "Des Moines Register", und bricht dann mitten im Satz ab, um sich die Hand aufs Herz zu legen, als aus den Lautsprechern die Nationalhymne erklingt.

Stimmungstest per Maiskorn

Hohe Politik und Provinz: Eine unwiderstehliche Kombination, für Kandidaten wie Reporter, die en masse über die Messe traben. Die Iowa State Fair bietet außerdem alle Klischees, die Middle America vorauseilen: frittierte Kost (Spezialitäten: Käse am Spieß und "Footlong Hot Dogs"), Westernhüte und Stretchshorts, Kirmeskarussells und die berühmte "Butter-Kuh", eine lebensechte Skulptur, mit der 17.200 Toasts gebuttert werden könnten.

Gegen derlei Attraktionen kommen die weniger bekannten Präsidentschaftsaspiranten kaum an. Herman Cain, vormals Chef einer Pizza-Imbisskette, kann nur wenige zur "Soap Box" locken, obwohl er "Koteletts für alle" verspricht. Ex-Senator Rick Santorum, der sich als Erzkonservativer empfiehlt, und Ex-Gouverneur Tim Pawlenty, der seine Ehefrau Mary mitreden lässt, sind wenigstens bekleidungstechnisch gut beraten, beide tragen lederne Cowboystiefel.

Ron Paul, der das Weiße Haus nun schon zum dritten Mal anpeilt, setzt auf Masse: Er hat die gesamte Verwandtschaft angeschleppt. Kinder, Enkel, Großenkel, 30 insgesamt, 17 Stunden lang sind sie mit dem Bus von Texas gefahren. "Dies ist wundervoll", sagt Pauls Enkelin Vickie, die ihr Baby Baylee in eine rote Schleife und ein Wahlkampf-T-Shirt gesteckt hat: "G-Ron 2012."

Es hilft nichts. Der lokale Fernsehsender WHO-TV lässt die Messebesucher an seinem Stand wie jedes Jahr ihre Kandidatenpräferenz mit Maiskörnern bekunden, die dazu in Weckgläser geworfen werden. Ron Paul landet mit sieben Prozent auf einem der letzten Plätze. Sieger bei den Republikanern ist, mit 18 Prozent, Michele Bachmann. Doch noch vor ihr als Gesamtsieger liegt, mit 36 Prozent aller Maiskörner, die drei Gläser füllen, ein ganz anderer: Präsident Barack Obama.



insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
ratxi 13.08.2011
1. Auf geht´s.
Zitat von sysopSie herzen Babys, streicheln Kühe, versuchen sich am Rippchengrill: Wer als US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner etwas werden will, muss bei der Iowa State Fair dabei sein, der Landwirtschaftsmesse mit Politik-Anspruch. Das größte Aufsehen erregte dort aber eine Nicht-Kandidatin: Sarah Palin. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780035,00.html
Der Führer der modernen Welt zeigt mal wieder, wo´s für uns lang geht.
chmb 13.08.2011
2. Traurig
Ron Paul hat mit Abstand die besten Absichten und Ansichten. Er wäre der einzig gute Kandidat. Wirklich traurig dass die Amerikaner nichts lernen und immer noch nur aufs Äußere und Oberflächliche schauen, dabei wurden sie davon schon so oft betrogen...
ratxi 13.08.2011
3.
Zitat von chmbRon Paul hat mit Abstand die besten Absichten und Ansichten. Er wäre der einzig gute Kandidat. Wirklich traurig dass die Amerikaner nichts lernen und immer noch nur aufs Äußere und Oberflächliche schauen, dabei wurden sie davon schon so oft betrogen...
Bekommt nicht jeder letztlich, was er verdient? Auch wir?
Keule³ 13.08.2011
4. ich und Du
tja... die Palin... mir bleibt nur eines zu sagen: Hätte nicht gedacht, dass es neben G.W.B noch einfacher strukturierte Politiker gibt :D
willem.fart 13.08.2011
5. Albern
Ist diese Hollywood-Farce von Wahlkrampf im Patriziat des US-Establishments wirklich für Deutschland eine Topnachricht? Selbstverständlich, wer Präsident wird, das interessiert. Aber doch nicht, wer alles nicht Präsident wird.
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