US-Wahlkampf in Iowa Rechtsruck im Maisfeld

Es ist der Karneval von Amerikas Konservativen: Mit einer ersten Testabstimmung im Schlüsselstaat Iowa haben die Republikaner den US-Präsidentschaftswahlkampf eingeläutet. Das Kandidatenfeld schrumpft auf drei Favoriten, die mit strammrechten Parolen gegen Obama punkten.

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Aus Ames berichtet


Singen kann er jedenfalls. Herman Cain, vormals Chef der Imbisskette "Godfather's Pizza" ("A Pizza You Can't Refuse"), jetzt Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der US-Republikaner, ergreift das Mikrofon und neigt sich vor. "Hold on a little longer", dröhnt sein sonorer Bass. "Help is on the way."

Halt noch ein bisschen aus, Hilfe ist unterwegs: Alte Gospeltöne, neue Wirkung. Zumindest für die paar Dutzend Zuschauer, die auf Plastik-Klappstühlen in schwüler Luft im engen Festzelt hocken. Viele strahlen beseelt, Kameras klicken, eine Frau wischt sich eine Träne ab.

Doch ist es keine Gospelmesse, zu der sie an diesem strahlenden Sonntag nach Ames gepilgert sind, einem Universitätsweiler mitten der Maisfeld-Einöde Iowas. Es ist ein Hochamt der anderen Art: Ein Wochenende lang zelebrieren die Republikaner hier sich selbst, ihre Kandidaten - und ihre strammsten Ideologen.

Der Höhepunkt dieses Wahlkampfauftakts ist eine Testabstimmung von 17.000 Parteigängern an der Iowa State University, vor der die Bewerber Zelte aufgeschlagen haben, in der Tradition christlicher "Tent Revivals". "Ames Straw Poll" heißt dieses seit 1979 gepflegte Ritual, das für eine erste Auslese sorgt: Über Nacht dampft es das Kandidatendutzend auf wenige Aspiranten ein.

Tea-Party-Darling Michele Bachmann behauptet sich als Hohepriesterin der Bibelfraktion, Mitt Romney und Späteinsteiger Rick Perry bleiben Favoriten, obwohl sich beide weigern, in Ames zu erscheinen. Ex-Senator Rick Santorum und der kauzige Ron Paul mischen zwar weiter mit, haben aber kaum noch Chancen. Tim Pawlenty gibt nach seinem schlappen dritten Platz auf, und auch Newt Gingrich und Jon Huntsman, über die so viel geredet wurde, dürften keine Rolle mehr spielen.

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Polit-Karneval in Iowa: Grölen, singen, grillen
Es ist eine alte Bauernregel: In Iowa werden Kandidaten geboren - und aus dem Rennen genommen. Der Vorwahl-Karneval offenbart diesmal aber noch mehr. In Ames und der Landeshauptstadt Des Moines - wo die Aspiranten der "Butterkuh" huldigen müssen, einer lebensechten Maskottchen-Skulptur aus ranzigem Fett - zeichnet sich ein dramatischer Rechtsruck der Republikaner ab.

Es ist die Rückkehr zu den alten Kulturkriegen. Ein Kandidat nach dem anderen reaktiviert die großen Reizthemen, die anderswo längst abgehakt sind: Schwule, Abtreibung, Evolution. Alte Feindbilder werden bemüht: "Der Linksliberalismus ist eine Geistesstörung", besagt ein T-Shirt. Ein Plakat der Tea Party, jener Wutbürgerbewegung, die die Partei geentert zu haben scheint, beschwört das Dreigestirn "God, Country, Constitution".

Die Haltung der Republikaner ist mehr als der übliche Bückling vor der Provinzbasis. Es ist eine Reaktion auf die Schuldenkrise, die Rezession, die Dauerarbeitslosigkeit. Und auf Barack Obama, dessen Wahl die Partei nie akzeptiert hat - und den sie, wie Bachmann zu Beginn jedes Auftritts verkündet, zum "One-Term President" auf eine Amtszeit stutzen wollen.

Mit Gebet und Grillfleisch gegen die Krise

Dazu greifen die Akteure tief in die Klischeekiste. Sie fabulieren von einer belagerten, von Gottlosen unterwanderten Nation. Schieben die Schuld an der Krise einer unchristlich-unpatriotischen Linksregierung zu, die das Geld anderer ausgebe. Und offerieren als Gegenrezept, nebst Gebet und Grillfleisch, vor allem Floskeln - etwa den ewigen Schwur, nie Steuern zu erhöhen.

"Wir erobern unser Land zurück!", erklärt Bachmann unter lautem Grölen, bevor eine Konfettikanone zu früh losballert. "Wir schämen uns unseres Glaubens nicht!" Dazu lässt sie sich von Country-Altstar Randy Travis ewige Treue geloben, während ihr Gatte Marcus, dessen Therapieklinik in Minnesota Homos zu Heteros "bekehrt", verzückt mitschunkelt: "I'm gonna love you forever, forever and ever, Amen."

"Dies ist eine Revolution!", verkündet auch Ron Paul. "Unsere Zeit ist gekommen!" Mit 75 ist der Abgeordnete und Gynäkologe, der die "Freiheit Amerikas" bedroht sieht, der älteste Kandidat - und hat zugleich die jüngsten Anhänger, eine hochengagierte Truppe aus Studenten und Spät-Teenagern, denen die Vorhaben ihres "Dr. Paul" ("Schafft die Fed ab") zusagen.

Herman Cain ist eher ein Sonderfall - nicht nur, weil er der einzige Schwarze im Feld ist und sowieso aussichtslos. Sicher, auch er wettert gegen die imaginäre Gefahr einer Knechtung Amerikas durch Scharia-Gesetze und die Aushöhlung der "moralischen Fundamente". Ansonsten aber ist Cain erstaunlich fröhlich, fast gutmütig im Vergleich zur aufgesetzten Paranoia seiner Parteigegner.

An diesem Nachmittag singt er also lieber, als dass er spricht. Schweiß auf der Stirn und den Kragen gelüftet, delektiert Cain mit Spirituals, denen zufolge "alles gut" werde, so man sich nur Jesus anvertraue. "Amen!", skandieren seine Anhänger zurück und klatschen mit.

Als Verstärkung hat Cain einen Bassisten dabei, der dieser gottesfürchtigen Gemeinde vertraut ist: Mike Huckabee, der frühere Südstaaten-Gouverneur, dessen eigene Kandidatur vor vier Jahren an selbiger Stelle Schub gewann, bevor das Geld ausging. Bis heute ist der gelernte Baptistenprediger ein Liebling der Christlich-Konservativen.

Auf der Kirmes der Rechten

Selbst noch mal zu kandidieren, kommt für Huckabee aber nicht mehr in Frage: "Der Zug ist abgefahren." Dafür verlost er an seinem Stand Bücher und ein kontroverses Video für Kinder, das 9/11 als Zeichentrick porträtiert und den Islam als oberstes Feindbild Amerikas.

Huckabee ist einer von vielen hier, die Flagge zeigen, mit Ständen, Plakaten, Buttons. Denn die "Straw Poll" ist auch eine Kirmes der rechten Szene, von Waffennarren über Mega-Patrioten bis zur "Faith & Freedom Coalition", deren Vertreterin Diana Hansen einem ein Flugblatt gegen die "nicht-traditionelle" Ehe in die Hand drückt: "Erfülle deine Christenpflicht."

Diese Christenpflicht ist das Wählen. Das hat in Ames aber wenig mit Demokratie zu tun. Stattdesen kaufen die Kandidaten Tickets für die "Straw Poll" im Block und verteilen sie gratis an ihre Getreuen, die sie mit Bussen ankarren. Es siegt, wer die beste Logistik hat und die meisten Fans mobilisiert.

Mit 4823 Stimmen (29 Prozent) setzt sich Bachmann durch, nur knapp gefolgt von Paul (28 Prozent). Pawlenty landet mit 14 Prozent abgeschlagen auf dem dritten Platz, obwohl er am meisten in die "Straw Poll" investiert hat. Santorum und Cain übertreffen die niedrigen Erwartungen, während Gingrich und Huntsman in Abwesenheit auf den hinteren Plätzen landen.

Pro-Forma-Spitzenreiter Mitt Romney verzichtet auf die persönliche wie finanzielle Teilnahme, die Iowaner ahnden das mit nur 567 Stimmen (drei Prozent). Romneys nationaler Führungsstellung dürfte das aber nichts anhaben, er hat mehr Geld in der Kasse als alle anderen.

Für eine Überraschung sorgt der texanische Gouverneur Rick Perry. Der erklärt seine Kandidatur erst zeitgleich mit der "Straw Poll", im fernen South Carolina, und lässt sich in Ames ebenfalls nicht blicken. Trotzdem sichert er sich 718 Stimmen, indem er in einem nahen Holiday Inn Eintrittskarten verschenken lässt.

Der von reichen Spendern gesponsorte Perry, der die sozialkonservative Botschaft mit einem Wirtschaftswunder-Image verknüpft, wollte sich eigentlich nur mit Romney streiten. Jetzt hat ihm die Basis Bachmann vor die Nase gesetzt. Folglich bequemt er sich am Sonntag dann doch erstmals nach Iowa, zu einem Partei-Dinner mit Bachmann und Santorum - ausgerechnet in Waterloo, dem Geburtsort Bachmanns.

Alle drei schießen sich da erneut auf Obama ein. "Die republikanische Wiederauferstehung", zieht Landesparteichef Matthew Strawn die Wochenend-Bilanz, "ist auf dem besten Wege."

insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
knecht3000 15.08.2011
1. Neolib/Liberalismus
Bei dieser ganzen Teaparty-, Neobliberalismus-Debatte geht leider völlig unter was der klassische Liberalimus eigentlich mal war. Sehr schön zusammen gefasst hier: http://le-bohemien.net/2011/08/15/eine-kurze-geschichte-des-liberalismus-teil-1/
Methados 15.08.2011
2. .
gut so für die und UNS ! das beste was den USA passieren kann ist eine so rechtsstehende erzkonservative regierung die schluss macht mit dem experiment des sozialstaats und wieder zum kern des amerikanischen wirtschaftsmotors zurückkehrt! sobald das gelungen ist werde ich selbst wieder in die USA zurück siedeln.
mmnrw 15.08.2011
3. Dr. Paul
Es ist mittlerweile offensichtlich und zutiefst unwürdig, dass nach 2007 abermals versucht wird Ron Paul zu diskreditieren.
cassandros 15.08.2011
4. politische Geisterbahn
Zitat von sysopEs ist der Karneval von Amerikas Konservativen: Mit einer ersten Testabstimmung im Schlüsselstaat Iowa haben die Republikaner den US-Präsidentschaftswahlkampf eingeläutet. Das Kandidatenfeld schrumpft auf drei Favoriten, die mit strammrechten Parolen gegen Obama punkten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780219,00.html
Wollen hoffen, daß wenigstens der eine oder andere noch eine unentdeckte Affäre mit einer 16-Jährigen hatte, die kurz vor den Wahlen ans Licht kommt! Amis, nehmt euch ein Vorbild an Schleswig-Holstein. Da gibt's auch viel konservatives Landvolk.
rhodensteiner 15.08.2011
5. "Die republikanische Wiederauferstehung"?
Hm? Ich dachte immer Obama wäre die republikanische Wiederauferstehung...?
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