US-Wahlkampf: McCain übertrumpft Obama beim Glaubensgipfel

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Amerikas Evangelikale können Wahlen entscheiden - meist für die Republikaner. Doch die haben noch ihre Zweifel an John McCain. Eine Chance für Barack Obama, beim "Glaubensgipfel" der Kandidaten zu punkten. Doch er findet nicht den richtigen Ton.

Er hat sich die beiden Bewerber ums mächtigste Amt der Welt eingeladen, doch Rick Warren lässt keinen Zweifel daran, wer heute Abend der Hausherr ist. Warren steht in der Saddleback Church in Lake Forest, die viertgrößte Kirchengemeinde in den USA. Jeden Sonntag begrüßt er hier 22.000 Besucher, er ist einer der populärsten Stimmen unter Amerikas Evangelikalen.

Religions-Gipfel in der kalifornischen Saddleback Church. Der Evangelikale Rick Warren (Mitte) befragt John McCain und Barack Obama: "Jesus ist für meine Sünden gestorben"
REUTERS

Religions-Gipfel in der kalifornischen Saddleback Church. Der Evangelikale Rick Warren (Mitte) befragt John McCain und Barack Obama: "Jesus ist für meine Sünden gestorben"

Und der Pastor weiß um seine Macht. "Ich glaube an die Trennung von Staat und Kirche - aber nicht an die Trennung von Glauben und Politik", sagt er ganz selbstverständlich zur Begrüßung. Natürlich kennt er die Zahlen: 85 Prozent der Amerikaner geben in Umfragen an, ihr Glaube sei wichtig für sie. Rund 70 Prozent wollen einen Präsidenten, der das ähnlich sieht. Bei der letzten Wahl haben Evangelikale fast jeden vierten US-Wähler gestellt - und vier von fünf haben für George W. Bush gestimmt.

Also sind an diesem Samstagabend die beiden Präsidentschaftskandidaten John McCain und Barack Obama zu Warren gekommen - zum ersten Mal im Wahlkampf sprechen sie direkt nacheinander. Obama tritt als Erster auf. "Du hast ja eine schöne Menge hier zusammengebracht", scherzt er leutselig mit Warren. Doch schon Sekunden später verwandelt sich der charismatische Wahlkämpfer in einen nachdenklichen Zuhörer. Warren will wissen, wem Obama für weisen Rat vertraut, was sein Glauben für ihn bedeutet, wo er das Böse sieht.

Es sind andere Fragen als sonst im Wahlkampf, doch Obama ist der demokratische Kandidat seit Jimmy Carter, der am offensten über seinen Glauben spricht - und er findet sich rasch in den anderen Tonfall ein. Er preist seine Frau als Beraterin, er sagt Sätze wie: "Was Du für den geringsten Deiner Brüder getan hast, hast Du für mich getan" oder "Jesus ist für meine Sünden gestorben". Er spricht über den Teufel, der auf den Straßen Amerikas tobe und nach dem jeder in seiner eigenen Seele forschen müsse.

Junge Evangelikale sind offen für die Themen der Linken

Die Zuhörer in der Saddleback Church klatschen höflich. Obamas Team will sich besonders um die Stimmen der sonst so Republikaner-freundlichen Evangelikalen bemühen. Sein Lager sieht sich von Umfragen beflügelt, laut denen gerade junge Evangelikale aufgeschlossener geworden sind für klassische Themen der Linken - Klimaschutz, Armutsbekämpfung, HIV, globale Armut, Hilfe für Genozidopfer im Sudan.

Doch die Hürden bleiben hoch: Da wären die hartnäckigen Gerüchte, Obama sei in Wirklichkeit Muslim - was laut Umfragen bis zu 12 Prozent der Amerikaner denken. Und im Weg steht ihm auch seine liberale Haltung zur Abtreibung. Zwei Drittel der Evangelikalen schließen strikt aus, für einen Kandidaten zu stimmen, der die unterstützt.

Warren spricht das direkt an: 40 Millionen Abtreibungen seien vorgenommen worden, weil der Oberste Gerichtshof dies legalisiert habe. Ab welchem Punkt ein Baby denn Menschenrechte habe? Obama weicht der Frage aus, er spricht lieber darüber, was für eine moralische Herausforderung Abtreibung sei. Aber Frauen machten sich diese Entscheidung ja nicht leicht. Und, fügt er nachdenklich an, komme es nicht statt auf Verbotsdebatten eher darauf an, die Zahl von Abtreibungen zu senken? Präsident Bush habe es trotz all seiner Reden über ein striktes Verbot jedenfalls nicht geschafft.

Es ist eine nuancierte Antwort, eine fast professorale. Den Mittelweg wählt Obama noch einige Male. Etwa bei der Definition von Ehe: Die deutet er - anders als die Befürworter von Homo-Ehen - als Verbindung zwischen Mann und Frau. Aber explizit in der Verfassung verankern mag er die Definition nicht. Steuern will er zwar erhöhen für die Reichen - doch seien die Abgaben nicht auch eine moralische Aufgabe für die Gemeinschaft? Obama findet viele richtige Worte, er spricht vom amerikanischen Traum, vom Hunger nach Versöhnung in den USA. Aber er ist dabei eher intellektuell-nachdenklich als leidenschaftlich.

Obama antwortet eloquent, McCain direkt und präzise

Nach einer Stunde ist John McCain dran. Viele Evangelikale waren im Vorwahlkampf von dem kaum begeistert. McCain hat einige ihrer radikaleren Vertreter früher "intolerant" genannt, er setzte sich gegen ihren Willen für Stammzellenforschung ein, seine Haltung zur Abtreibung war vielen Evangelikalen nicht radikal genug.

Doch McCain ist vorbereitet. Zwar stößt er seine Antworten eher kurzatmig heraus, anders als der eloquente Obama. Aber er weiß genau, was er sagen will - und was diese Zuhörer hören wollen. Wem er am ehesten für weisen Rat vertraue? General David Petraeus, dem Oberbefehlshaber im Irak. Wann Babys Rechte haben? "Vom Moment der Empfängnis." Wie man dem Bösen begegnen müsse? "Wir müssen es bekämpfen." Obama hatte al-Qaida bei der Frage noch nicht einmal erwähnt. Anders McCain: "Wenn ich Präsident der USA bin, werde ich Osama Bin Laden notfalls bis an den Eingang der Hölle verfolgen."

Und der Senator aus Arizona erzählt sehr persönliche Geschichten. Etwa über die kritischste Entscheidung in seinem Leben - als ihm die Entlassung aus der Einzelhaft in Vietnam angeboten wurde, weil sein Vater ein prominenter Admiral war. Doch das hätte gegen den Ehrenkodex des Militärs verstoßen - und McCain lehnte ab. Er blieb weitere drei Jahre in Einzelhaft. "Es war die schwierigste Entscheidung meines Lebens, aber auch die, über die ich am glücklichsten bin", sagt er. Und fügt rasch hinzu: "Ich habe viele Gebete gebraucht, um das zu schaffen." McCain berichtet auch, wie ihm in der Gefangenschaft ein Wärter die Fesseln heimlich gelockert habe - und an Weihnachten ein Kreuz in den Schmutz gezeichnet habe. "Wir waren zwei Christen, die diesen Moment teilten."

McCain punktet mit seiner Lebensgeschichte

Umgehend beginnen die Debatten über den unterschiedlichen Stil der beiden Bewerber bei ihrem ersten direkten Aufeinandertreffen. Die Unterschiede sind frappierend: Obama wirkte brillant - aber auch ein bisschen abgehoben und intellektuell. McCain punktete mit Bauchgefühl. Seine Antworten schießen oft heraus, bevor die Fragen zu Ende waren. So charismatisch Obama bei seinen Reden wirken kann: In solchen Gesprächsformaten spricht Obama den Kopf an, McCain den Bauch.

"McCain hat eine tolle Lebensgeschichte und damit baut er eine emotionale Verbindung zu den Wählern auf", analysiert Ex-Präsidentenberater David Gergen auf CNN. "Eins steht fest: Wenn Obama die Debatten gegen McCain gewinnen will, muss er sich steigern und emotionaler werden."

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