Von Sebastian Fischer, Washington
Sehr aufrecht sitzt Mitt Romney auf dem Tisch des Gouverneurs. Im Hintergrund die US-Fahne, neben sich ein Bildnis von Gattin Ann. Und direkt davor, neben seinem linkem Knie, da liegt das in Leder gebundene Gesetz mit dem Mediziner-Symbol vorne drauf: Romneys Gesundheitsreform. So hängt Mitt Romney für die Ewigkeit an der Wand im State House von Massachusetts, als Gemälde.
Es ist das offizielle Porträt des 70. Gouverneurs des Ostküstenstaates, 2003 bis 2007. Und dass neben Ehefrau Ann gleich die "Romneycare" genannte Reform liegt, das ist alles andere als Zufall. Denn Romney war stolz auf seine Krankenversicherung für jedermann. Als Regierungschef schaffte er in Massachusetts das, was bisher kein Präsident in Washington erreicht hatte. Diese Leistung, so wollte es der Ex-Gouverneur, sollte in Erinnerung bleiben. Und er natürlich auch, als Mann von Augenmaß und Vernunft.
Es kam anders, als Romney sich das erhoffte. Fünf Jahre später sorgt schon für Aufsehen, dass der nunmehrige Präsidentschaftskandidat seine eigene Reform an diesem Sonntag im NBC-Polit-Talk "Meet the Press" erwähnt - und sogar verteidigt hat.
Unerhört. Denn die eigene Partei ist ja längst auf der Gegenfahrbahn unterwegs. Versicherung für alle, das ist sozialistisches Teufelszeug. Es ist jetzt das Projekt des Gegners. US-Präsident Barack Obama hat ja die Pflichtversicherung eingeführt, nach dem Vorbild von Romneycare. Und Romney? Der schien sich bisher von seiner eigenen Vergangenheit abgewendet zu haben, versprach wieder und wieder, Obamas Reform rückgängig zu machen, sofort, am ersten Tag seiner erhofften Amtszeit.
Dann aber dieser Auftritt bei NBC. Ja, sagt Romney, er werde Obamacare zwar abschaffen, aber einige Elemente in seinem eigenen Konzept beibehalten: "Es gibt da eine Anzahl von Dingen, die ich mag an der Gesundheitsreform." Dazu zählte der Versicherungsschutz für Menschen, die Vorerkrankungen haben. Sowie die Mitversicherung junger Leute über ihre Eltern. Das sind durchaus zentrale Bestandteile von Obamas Gesetzespaket.
Hat Romney damit eine Kehrtwende vollzogen, einen Strategiewechsel? Nicht wirklich. Die konservative "National Review" zitiert einen Romney-Sprecher, der die Äußerungen seines Chefs einzuordnen sucht: Romney wolle sicherstellen, dass Menschen mit Vorerkrankung ihre bestehende Krankenversicherung behalten könnten. Das ist dann allerdings ein Unterschied zu Obamacare, geht es dort doch um jene Vorerkrankten, die bisher gar keine Versicherung hatten. Tatsächlich hat Romney es so auch schon bei einem Wahlkampfauftritt im Juni gesagt, den das Magazin zitiert: "Mit jenem Gesetz, mit dem wir Obamacare ersetzen werden, müssen wir sicherstellen, dass Leute mit Vorerkrankungen, die bereits in der Vergangenheit Versicherungsschutz hatten, diesen auch in Zukunft bekommen."
Denkbares Beispiel: Eine Frau ist versichert und erkrankt an Brustkrebs. Die Therapie verläuft erfolgreich, die Frau wechselt aber später Arbeitgeber und Stadt. Sie benötigt eine neue Krankenversicherung, doch weil ihr Krebsfall nun als Vorerkrankung gilt, könnte man sie ihr verweigern. Eine große Mehrheit der Amerikaner hält das für ungerecht.
Romney umgarnt die Wechselwähler
Was heißt all das jetzt für Romneys Wahlkampf? Warum setzt er sich der Gefahr aus, dass ihn die Konservativen im eigenen Lager erneut attackieren?
Möglicherweise will der Mann um Stimmen in der Mitte werben. Um Amerikaner, die weniger Krach und mehr Substanz erwarten. Sowohl Obama als auch Romney haben bisher einen polarisierenden Wahlkampf geführt. In den Umfragen liefern sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, seit Monaten. Dass es kaum Bewegung gibt, deutet auf eine starke Mobilisierung der jeweiligen Lager hin. Den Ausschlag könnten also am Ende ein paar Unentschiedene geben.
An diese Klientel sendet Romney seit dem Republikaner-Parteitag vor zwei Wochen Signale. So umgarnte er schon in seiner Rede jene Wechselwähler, die vor vier Jahren für Obama stimmten: "Hope" und "Change", gestand er zu, das alles hätte damals seinen Reiz gehabt. Aber wer könne heute schon sagen, dass es ihm besser gehe als vor vier Jahren? Kurz zuvor hatte Romney schon in einem Interview mit Fox News bemerkt, er sei "stolz" auf Romneycare. Erstes Anzeichen einer taktischen Neubesinnung.
Im NBC-Interview nun hat Romney seine Offerten an die Unentschiedenen gebündelt:
Gerade dieses letzte Versprechen aber - besonders wichtig für den Mitte-Appeal des Kandidaten - will nicht so recht zünden. Denn Romney bleibt reichlich unkonkret, sagt nicht, wo er die Reichen mehr belasten will. Im Gegenteil: Sein Steuerplan sieht niedrigere Einkommenssteuerraten für alle vor, der Spitzensteuersatz soll von 35 auf 28 Prozent sinken, der Eingangssteuersatz von zehn auf acht Prozent. Die Finanzierung? Ohne neue Schulden, nur durchs Schließen von Steuerschlupflöchern. Obama, der den Spitzensteuersatz auf 39,6 Prozent erhöhen möchte, spottet schon: "Das ist wie 2 plus 1 gleich 5." Und selbst unabhängige Experten stellen Romneys Plan in Frage.
Der Kampf um die Mitte ist eröffnet. Seine rechte Flanke derweil sucht Romney mit gottesfürchtigen Auftritten abzusichern. Etwa zuletzt in Virginia. Da funktionierte er die "Pledge of Allegiance", das US-Treuegelöbnis, zur Wahlkampfrede um. Etwa den Satz von der "einen Nation unter Gott": Er werde Gott nicht aus dem Parteiprogramm streichen, sagt Romney in Anspielung auf eine schließlich von Obama verhinderte Idee der Demokraten. Und vor allem: "Ich werde Gott nicht von unserem Münzgeld streichen, und ich werde Gott nicht aus meinem Herzen nehmen."
Nein, von einem Richtungswechsel kann keine Rede sein.
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