Obamas zweite TV-Debatte: Es wird eng, Mr. President

Von , New York

Das erste TV-Duell gegen Mitt Romney setzte Barack Obama in den Sand. Für das zweite Match in der kommenden Nacht hat er kräftig geprobt - er braucht dringend ein besseres Ergebnis. Doch die Zeit wird knapp: Immer mehr Wähler haben sich bereits festgelegt.

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Obama in Williamsburg: Zum Relaxen keine Zeit

Das US-Kolonialstädtchen Williamsburg war mal die Hauptstadt Virginias. 1862 tobte dort eine große Bürgerkriegsschlacht, die dank eines heldenhaften Nordstaaten-Generals namens Winfield Scott Hancock im Patt endete. Zwölf Jahre später nominierte die damals noch junge Demokratische Partei "Hancock den Herrlichen" zum Präsidentschaftskandidaten.

Seit Samstag hat sich nun US-Präsident Barack Obama in Williamsburg einquartiert, um für seine nächste TV-Schlacht gegen Mitt Romney an diesem Dienstag zu pauken. Doch bei der Ortswahl seines Studiencamps - 650 Kilometer vom Debattenschauplatz bei New York entfernt - dürfte die Historie weniger eine Rolle gespielt haben als der Umstand, dass Virginia einer der begehrten "Swing States" ist, in denen sich die Wahl entscheiden wird. Da hilft Präsenz, selbst wenn die eher symbolischen Charakter hat. Obama mied in Virginia die Öffentlichkeit meist. Obwohl er in einem Golfhotel residiert, hat er nicht mal die Golfschläger mitgebracht. Zum Relaxen keine Zeit: Der Musterschüler muss nachsitzen.

Denn die erste TV-Debatte war Obama locker angegangen, hatte Probestunden geschwänzt und alles offenbar zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Das Ergebnis: ein desaströser Auftritt, der Romney zugute kam.

Und wie. Jüngste Umfragen pendelten immer stärker in Richtung des Republikaners, sowohl landesweit wie zuletzt auch in den "Swing States". Selbst Nate Silver, der demoskopische Kaffeesatzleser der "New York Times", gab seine Zurückhaltung auf: Romney habe so weit aufgeholt, dass die Chancen fast 50/50 stünden. Obama brauche aber nach dem nächsten Match nur zwei Prozentpunkte zuzulegen - und das Blatt könnte sich wieder wenden.

Immer weniger unentschiedene Wähler

Es wird eng, Mr. President. Exakt drei Wochen bleiben bis zum Wahltag, und täglich schrumpft die Zahl der unentschiedenen Wähler, die sich noch ködern lassen. Erhebungen zufolge sind nur noch sechs Prozent der Wählerschaft wirklich unschlüssig. Zwölf Prozent haben sich zwar im Prinzip festgelegt, wären aber in den nächsten Wochen umzustimmen.

Demoskopen nennen sie die "bewegbaren Wähler" oder auch "low-information voters": schlecht informiert, anfällig für Äußerlichkeiten, Auftreten - leicht in die Irre zu führen, was die Fakten angeht. Was sie betrifft, hat Obama den Karren in den Dreck gefahren: Mehr als 67 Millionen Wähler, von denen viele vom Wahlkampf zum ersten Mal Notiz nahmen, beobachteten bei der vorigen Debatte einen lustlosen Präsidenten, der Romney davonkommen ließ - und übersahen womöglich, dass Obama die Wahrheit auf seiner Seite hatte.

Die Republikaner dagegen wissen, dass sich die Uninformierten mehr vom Auftreten als vom Inhalt packen lassen - und nutzen das voll aus. Romney präsentiert sich neuerdings als netter Mann der Mitte. Kolumnisten haben diese jüngste Erscheinungsform des politischen Chamäleons Romney "Moderate Mitt" getauft. Seine Politik bleibt erzkonservativ.

Kompagnon Paul Ryan spielte in seinem TV-Schlagabtausch mit Vizepräsident Joe Biden vorige Woche eine parallele Rolle: jung, clever, harmlos. Dabei ist er einer der radikalsten Politiker, den der Kongress seit Jahren erlebt hat. Die Kritik an Biden, erneut rein äußerlich: Er habe viel zu sehr gegrinst. Wen wundert's: Ryan log, dass sich die Balken bogen. Doch das ging in der ganzen Hysterie verloren.

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Obama muss nun die Balance halten: Auftreten und Inhalt. Er muss den Image-Schaden wettmachen. Er muss Romneys Kartenhaus aus Halbwahrheiten zum Einsturz bringen, ohne allzu verbissen zu wirken. Und er muss elegant vertuschen, dass er selbst ja auch keine richtige Wahlkampfvision hat, sondern nur ein laues Programm, das sich in zwei Wörtern zusammenfassen lässt: weiter so.

Triumph für das TV-Format

Der Müde gegen den Radikalen: Dennoch hypen die US-Kommentatoren dieses zweite Aufeinandertreffen zu einer Art politischer Schlacht von Cannae hoch, mit Romney als Hannibal und Obama als Varro. Das Interesse ist in der Tat enorm: Die erste Debatte erzielte die höchste Einschaltquote in 32 Jahren politischer US-Fernsehgeschichte - der Kampf ums Weiße Haus als ultimative Doku-Soap.

Wer hätte das gedacht in Zeiten von Twitter? Der Triumph eines vermeintlich verstaubten TV-Formats, erfunden 1960 mit der ersten Debatte zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy: 90 Minuten werbefreie, unbezahlte Redezeit schafften, was ein monatelanges Dauerfeuer von gekauften Werbespots im Wert von bisher 2,5 Milliarden Dollar nicht erreichen konnte: Sie gaben dem Rennen endlich Feuer.

Kann Obama den Pro-Romney-Trend wenden? Das Themenspektrum ist breiter als beim letzten Mal (Innen- und Außenpolitik), das Format lockerer (Townhall mit Zuschauerfragen). Vorsichtshalber versuchen beide Seiten, die Moderatorin Candy Crowley vorab per Knebelvertrag mundtot zu machen: Demnach soll die CNN-Korrespondentin nur die Rolle der Zeitnehmerin spielen. Crowley wehrt sich: "Ich bin doch kein Mäuschen", sagte sie "Politico".

Ach ja, noch was zur Bürgerkriegsgeschichte von Williamsburg: Vom Nordstaaten-General Winfield Scott Hancock sollte sich Obama lieber nicht inspirieren lassen. Der trat im Wahlkampf 1880 gegen den erfahrenen Republikaner-Abgeordneten James Garfield an - und verlor.

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insgesamt 70 Beiträge
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1.
breisig 16.10.2012
nach der clinton-rede auf dem parteitag hieß es, obama hat die wahl bereits gewonnen. ich glaube ich sattel um auf journalist..
2. wenn
ziegenzuechter 16.10.2012
er es heute wieder vergeigt, ist die sache gelaufen. dann wird romney praesident und die welt wird erkennen, dass bush doch noch nicht der absolute tiefpunkt war.
3. Lächerlich und
eisbaerchen 16.10.2012
Zitat von sysopAPDas erste TV-Duell gegen den Republikaner Mitt Romney setzte US-Präsident Barack Obama in den Sand. Für das zweite Match in der kommenden Nacht hat er kräftig geprobt - er braucht dringend ein besseres Ergebnis. Doch die Zeit wird knapp: Immer mehr Wähler haben sich bereits festgelegt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-wahlkampf-obama-bereitet-sich-auf-zweites-tv-duell-vor-a-861464.html
grotesk naiv, wenn sich Wähler vorwiegend aufgrund zweier "TV-Duelle" den ihnen genehmen Präsidenten für 4(?) Jahre ins Haus holen...arme USA, arme USA-Bürger...zu Ende denken war noch nie eine Eurer Stärken...
4. Ihr werdet sehen..
warndtbewohner 16.10.2012
er schafft es nicht, Romney wird siegen und die Mehrheit der Amerikaner wollen einen starken Präsidenten der wieder amerikanische Interessen in der Welt stärker durchsetzt, auch mit Gewalt. Ob das gut ist sei dahingestellt, aber es wird so kommen!
5.
detrius 16.10.2012
---Zitat--- Demoskopen nennen sie die "bewegbaren Wähler" oder auch "low-information voters": schlecht informiert, anfällig für Äußerlichkeiten, Auftreten - leicht in die Irre zu führen, was die Fakten angeht. ---Zitatende--- Bei den Schwaben hießen solche Personen "sekkelbleeda Bixn" oder "Allmachtsgrasdaggln".
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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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