US-Wahlkampf: Obama nominiert Biden als Vizekandidaten

Die Entscheidung ist gefallen. Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama hat seinen Vizekandidaten ausgewählt: Es ist Joseph Biden, 65, Senator von Delaware und erfahrener Außenpolitiker.

Hamburg - Barack Obama lacht nicht mehr allein: Auf der Website des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers grinst ihm nun Joseph Biden über die Schulter. "Barack has chosen Joe Biden to be his running mate", steht daneben, in hellblauer Schrift wurde der Name des Senators von Delaware unter dem Logo der Obama-Kampagne ergänzt - natürlich ein wenig kleiner als der des Präsidentschaftsanwärters. Die Anhänger Obamas können Biden auf der Internetseite eine Willkommensbotschaft senden.

Obama mit Biden (2007): Erfahrener Wahlkämpfer und Außenpolitiker
REUTERS

Obama mit Biden (2007): Erfahrener Wahlkämpfer und Außenpolitiker

Damit ist offiziell, was alle großen US-Fernsehsender und andere Medien zuvor bereits unter Verweis auf Informanten aus dem demokratischen Lager berichtet hatten: Joseph Biden soll Barack Obamas Stellvertreter werden, falls der ins Weiße Haus in Washington einzieht. Gemeinsam mit Biden an seiner Seite wird Obama nun in den eigentlichen Präsidentschaftswahlkampf gegen den republikanischen Konkurrenten John McCain ziehen.

Biden war seit Tagen als Favorit unter den möglichen Vizekandidaten gehandelt worden. Er soll vor allem Obamas außenpolitisches Profil schärfen. Biden gilt als einer der erfahrensten US-Politiker auf dem Feld und ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Senat. Er ist ein profilierter Kritiker des Irak-Krieges, obwohl er dem Feldzug 2002 zugestimmt hatte. Kürzlich reiste er auf Einladung von Präsident Micheil Saakaschwili in den Krisenstaat Georgien.

Der gelernte Jurist war in der Vergangenheit außerdem Vorsitzender des Justizausschusses im Senat. Er ist auch in der Arbeiterklasse verwurzelt und könnte Obama damit wichtige Stimmen in dieser Wählergruppe verschaffen, bei der er bisher kaum punkten konnte.

Schon mit 29 zog er 1972 für den Staat Delaware in den Senat ein. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind im Kongress berühmt, sein Jähzorn ist gefürchtet. Im vergangenen Jahr ätzte er über Obama, dieser sei "artikuliert, hell und clean" - entschuldigte sich dafür aber. Obama selbst sagte, er habe sich daran nicht gestört.

Eigene Präsidentschaftskandidatur zurückgezogen

Biden hat einen Ruf als gewiefter Wahlkämpfer und ist selbst schon zweimal in Vorwahlen als US-Präsidentschaftsbewerber der Demokraten aufgetreten. Seine Bewerbung um die Präsidentschaft 1988 zog er allerdings vorzeitig zurück, nachdem er dabei ertappt worden war, Passagen aus einer Rede des damaligen britischen Labour-Party-Vorsitzenden Neil Kinnock plagiiert zu haben.

Auch diesmal hatte er eine eigene Bewerbung eingereicht - gab jedoch schon nach der ersten Vorwahl in Iowa wegen Erfolglosigkeit auf. Man habe "das erste Mal in der ganzen amerikanischen Geschichte eine Frau oder einen Afroamerikaner", die sich große Chancen auf das Weiße Haus ausrechneten, sagte er mit Verweis auf den sich abzeichnenden Zweikampf zwischen Hillary Clinton und Obama - "und es gibt keine Chance, das zu durchbrechen".

Geboren wurde Biden als Sohn einer Arbeiterfamilie im Bundesstaat Pennsylvania - der auch wegen seiner vielen einfachen Arbeiter als Schlüsselstaat in der Entscheidung zwischen Obama und seinem republikanischen Rivalen John McCain gilt.

Der 65-Jährige ist Katholik und Anwalt; er stimmte in Entscheidungen im Senat über die großen Streitfragen der US-Politik tendenziell mit den Linksliberalen. Privat erlitt er 1972 einen schweren Schlag: Seine erste Frau und eine Tochter kamen damals bei einem Autounfall ums Leben. Später heiratete er erneut und bekam mit seiner zweiten Frau Jill eine weitere Tochter; aus der ersten Ehe hat er noch zwei Kinder.

SMS-Nachricht mit Bestätigung an Anhänger

Fast zeitgleich mit der offiziellen Nachricht von der Auswahl Bidens als "running mate" verschickte Obamas Team wie angekündigt eine entsprechende SMS an registrierte Anhänger, in der diese über die Entscheidung informiert wurden.

Am Nachmittag soll der Vize bei einer Kundgebung in Springfield in Obamas Heimatstaat Illinois der Öffentlichkeit präsentiert werden - dort hatte Obama im Februar 2007 seine eigene Kandidatur bekanntgegeben.

Am Montag soll in einer Sporthalle in Denver der Parteitag der Demokraten beginnen, auf dem Obama und sein Vizekandidat offiziell als Spitzenkandidaten für die Präsidentschaft nominiert werden.

McCain lästert über Obamas Wahl

Der designierte republikanische Präsidentschaftskandidat McCain ging umgehend zum Angriff über. Sein Sprecher Ben Porritt erklärte, noch vor kurzem haben Biden Obamas mangelnde außenpolitische Erfahrung kritisiert und angedeutet, die Amerikaner würden schnell merken, dass Obama für das Präsidentenamt noch nicht bereit sei. Sie verwiesen auf ein Interview Bidens vom August 2007. Darin hatte dieser erklärt, er stehe zu einer früheren Aussage, dass Obama sich noch nicht für das Amt eigne.

Nach seinem Ausscheiden im Vorwahlkampf hatte Biden noch erklärt, er wolle nicht "Running Mate" werden. "Ich trete nicht zur Wahl für das Amt des Vizepräsidenten an", sagte er dem Sender Fox. "Ich würde nicht annehmen, wenn ich das Angebot erhalten sollte. Ich würde lieber Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses bleiben, als Vizepräsident zu werden."

plö/dpa/AP/Reuters

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