TV-Duell im US-Wahlkampf: Angriffslustiger Obama punktet gegen Romney

Der Präsident stand unter Druck, doch es war der Herausforderer, der ins Schlingern geriet. Im zweiten TV-Duell im US-Wahlkampf lieferten sich Barack Obama und Mitt Romney eine intensive Debatte. Beim Thema Libyen geriet Romney in Bedrängnis. Laut ersten Umfragen hat Obama knapp gewonnen.

DPA

Berlin/Hempstead - Die TV-Debatte ist kurz vor dem Ende, da will es Mitt Romney noch einmal wissen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat arbeitet sich zum x-ten Mal an Barack Obamas Wirtschaftspolitik ab: Die hohe Arbeitslosigkeit, eine verfehlte Steuerpolitik. Und was macht der US-Präsident? Er lächelt nur. Und nippt an seinem Glas. Die Angriffe scheinen ihn - jetzt, so kurz vor Schluss - nicht mehr groß zu tangieren.

Schon Obamas Mimik zeigte an diesem Abend, dass er mit dem Verlauf der Debatte (lesen Sie hier das Minutenprotokoll) zufrieden war, zufriedener jedenfalls als mit dem Verlauf des letzten TV-Duells. Nicht, dass die 90 Minuten zu einem Triumph für den Präsidenten wurden. Aber immerhin ist er nicht ins Trudeln geraten, so wie vor zwei Wochen in Denver. Das ist aus seiner Sicht schon ein Erfolg. "Er hat die Blutung gestoppt", umschreibt CNN-Mann Anderson Cooper den Auftritt Obamas.

Eine erste CNN-Umfrage kurz nach der Debatte bescheinigte Obama einen knappen Sieg: 46 Prozent der Zuschauer sagten demnach, der Präsident habe das Duell gewonnen, nur 39 Prozent sagten dies über Romney. Zudem sagten mehr als 70 Prozent, Obama habe einen besseren Eindruck hinterlassen als erwartet. Allerdings sagte auch eine Mehrheit der Zuschauer, Romney könne die Wirtschaftsprobleme, das Defizit und die Gesundheitspolitik besser in den Griff bekommen.

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US-Wahlkampf: Obama und Romney im zweiten TV-Duell
Es war ein harter Schlagabtausch, den Obama und Romney sich an der Hofstra University in Hempstead, im US-Bundesstaat New York lieferten. Der Präsident machte in der Debatte einen bedeutend angriffslustigeren Eindruck als im ersten Rededuell. Diesmal attackierte Obama seinen Kontrahenten mehrfach direkt. So hielt er ihm vor, privat Geld in Firmen in China zu investieren und daher niemals in Handelskonflikten so hart gegen das Land vorzugehen, wie er es immer ankündige. "Sie sind die letzte Person, die hart gegen China auftreten wird", sagte Obama.

"Obama hat das Defizit verdoppelt"

Mehrfach warf der Amtsinhaber seinem Herausforderer vor, die Unwahrheit zu sagen. Der Republikaner verdrehe die Tatsachen etwa in der Energie- und Sozialpolitik und mache den Wählern Steuerversprechen, die er nicht halten könne. "Wenn wir ihn fragen: Wie wollen Sie das finanzieren, hat er darauf keine Antwort", sagte Obama.

Romney dagegen hielt dem Präsidenten vor, in seinen vier Jahren im Weißen Haus viele Versprechen gebrochen zu haben. "Als er sich um das Amt bewarb, sagte er, er könne das Defizit halbieren. Stattdessen hat er es verdoppelt", sagte Romney. Durch die hohen Schulden bringe der Präsident die USA "auf den Weg Richtung Griechenland". Er warf Obama außerdem vor, die Öl- und Erdgasförderung in den USA zu behindern. Obama konterte auch hier scharf und sagte wie so häufig an diesem Abend: "Was Romney sagt, ist nicht wahr." Die Ölproduktion in den USA sei gestiegen. Die USA importierten weniger Öl und Erdgas als zuvor.

Diesmal handelte es sich um eine "Town Hall Debate", eine Art Bürgerversammlung. Die Fragen stellten die Zuschauer, die vom renommierten Umfrage-Institut Gallup ausgewählt wurden. Obama und Romney durften frei auf der Bühne umherlaufen und direkt zu den Fragestellern sprechen. Themen waren sowohl Innen- als auch Außenpolitik. Von Beginn an standen die hohe Arbeitslosigkeit und die schwache US-Konjunktur im Mittelpunkt.

Auch um die weiblichen Wähler wurde hart gerungen. Was sie denn tun würden, um die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt zu beseitigen, wurden die beiden Kontrahenten gefragt. "Wichtiges Thema", sagte Romney. Dann verwies er auf seine Amtszeit als Gouverneur. Als er Bewerbungen für sein Kabinett gesichtet habe, seien das "alles Männer" gewesen. Darauf habe er gesagt: "Können wir nicht ein paar Frauen finden, die auch qualifiziert sind?" Seine Helfer hätten ihm daraufhin "Ordner voller Frauen gebracht".

Obama griff ihn umgehend an: Als Romney gefragt worden sei, ob er gesetzliche Maßnahmen zur finanziellen Gleichstellung von Männern und Frauen unterstütze, sei dieser ausgewichen. "Das ist nicht die Haltung, die Frauen brauchen."

Romney versuchte vor allem, die erste Amtszeit von Obama als Misserfolg zu kennzeichnen. "Wir müssen uns nicht damit zufriedengeben, was wir durchmachen", sagte er. "Ich weiß, dass ich das Land wieder auf Kurs bringen kann."

Obama dagegen wollte Romney erneut als ruchlosen Unternehmer charakterisieren, der 47 Prozent der Bevölkerung für Sozialschmarotzer halte. Der Republikaner habe in Wahrheit nur einen "Ein-Punkt-Plan": "sicherzustellen, dass die Leute an der Spitze nach anderen Regeln spielen können". Romney wolle die Steuern für die Wohlhabenden senken und Vergünstigungen für die Mittelschicht streichen.

Romneys Libyen-Patzer

Nur kurz wurde die Außenpolitik angesprochen - und doch dürften vor allem jene Minuten des Duells noch eine Rolle spielen in den letzten Wochen des Wahlkampfs. Romney hielt der Obama-Regierung vor, nach dem Angriff auf das US-Konsulat in Libyen vor einigen Wochen zunächst verschleiert zu haben, dass es sich um einen Terroranschlag gehandelt hätte. Er warf dem Präsidenten vor, erst nach 14 Tagen von "Terrorakt" gesprochen zu haben.

Tatsächlich verwendete der Präsident damals bereits nach 24 Stunden im Rosengarten des Weißen Hauses diese Formulierung. "Holen Sie sich das Protokoll", belehrte er Romney in der TV-Debatte. Selbst CNN-Moderatorin Candy Crowley sprang Obama bei.

Ein peinlicher Moment, der Romney sichtlich verunsicherte. Seine Mimik verdüsterte sich, er wirkte etwas fahrig. "Romney ist seit der Libyen-Frage nicht mehr der gleiche", twitterte TV-Analyst Chuck Todd noch während der Debatte. "Wie konnte Romney nur das Libyen-Thema verpatzen", twitterte die konservative Kommentatorin Laura Ingraham.

Obama dagegen hatte einen Grund mehr zum Lächeln.

vme/dpa

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insgesamt 9 Beiträge
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1. SPON-Debatte irrelevant
tennessean 17.10.2012
Insbesondere die Libyen Debatte wurde geradezu ins Gegenteil verkehrt. Romney hat Obama klar der Luege überführt, ebenso uebrigens in der Frage der Oelfoerderungslizensen. Vielleicht setzt man EINMAL Redakteure vor das TV, die weniger ideologische befangen sind, dafür aber ein bisschen mehr der englischen Sprache maechtig sind?? Bottom line: der spin from SPON is totally irrelevant. Die Amerikaner werden den Kandidaten waehlen, von dem sie glauben, dass er der richtige ist, und das bestimmt nicht, weil in SPON mag!
2. optional
XXYYZZ 17.10.2012
Romney wäre ein Präsidentenpraktikant und die Vorstellung, er könne bald außenpolitische Verantwortung tragen, ist einfach nur grotesk. Hoffentlich reißt Obama, der vier Jahre lang ziemlich enttäuscht hat, das Ruder noch herum.
3. optional
J.F.K. 17.10.2012
"Auch um die weiblichen Wählerinnen wurde hart gerungen." Gibt's auch männliche Wählerinnen?
4. The president strikes back...just a bit
finchen0598 17.10.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Präsident stand unter Druck, doch es war der Herausforderer der ins Schlingern geriet. Im zweiten TV-Duell im US-Wahlkampf lieferten sich Barack Obama und Mitt Romney eine intensive Debatte. Beim Thema Libyen geriet Romney ernsthaft in Bedrängnis. Laut ersten Umfragen hat Obama knapp gewonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-wahlkampf-obama-und-romney-im-zweiten-tv-duell-a-861700.html
Obama schlägt zurück...es bleibt wohl spannend... Obwohl ich immer noch nicht recht glauben kann, dass das amerikanische Wahlvolk so viel uninformierte Bürger hat, die sich ausschliesslich aufgrund der TV Duelle entscheiden....
5. Irgendwie gruselig
ratxi 17.10.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Präsident stand unter Druck, doch es war der Herausforderer der ins Schlingern geriet. Im zweiten TV-Duell im US-Wahlkampf lieferten sich Barack Obama und Mitt Romney eine intensive Debatte. Beim Thema Libyen geriet Romney ernsthaft in Bedrängnis. Laut ersten Umfragen hat Obama knapp gewonnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-wahlkampf-obama-und-romney-im-zweiten-tv-duell-a-861700.html
Es ist schon irgendwie gruselig, dass einige wenige Sätze darüber entscheiden können, wer jahrelang die Weltpolitik anführen wird. Und das, wo sich bei angenommenen ca. 50% Wahlbeteiligung gerade mal 25 % plus x der Wahlberechtigten eines Landes für jenen Mann entscheiden.
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Staats- und Regierungschef: Barack Obama

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