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US-Wahlkampf: Obama unplugged

Von Gabor Steingart, Washington

Manchen erscheint Präsidentschaftskandidat Barack Obama wie der Heiland amerikanischer Politik. Ein Ausflug in die Niederungen des Vorwahlkampfs offenbart Ernüchterung: Der Mann hält nicht, was der Hype um ihn verspricht.

Washington - Beginnen wir mit dem Schluss: Barack Obama hat gerade seine Rede vor knapp 200 Bewohnern des Washingtoner Armenviertels Anacostia beendet. Es war eine Grundsatzrede, die von Armut und Reichtum handelte. Er hat alles gesagt, was man sagen muss, wenn man die armen Teufel für sich einnehmen will. Er hat reichlich das verteilt, was die Kampagnenmanager "soul food" nennen, Seelennahrung.

Und dann dieser erbärmliche Schlussapplaus! Er beginnt in der ersten Reihe, da wo die lokalen Honoratioren sitzen, er schleppt sich über die Reihen vier und fünf hinweg, wo eine Horde klatschfauler Jugendlicher lümmelt, mit Mühe erreicht er die letzte, die 14. Stuhlreihe, um dort zu verenden. Der Mann am Rednerpult, eben noch als der "nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika" angekündigt, ist im Abgang von Stille umgeben. Der Applaus trägt ihn nicht mal bis in die Kulisse. Seine Schuhe klackern auf dem Holzboden.

Das Publikum in der kleinen Vortragshalle der örtlichen Sozialstation, keine zehn Meilen vom Weißen Haus entfernt, reagiert damit nicht etwa ungnädig, nur ehrlich. Der Senator aus Illinois ist erkennbar nicht die Erscheinung, für die er verkauft wird. Als "Star der Schwarzen" wurde er bezeichnet; das war am Anfang, als man noch bescheiden war. Dann griffen die Politikverkäufer ins obere Regal: Der neue Kennedy, der neue Luther King, der erste schwarze Präsident.

In den großen Hallen tun professionelle Wahlkampfhelfer seither vieles, um die Etiketten zu rechtfertigen. Sie verfassen ihrem Schützling schmissige Redetexte, sie bringen Plakate mit, aus der Menge heraus versuchen sie, Klatschlawinen loszutreten. Jeder, der im Internet ein Obama-Shirt kauft, eine Basketballmütze oder einen Aufkleber, wird als Spender registriert. Eine "Graswurzel-Revolution" sei im Gange, wird geraunt.

Im Fernsehen funktioniert die Inszenierung perfekt

Auch im Fernsehen funktioniert die Inszenierung "Obama wird Präsident" ziemlich perfekt. Seine langen Arme sind zum Umarmen und Händeschütteln wie gemacht, sein Gesicht kann er auf Knopfdruck zum Strahlen bringen, beides zusammen wirkt in den Sekundenspots der Nachrichtensendungen derart charismatisch, dass der Kennedy-Vergleich zumindest zulässig erscheint.

Doch diese Projektion reicht weit über den Politiker hinaus. Das Publikum in der Washingtoner Armensiedlung weiß mehr, es hat Obama unplugged erlebt.

Da steht dann dieser Mann, überladen mit Erwartungen, und redet hölzern daher. Die Arme hängen minutenlang wie nasse Nudeln an ihm. Im strengen Sinne hält er eigentlich gar keine Rede, sondern liest einen Text vor, Wort für Wort, was dem Pathos etwas Künstliches, fast Albernes verleiht. "Wenn ich Präsident bin", begann er des Öfteren seine Sätze.

Fragen möchte der junge Senator lieber nicht beantworten. Dafür gibt es eine Internet-Seite. Er buchstabiert seinen Namen.

Obamas Stimme ist männlich fest, oft laut. Manchmal auch zu laut. Er will erkennbar das Aroma einer Führungskraft verströmen, weshalb er den Worten durch die Phonzahl auf die Sprünge hilft.

Die Substanz dessen, was er sagt, ist politisch für die Zuhörer in der Sozialstation nicht sonderlich provokant, dafür sehr gefällig. Obama ist in dieser frühen Morgenstunde des US-Wahlkampfes der Kandidat der Bequemlichkeit. Er sagt lauter richtige Sachen. Man kommt aus dem Nicken kaum heraus.

Die Zukunft eines Kindes dürfe nicht vorgezeichnet sein, bevor das Kind überhaupt seine ersten Schritte ins Leben tut. Jawohl. Niemand könne gut lernen, wenn die Schule nur alte Bücher und schlechte Lehrer anbietet. Bravo. Es sei kein Wunder, dass sich arbeitslose Jugendliche einer Bande anschließen, wenn es für sie keine Jobs gibt und der erfolgreichste Geschäftsmann in der Nachbarschaft ein Drogenverkäufer sei. Jemand ruft "Yeah!" in den Saal.

Obama vergleicht Äpfel mit Birnen

Und dann tut Obama das, was Populisten am liebsten tun: Er vergleicht Äpfel mit Birnen. Ein Kinderprojekt in Harlem, das er gerne auf ganz Amerika ausweiten würde, kostet pro Jahr rund 46 Millionen Dollar. So viel Geld werde im Irakkrieg an einem Vormittag verpulvert, sagt er. Lasst uns diese Gelder besser investieren, ruft er seinen Text in die Halle. Der Applaus spricht für die Wirksamkeit solcher Vergleiche. Aber er spricht auch gegen den Kandidaten.

Kinderspielzeug statt Kriegsgerät ist der sicherste Weg für Amerika, den Status als Supermacht zu verlieren. Die Auseinandersetzung mit einem aggressiven Islam lässt sich so nicht bestehen. Das weiß natürlich auch Obama, weshalb er in einem Aufsatz für "Foreign Affairs" ausführlich beschreibt, was das US-Militär seiner Ansicht nach dringend braucht: Eine "Revitalisierung", also mehr Geld, mehr Soldaten, vor allem "zusätzliche Bodentruppen", hier schwebt ihm eine Aufstockung um knapp 100.000 Männer und Frauen vor. Mehr als alles andere sei ein starker Militärapparat notwendig, um den Frieden zu erhalten, schreibt er da.

Aber wer liest in den Ghettos schon "Foreign Affairs"? So leistet die mangelnde Bildung der Unterschicht, die der Sozialpolitiker Obama beklagt, dem Außenpolitiker Obama wertvolle Dienste.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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1.
furtherinstructions, 19.07.2007
Nun hat Gabor Steingart Obama live erlebt, ich bekomme immer nur emails von seiner Wahlkampfleitung. Doch die Szene wie Steingart sie beschreibt klingt ziemlich nach einem Auftritt den der fiktive Präsidentschaftskandidat Bartlett in der Serie West Wing hatte. Ich muss offen gestehen, auch als bekennender Atlantiker, mir ist es fast egal wer die Wahl gewinnt, hauptsache der Bush/Cheney Alptraum der die Welt acht Jahre geschüttelt hat ist endlich vorüber. Sollte Obama also wirklich noch Defizite haben, kann gut sein. Um so besser für Hillary, die braucht im Zweifel ja einen guten Vize. Ehrliche, intelligente und von ihrer Sache überzeugte kompetente Persönlichkeiten sind bitter nötig um die USA aus diesem Taumel in den Abgrund zu befreien. Ich glaube Obama hat das Zeug dazu.
2. Bitte um Belehrung
schafimwolfpelz 19.07.2007
Ernsthafte Frage: Wie wir alle wissen, haben weder Frau Clinton noch Herr Obama die mindeste Chance in absehbarer Zeit Präsident zu werden.Warum also kandidieren sie ? Und warum gelingt es ihnen, Großspender zu Zahlungen zu motivieren ?
3.
Al Dente, 19.07.2007
Zitat von sysopManchen erscheint Präsidentschaftskandidat Barack Obama wie der Heiland amerikanischer Politik. Ein Ausflug in die Niederungen des Vorwahlkampfs offenbart Ernüchterung: Der Mann hält nicht, was der Hype um ihn verspricht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,495325,00.html
Typisch Steingart, alles Soziale als naiv und unbezahlbar hinzustellen. Mit der Realität hat das aber nichts zu tun, es ist für mich schlicht lächerliche, neoliberale Propaganda.
4. Wenn...
klaus1201, 19.07.2007
---Zitat--- Ein Ausflug in die Niederungen des Vorwahlkampfs offenbart Ernüchterung ---Zitatende--- ...hier jemand in die Niederungen abgerutscht ist, ist es der Autor Steingast.
5. Machen andere Politiker das anders?
Bewusstsein 19.07.2007
Zitat von sysopManchen erscheint Präsidentschaftskandidat Barack Obama wie der Heiland amerikanischer Politik. Ein Ausflug in die Niederungen des Vorwahlkampfs offenbart Ernüchterung: Der Mann hält nicht, was der Hype um ihn verspricht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,495325,00.html
Gut formulierter und kritischer Artikel. Natürlich versuchen Politiker mit allen Mitteln nach Wählern zu fischen. Machen andere Politiker das anders? Deshalb, ist der wichtigste Absatz dieser: "Aber darf man Wahlkampfreden überhaupt so ernst nehmen? Besser nicht, sagen die Betroffenen. US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der ein großer Kriegspräsident und ein leidenschaftlicher Wahlkämpfer war, hielt es sogar für unangemessen, ihn an seinen oft großmäuligen Wahlversprechen zu messen: "Eine Wahlkampfrede", belehrte er seine Kritiker, "ist ein Plakat, kein Kupferstich."
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