US-Wahlkampf Palin-Effekt stellt Prognosen auf den Kopf

Sarah Palin ist die Wunderwaffe für die Republikaner: Dank der Vize-Kandidatin führt John McCain jetzt in Umfragen. Demokrat Barack Obama ist in Alarmstimmung - der Wahlkampf wird viel brutaler und spannender als erwartet.

Von , New York


New York - Sie wollen es als Geste der Einheit verstanden wissen. Als Zeichen, dass sie trotz ihrer Rivalität am Ende doch eines gemeinsam haben - ihre Sorge um das Wohl der Nation. "Wir werden die Politik beiseitelassen und zusammenfinden", versprachen John McCain und Barack Obama. Und zwar "vereinigt als eine amerikanische Familie".

John McCain und Barack Obama mit dem Evangelikalen Rick Warren (Mitte) im August in Lake Forest: Völlig veränderte Wahlkampflandschaft
REUTERS

John McCain und Barack Obama mit dem Evangelikalen Rick Warren (Mitte) im August in Lake Forest: Völlig veränderte Wahlkampflandschaft

Dieses kleine Wunder soll sich am Donnerstag dieser Woche ereignen - dem siebten Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001. Dem wollen die zwei US-Präsidentschaftskandidaten gemeinsam gedenken, in einer einmaligen Schau überparteilicher Solidarität direkt an Ground Zero, wo einst das World Trade Center stand. Wenigstens für einen Tag wollen sie darauf verzichten, 9/11 wahlkampfpolitisch auszuschlachten, und stattdessen jene "Gemeinschaftlichkeit erneuern", die die USA in den Wochen danach so prägnant verspürten.

Eine bewegende Idee, und natürlich ebenso kurzlebig. Wie kurzlebig, zeigte sich bereits am Wochenende, als die beiden Wahlkampfteams besagte 9/11-Erklärung - ihre erste gemeinsame - herausgaben. Nicht mal eine Stunde später jagte Obama-Sprecher Hari Sevugan eine geharnischte E-Mail an die Reporter hinterher, in der er McCains Position zur Rentenform im Detail zerpflückte, gefolgt von McCains bezeichnender Nicht-Antwort auf die Frage, wie viele Häuser er denn besitze: "Ich glaube ... ich werde veranlassen, dass meine Leute Sie deswegen kontaktieren."

Der 9/11-Waffenstillstand kann nicht davon ablenken, dass sich McCain und Obama ab dieser Woche heftiger bekriegen werden denn je. 58 Tage bleiben ihnen noch bis zum Wahltag - ein Endspurt, der auf einmal viel brutaler, unberechenbarer wird als gedacht.

Denn nach ihren jeweils hochdramatischen Wahlparteitagen - der demokratische geprägt von der Clinton-Saga, der republikanische geprägt von McCains brillantem Sarah-Palin-Coup - stehen beide Lager nun vor einer völlig veränderten Wahlkampflandschaft. Wer vor Denver und St. Paul gedacht hatte, er wisse, wie das Rennen laufe, muss umdenken.

40 Millionen TV-Zuschauer verfolgten die Palin-Rede

"All bets are off", sagen die Amerikaner dazu, wenn die Karten derart neu gemischt werden: Jetzt ist alles wieder möglich. McCains Einfall, die kecke, telegen-charmante, doch stramm im rechten Parteiflügel verwurzelte Alaska-Gouverneurin Palin zur Vize-Kandidatin zu küren, war, was man hier einen "game changer" nennt: Damit hat er alle Prognosen, alle Chancen und alle Wahlstrategien auf den Kopf gestellt und, so das "New York Magazine" heute, "blutige, neue Realitäten" geschaffen.

Bei der Parteitagsrede der 44-Jährigen saßen rund 40 Millionen Zuschauern vor dem Fernseher, mehr als bei den Reden McCains und Obamas - oder auch bei den Clintons. Am Wochenende versammelten sich 13.000 Fans auf einem Flugfeld in Colorado Springs, um McCain und Palin zu bejubeln. Solche Mengen, sonst das Markenzeichen Obamas, hatte der 72-jährige Senator bisher nie alleine bewegen können.

Erste Umfragen scheinen den Trend zu bestätigen - so man ihnen in einem solch volatilen Klima überhaupt noch glauben kann: In der täglichen Gallup-Erhebung ist McCain mit drei Prozentpunkten an Obama vorbeigezogen. In anderen Umfragen liegen die Kandidaten Kopf an Kopf. Und in manchen umkämpften "battleground states", jenen Bundesstaaten, die auf der Kippe stehen, schwingt das Pendel zu McCain.

Und so verlieren die beiden Duos keine Zeit, um in diese Staaten aufzubrechen. Denn Grundlage aller Überlegungen ist dabei, dass landesweite Umfragen - die sich bei der Wahl in der Gesamtstimmenverteilung ausdrücken - unerheblich sind. Stattdessen siegt, wer die meisten Bundesstaaten gewinnt, beziehungsweise deren Wahlmännerstimmen.

Die Ambitionen sind dabei diesmal weitaus größer als in früheren Wahlen, wo die Kandidaten ihre Zeit und ihr Geld meist nur in ein paar entscheidende, wankelmütige Staaten investierten und die anderen kampflos dem Gegner überließen.

Obama will überall gewinnen

Obama verfolgt erstmals eine "50-Staaten-Strategie" und hat dazu überall wahre Armeen an Helfern in Stellung gebracht - was er sich mit seiner prallen Wahlkampfkasse leisten kann. Er hofft, nicht nur die Staaten zu halten, in denen 2004 John Kerry siegte, sondern dem Gegner darüber hinaus auch "wacklige" Staaten wie Ohio, Michigan, Colorado, New Mexico, Nevada und New Hampshire abspenstig zu machen - sowie "republikanisch geneigte", doch nicht hundertprozentig sichere Staaten (etwa Florida, Missouri, Indiana, Georgiaund North Carolina).

In diesen Staaten der Mittelklassewähler jedoch, so hofft wiederum McCain, kann Palin seine neue "Wonder Woman" werden. Lange organisatorisch im Hintertreffen, holt er dort im Kampf an der Basis bereits jetzt spürbar auf. Schon melden die Konservativen (sprich: Waffenfreunde, Abtreibungsgegner, Verfechter der "family values") überall einen kräftigen Motivationsschub - dank Sarah Palin, der Tundra-Trapperin mit Waffenschein. Nach deren Bestallung seien viermal so viele freiwillige Wahlhelfer aufgekreuzt, berichtet McCains politischer Direktor Mike DuHaime. Und das trotz langem Feiertagswochenende.

Auch hat es das McCain-Team vorerst geschafft, Obamas erfolgreiches Mantra von "Change" (Wandel) zu kopieren, zumindest was Image und Rhetorik betrifft. Sie inszenieren Palin als glaubwürdige Washington-Außenseiterin - glaubwürdiger als Obama oder sein Vize Joe Biden, beides Senatoren. Oder auch als McCain selbst, der seit 1982 in Washington ist.

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