US-Wahlkampf Radikal, einfach, erfolgreich

Gott, Drogen, freie Märkte: Der extrem-liberale US-Präsidentschaftsbewerber Ron Paul wirbt mit einer speziellen Mixtur um die Gunst der Republikaner. Der 76-Jährige lockt seine jungen Fans mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen - und strickt dabei eine hübsche Verschwörungstheorie.

Von , Washington

REUTERS

Ron Paul hat keine Anhänger. Ron Paul hat Jünger. Er ist alt und radikal. Sie sind jung und hungrig. Studenten die meisten, irgendwas Technisches, ein Leben im Internet. Nerds mit Sendungsbewusstsein. Sie wollen Paul zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika machen. "Fan-Site", nennt der pfiffige Alte seine Seite im Netz und ruft dort die "Ron Paul Revolution" aus.

"Es scharen sich so viele junge Leute um Doktor Paul, weil seine Ideen jung sind und es um Freiheit geht", sagt Joseph Pauli. Der 25-Jährige ist im Oktober wegen Paul nach Washington gekommen, zu einer Veranstaltung erzkonservativer Christen. "Gipfel der Wertewähler" nennen sie das. Und weil die Truppen von Doktor Paul prima organisiert sind, werden seine Studenten mit Bussen pünktlich zur Probeabstimmung über die republikanischen Präsidentschaftskandidaten zum Tagungshotel gekarrt. Paul gewinnt.

Die Jünger jubilieren, die Wertewähler buhen.

Der gelernte Gynäkologe, der Amerikas 45. Präsident werden will, ist schwer zu fassen. Er ist konservativ. Und radikal-liberal. Als Pate der Tea-Party-Bewegung gilt er manchen wegen seines Kampfs gegen die Steuern und gegen die Regierung. Deutschlands Marktliberale würden sich die Finger lecken.

Paul gehöre nicht zum Establishment, sagt der Student Pauli. Tatsächlich? Der Mann sitzt seit drei Jahrzehnten für Texas' 14. Kongressdistrikt im Parlament und ist schon 76 Jahre alt. Das dritte Mal hat er sich jetzt in den Kampf ums Weiße Haus gestürzt, nach 1988 und 2008. Seine Auffassungen haben jedes Mal für Wirbel und Aufsehen gesorgt:

  • Die Steuern im Niedrigsteuerland Amerika sollen massiv sinken - oder besser noch: verschwinden. Etwa die Einkommensteuer. Dem Staat gehöre schließlich nicht das Leben der Bürger, meint Paul. Überhaupt: Schon Marx und Engels hätten diese Art der Besteuerung gelobt. Also weg damit.
  • Allein im ersten Jahr seiner erhofften Präsidentschaft will Paul eine Billion Dollar einsparen; die Ministerien für Energie, Bildung, Inneres, Wirtschaft und Städtebau sollen abgeschafft werden.
  • Auch die Umweltschutzagentur EPA sowie die für Flughafensicherheit zuständige Bundesbehörde sollen dran glauben. Sicherheit im Flugverkehr sollte Privatsache der Airlines sein, meint Paul.
  • Er ist gegen Abtreibung.
  • Legalisierung von Drogen? Darüber sollen die Bundesstaaten entscheiden. Paul selbst hätte offenbar kein Problem mit der Freigabe von Heroin. "Wie viele Leute hier würden Heroin nehmen, wenn es legal wäre?", rief er jüngst bei einer TV-Debatte ins Publikum: "Ich wette, niemand hebt die Hand."
  • Die Anschläge des 11. September 2001 wertet Paul als Ergebnis jahrelanger Besetzung fremder Länder durch die USA: "Denkt mal darüber nach, wie ihr euch fühlen würdet, wenn ein anderes Land die Vereinigten Staaten besetzt, Militärbasen installiert und Soldaten in eure Städte schickt." Die tödliche Attacke auf Top-Terrorist Osama Bin Laden im Frühling hat er abgelehnt.

Und so weiter. Es ist eine krude, eine polarisierende Mixtur, die Ron Paul da kredenzt. Seine Anhängerschaft stört das nicht. In Umfragen liegt der Präsidentschaftsbewerber seit Monaten stets stabil bei rund zehn Prozent - während nahezu alle anderen Kandidaten einem Auf und Ab unterworfen sind: Erst schossen die Werte von Tea-Party-Ikone Michele Bachman in die Höhe. Dann kam der Absturz. Nicht anders erging es zuletzt auch dem texanischen Gouverneur Rick Perry. Derzeit hat Ex-Pizza-Unternehmer Herman Cain sein Hoch.

Gepachtete Wahrheit

Wird aber Politik zur Glaubensfrage, spielt der Wettstreit der Argumente keine Rolle mehr. Was ist Pauls Jüngern noch zu entgegnen, wenn sie doch im Besitz der einen, seligmachenden Wahrheit sind? Herman Cain, der Mitbewerber, hat sich schon beklagt über die jungen "Radikalinskis" aus Pauls Lager, die überall da, wo er auftauche, zu agitieren suchten.

Und wenn es dann doch keine Chance gibt auf die Präsidentschaftskandidatur - weil zehn Prozent eben zehn Prozent sind - dann sind schließlich die Verschwörungstheoretiker am Zug.

Weil Ron Paul der einzige gewesen sei, der die Finanzkrise vorhergesagt habe, meinen sie, würde nun die Finanzindustrie im Verbund mit den Etablierten seine Kandidatur verhindern wollen. Die Medien müssen natürlich auch mit im Bunde sein. Paul selbst hat sogar schon darüber geklagt, dass zu wenig über ihn berichtet werde.

"Meine Weisungen kommen von unserem Schöpfer"

Es ist ja nicht so, dass Polit-Opa Paul ein Unsympath wäre. Keinesfalls. Er lässt nur keine Zwischentöne zu, seine Antworten sind radikal einfach. Finanzkrise? Zurück zum Goldstandard! Weg mit der FED! Die Regierung? Ist absolutistisch und des Teufels. "Wir haben akzeptiert, dass der König auf uns aufpasst. Aber ich ziehe Gott als den echten König vor. Meine Weisungen kommen von unserem Schöpfer."

Das Einfache wirkt sexy. Gerade auf junge Amerikaner, die sich bei all dem wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Schlamassel, in dem das Land steckt, um ihre Zukunft betrogen fühlen. Sogar auf anti-kapitalistischen Occupy-Wall-Street-Demonstrationen kann man Plakate mit dem Namen des Mannes finden, der doch der Menschheit just das freie Spiel der Märkte als Allheilmittel verschreibt. Neulich gab er den Afrikanern diesen Tipp.

Zuletzt ist es der außenpolitische Totalausfall der anderen Republikaner-Kandidaten, den Ron Paul für sich zu nutzen weiß. Während Rick Perry den Indern F-16-Kampfjets gegen die Taliban empfiehlt, Mitt Romney den Etat des Verteidigungsministerium noch aufstocken will - mit welchem Geld eigentlich? - und Herman Cain über den Namen eines US-Verbündeten witzelt ("Ubeki-beki-beki-beki-stan-stan") hat der alte Mann eine klare Botschaft: Isolationismus. Er will alle US-Truppen heimholen, Militärbasen im Ausland schließen, Hilfsgelder stoppen.

Im kriegsmüden Amerika punktet er damit. Er habe doppelt so viele Spenden von aktiven Soldaten erhalten wie alle andere Republikaner-Kandidaten zusammen, hat Paul gerade erklärt. Warum, fragte er jüngst, sollten die Amerikaner etwa das "sozialistische" System in Deutschland weiter finanzieren.

Bei seinen Jüngern kam das ziemlich gut an.

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Seite 1
bleifuß 01.11.2011
1. ...
Zitat von sysopGott, Drogen, freie Märkte: Der radikal-liberale US-Präsidentschaftsbewerber Ron Paul wirbt mit einer speziellen Mixtur um die Gunst der Republikaner. Der 76-Jährige lockt seine jungen Fans mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen - und strickt dabei eine hübsche Verschwörungstheorie. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794724,00.html
Welche Voraussetzungen bedarf es, als radikal tituliert zu werden? Wer setzt da die Maßstäbe?
dongerdo 01.11.2011
2. -
Zitat von sysopGott, Drogen, freie Märkte: Der radikal-liberale US-Präsidentschaftsbewerber Ron Paul wirbt mit einer speziellen Mixtur um die Gunst der Republikaner. Der 76-Jährige lockt seine jungen Fans mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen - und strickt dabei eine hübsche Verschwörungstheorie. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794724,00.html
Der Artikel ist etwas unfair. Angedeutet wird dass es sich bei Paul um einen erzkonservativen Evangelikalen handelt der den gesamten Staat radikal-liberal umbauen will. Das ist so nicht richtig. Grundlegend ist Paul ein umfassender Verfechter der US-Verfassung - ja er will die US-Regierung massiv verkleinern, etliche Ministerien abschaffen und und und. ABER - und das ist der entscheidende Punkt - argumentiert er damit, dass Washington diese gemäß der Verfassung erst gar nicht zugestanden hätten und diese somit in die Hand der Bundesstaaten gehören. Darüber hinaus hat Paul immer wieder für Gesetze gestimmt die die Religionsfreiheit stärken: er hat zwar aus seinem Glauben nie einen Hehl gemacht, legt aber (im Unterschied zu den richtigen Evangelikalen) GRÖßTEN Wert auf den säkularen Staat an sich. Und so weiter und so fort.... Es ist zwar nett dass es Mal einen Artikel über Paul gibt, aber der Unterton in diesem wird dem Mann nicht einmal annähernd gerecht und lässt ihn wie einen christlichen "nutjob" erscheinen - das ist schlecht recherchiert und unnötig...
ryul 01.11.2011
3. Titel:
Zitat von sysopGott, Drogen, freie Märkte: Der radikal-liberale US-Präsidentschaftsbewerber Ron Paul wirbt mit einer speziellen Mixtur um die Gunst der Republikaner. Der 76-Jährige lockt seine jungen Fans mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen - und strickt dabei eine hübsche Verschwörungstheorie. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794724,00.html
Ich glaube ich sollte SPON bald den Rücken zukehren... Ich habe einige Reden von ihm auf Youtube gespannt zugehört und sehr, SEHR viel Wahrheit herausgehört. Aber was hier als "Verschwörung" getitelt wird kann ich sowieso nicht nachvollziehen, aber SPON brauch wohl wieder ein paar notgeile Artikel. Bei all den Präsidentschaftskandidaten ist Ron Paul in meinen Augen der einzige mit Charisma und Ar... in der Hose um den Verrückten in diesem Land den Harke zu zeigen.
Zahldrohne 01.11.2011
4. :)
Wenn deutsche Medien die Ansichten von jemandem als "krude" bezeichnen, müssen sie ganz vernünftig sein. "Krude" ist dafür echt das Signalwort geworden. Auch so denke ich, dass er noch am ehesten zu den amerikanischen Politkern gehört, die etwas verstanden haben. Auch wenn man sich tatsächlich fragen muss, ob er wirklich außerhalb des Establishments stehen kann.
Hook_ 01.11.2011
5. ...
War nur eine Frage der Zeit, bis die Massenmedien Ron Paul nicht mehr totschweigen können, wie sie es die letzten Jahre systemgehörig hielten. Nun wird versucht ihn lächerlich zu machen. Wie vor Wochen noch die 99% Bewegung. Das System liegt in den letzten Zügen....und das ist gut so.
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