US-Wahlkampf "Rassismus gegen Obama geschieht unbewusst"

In Umfragen liegt Obama vor McCain. Trotzdem halten es Demoskopen für möglich, dass sich viele weiße Wähler in letzter Minute gegen den afroamerikanischen Kandidaten entscheiden. Der US-Sozialpsychologe Philipp Goff erklärt im Interview, wie rassistische Stereotypen den Wahlkampf prägen.


SPIEGEL ONLINE: Ihr Forschungsschwerpunkt lautet "Rassismus ohne Rassisten". Was heißt das für den Wahlkampf des ersten afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama?

Obama als Affe: Ein Händler in Georgia verkauft T-Shirts mit rassistischen Motiven
AP/ Marietta Daily Journal

Obama als Affe: Ein Händler in Georgia verkauft T-Shirts mit rassistischen Motiven

Philipp Goff: Ich sage nicht, dass der klassische Rassist in den USA ausgestorben ist. Es gibt immer noch eine Menge solcher Leute. Sie würden niemals für einen Demokraten stimmen, also auch nicht für Obama. Aber wir konzentrieren uns in Amerika - und bei den Analysen dieses Wahlkampfs - zu sehr auf diese Unbelehrbaren. Das Rassenthema spielt sich vor allem im Unterbewusstsein ganz normaler Bürger ab. Das Ergebnis: Auch viele Menschen, die sich überhaupt nicht als rassistisch ansehen, könnten am 4. November wegen seiner Hautfarbe nicht für Obama stimmen - weil bei ihnen rassistische Stereotypen aktiviert wurden.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das vorstellen?

Goff: Experimente zeigen, dass Weiße - und übrigens auch Schwarze - sich bei Job-Einstellungen unbewusst gegen schwarze Bewerber entscheiden, selbst wenn alle Voraussetzungen gleich sind. Wir haben auch Experimente mit weißen Studenten durchgeführt: Wir zeigten ihnen zunächst blitzschnell Bilder von weißen oder schwarzen Gesichtern, dann stark verschwommene Affen-Zeichnungen. Hatten sie erst schwarze Gesichter gesehen, erkannten sie viel rascher in den Zeichnungen Affengesichter - obwohl sie gar nicht wussten, dass Schwarze früher oft mit Affen verglichen wurden. Ähnlich lief es, als wir den Studenten erst "affenbezogene" Worte vorlegten und dann ein Video zeigten, in dem ein Afroamerikaner von Polizisten verprügelt wurde. Sie waren daraufhin eher geneigt, dieses Verprügeln zu rechtfertigen. Sahen sie hingegen ein Video von einem weißen Verprügelten, war das nicht der Fall. Solche Assoziationen zeigen: Viele Menschen sehen unbewusst Afroamerikaner immer noch als niedere Wesen an.

SPIEGEL ONLINE: Und solche Stereotypen lassen sich gezielt aktivieren?

Goff: Das erleben wir ja gerade in diesem Wahlkampf. Ich habe Affenmasken mit Obamas Konterfei gesehen und T-Shirts, auf denen er mit einem Affen verglichen wird. Auch die Frage, die John McCain jetzt immer wieder über seinen Rivalen stellt, aktiviert Stereotypen: "Wer ist der wahre Barack Obama?" Sie impliziert, dass er irgendwie doch der "typisch schwarze" Kandidat sein könne, vor dem Weiße Angst haben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieses Vorgehen mit den "coded messages" vergleichbar - versteckt rassistischen Botschaften, mit denen die Republikaner nach dem Streit um die Rassentrennung im Süden der USA bei weißen Wählern punkteten?

Goff: Für mich ist das genau dasselbe. Wenn ich mir die Zuschauermengen bei Palin/McCain-Veranstaltungen anschaue, erinnert mich das mittlerweile an einen weißen Lynch-Mob im Süden. Wir wissen also noch nicht, wie viel Fortschritt wir wirklich in den Rassenbeziehungen gemacht haben - und ob solche Botschaften noch Wahlen entscheiden können oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Manche Forscher raten Obama, rassistische Angriffe offen anzusprechen, das ließe sie weniger wirksamer werden. Sollte Obama derartige Attacken aggressiver kontern?

Goff: Das kann zwischenzeitlich helfen. Aber langfristig schadet es jedem afroamerikanischen Bewerber, wenn er zornig wirkt - oder weinerlich. Deswegen war Obama bislang so vorsichtig, seine eigene Hautfarbe zum Thema zu machen. Selbst bei den jüngsten Attacken hat er lange mit einer Antwort gezögert. Dann hat er meist seinen - weißen - Vize-Kandidaten Joe Biden antworten lassen.

SPIEGEL ONLINE: So zurückhaltend war Obama, dass er sich lange den Vorwurf gefallen lassen musste, nicht "schwarz" genug zu sein.

Goff: Die Debatte ist nicht zu Ende, sie geht weiter in der afroamerikanischen Gemeinschaft. Aber spätestens seit der Vorwahl in Iowa sehen die schwarzen Wähler, dass er gewinnen kann - darauf sind alle konzentriert und unterstützen ihn. Außerdem haben ihm die Angriffe der Clintons in den Vorwahlen geholfen. Afroamerikaner reagieren sehr empfindlich auf solche Attacken, sie haben sie oft genug erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Experten streiten aber darüber, welche Rolle die Hautfarbe am Wahltag tatsächlich spielen wird. Manche Beobachter sagen Obama ein schlechteres Abschneiden als in den Umfragen voraus, weil Wähler ihre Vorurteile gegenüber Meinungsforschern verbergen. Andere Forscher behaupten, mittlerweile sei das Gegenteil der Fall: Weiße in konservativen Gegenden behielten ihre Sympathien für Obama für sich. Was ist ihre Vorhersage?

Goff: Ich weiß es wirklich nicht, deswegen ist es ja auch so eine spannende Wahl. Deshalb schaut gerade die ganze Welt auf uns. Es kann sein, dass die USA immer noch nicht reif sind für einen afroamerikanischen Bewerber - oder dass er so deutlich gewinnt wie er gerade führt. Weil Leute in der Wahlkabine sagen: Obama hat vielleicht eine schwarze Haut, aber die Wirtschaft liegt eben in Scherben - also stört uns das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das nicht ein Riesenfortschritt in den Beziehungen der US-Ethnien?

Goff: Ich bin da vorsichtig. Schauen Sie in die Geschichtsbücher: Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs stieg die Zahl von Afroamerikanern in politischen Ämtern gewaltig. Aber kurz darauf schlug das Pendel wieder massiv um: Schwarze wurden gelyncht, im Süden herrschte strikte Rassentrennung. Wer nun sagt, mit einem Afroamerikaner im Weißen Haus seien die amerikanischen Rassenprobleme endlich vorbei, ist dumm. Das lässt zum Beispiel nicht das Problem verschwinden, dass so viele schwarze Männer in Haft sitzen oder so viele schwarze Familien in Armut leben.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Afroamerikaner reagieren, wenn Obama nicht gewinnt?

Goff: Viele Afroamerikaner glauben zum ersten Mal in ihrem Leben, dass ein Kandidat mit schwarzer Hautfarbe Präsident werden kann. Klappt das wieder nicht, werden sie nur noch schwer an den "American Dream" glauben können. Es könnte offenen Widerstand geben, gewaltsame Ausschreitungen. Noch wichtiger aber ist, dass Obama nichts zustößt. Jeden Morgen schlage ich die Zeitung auf und gucke, ob es ihm gutgeht - und ihn nicht irgendein Irrer umgelegt hat.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

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