US-Wahlkampf Republikaner attackieren Flip-Flop-Kerry

Die Helfer von US-Präsident George Bush haben einen ersten Großangriff auf den voraussichtlichen Gegenkandidaten John Kerry gestartet. Mit dem Online-Boxkampf "Kerry gegen Kerry" wollen sie ihm Wankelmütigkeit bei kontroversen politischen Themen nachweisen.


Boxspiel Kerry vs. Kerry: "Ich habe nicht gesagt..."

Boxspiel Kerry vs. Kerry: "Ich habe nicht gesagt..."

Boston - Der fiktive Kampf im Ring geht über dreißig Runden. In jeder Runde wird der Bewerber Kerry mit höchst unterschiedlichen Meinungen zu einem Thema zitiert. Vom Irak-Krieg über den Nafta-Beitritt und Steuerfragen bis hin zur Nahost-Politik reicht der Bogen, bei dem sich Kerry einmal so (Flip) und dann wieder genau gegensätzlich (Flop) geäußert haben soll.

Das grafisch simpel gemachte Online-Spiel ist ein weiterer Teil der Strategie, mit der die Republikaner den aussichtsreichsten gegnerischen Präsidentschaftsbewerber öffentlich diskreditieren wollen. Präsident Bush selbst hatte die grobe Linie diesen Woche bei einem Wahlkampfauftritt in Kalifornien vorgegeben: "Kerry war lange genug in Washington, um beide Seiten nahezu jedes Themas zu vertreten".

Das Gefährliche an dem nun veröffentlichten und per Email versendeten Boxkampf sind nicht die Bilder, sondern die harten Fakten. Jedes einzelne Zitat ist mit Quelle und Zeitpunkt genau dokumentiert, auch die "New York Times" (NYT) kam bei eigenen Recherchen zu ähnlichen Ergebnissen.

Beispiel israelischer Grenzzaun: Bei einem Treffen mit jüdischen Spitzenpolitikern Ende Februar bezeichnete Kerry die Barriere zwischen israelischen und palästinensischen Gebieten als "legitimen Akt der Selbstverteidigung". Im Oktober und im Beisein einer Arabisch-amerikanischen Gruppe bezeichnete er dasselbe Unterfangen als "provokativ und kontraproduktiv" und als "Schranke für den Frieden".

Zur Schwulenehe änderte sich Kerrys Meinung noch weitaus schneller: Am 5. Februar kommentierte er die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft mit den Worten: "Ich persönlich glaube, das Gericht liegt völlig falsch". Am 24. Februar - als er gefragt wurde, warum er die Entscheidung für nicht korrekt halte - sagte er: "Ich habe nicht gesagt, sie sei nicht korrekt".

Nach Einschätzung von Wahlkampfexperten dürfen die frühen Attacken der Republikaner keinesfalls unterschätzt werden. "Wenn Kerry es nicht schafft, sich als jemand darzustellen, der bei Wertefragen, in der Außen- und Innenpolitik eine klare Linie vertritt, dann hat das Bush-Team schon das Ziel erreicht, ihn in die Ecke zu drängen", sagte beispielsweise Donna Brazile, Ex-Wahlkampfmanagerin von Al Gore, der "NYT".

Andere Helfer des Kandidaten Kerry können selbst der offensichtlichen Unschlüssigkeit ihres Kandidaten noch viel Gutes abgewinnen. So vermutet sich der Washingtoner Anwalt Jonathan Winer, der von 1983 bis 1994 für Kerry arbeitete, gerade eine Stärke in den verschiedenartigen Äußerungen. "Zwischen dem Schwarz und Weiß, Gut und Böse von George Bush, dass die Realität verzerrt und einem, der den französischen Philosophen André Gide mit den Worten zitiert: 'versucht nicht, mich zu genau zu verstehen', sollen die Amerikaner ruhig entscheiden". Auch Kerrys Bruder Cameron, zugleich engster Berater des Präsidentschaftskandidaten, gab sich gegenüber der Zeitung betont gelassen: "Er ist kompliziert, Na und?".

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