Romneys Schlussoffensive in Virginia: Im Schweinsgalopp durch die Swing States
Bei den TV-Duellen steht es unentschieden, nun setzen die Präsidentschaftskandidaten alles auf die Wähler in den Swing States. In Virginia fegt Romney durch einen 25-Minuten-Auftritt: Eine Mischung aus Wahlprogramm, Rührseligem und Hommage an die gute alte Zeit.
Es darf wirklich nicht mehr lange dauern bis zur Wurst. Weil: Gleich soll es doch losgehen, vorne auf der Bühne. "Wissen Sie was", sagt die Frau in der Schlange vorm Hot-Dog-Stand, "wissen Sie was? Gestern haben die mich entlassen, einfach entlassen." Und ihr Mann, na, der sei ja auch schon arbeitslos.
Verdammt. Was soll sie jetzt tun?
"23 Millionen!", schallt da die Stimme des Präsidentschaftskandidaten vom Video, das sie gerade jetzt auf der Großleinwand zeigen, über die Wiese rüber zur Wurstbraterei. 23 Millionen Amerikaner seien - mehr oder weniger - ohne Job, sagt Mitt Romney. "23 Millionen plus zwei", sagt die Frau. Tja. "Wo kommen Sie eigentlich her?" Deutschland. "Ach Gott", sagt die Frau, "Sozialismus". Das tue ihr nun aber doch leid.
Am Ende könnte Virginia entscheiden
Nein, aus der amerikanischen Misere soll allein der amerikanische Weg führen. Deshalb ist sie und deshalb sind Tausende andere heute hier, in der Abenddämmerung auf dieser Wiese in Leesburg, eine Autostunde von der Hauptstadt Washington entfernt: Gleich tritt Romney auf, die Leute reden über das verlorene TV-Duell vom Vorabend, nur 20 Tage noch sind es bis zur Wahl. Eine Wahl, die sich im Acht-Millionen-Einwohner-Staat Virginia entscheiden könnte.
Denn hier liefert sich Romney mit dem Präsidenten ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wer ins Weiße Haus einzieht, das bestimmen am Ende möglicherweise ein paar tausend Wähler in Virginia. Neben den Swing States Ohio, Florida, Iowa ist der Südstaat ein Polit-Territorium, das Barack Obama und Mitt Romney jetzt Tag für Tag zu beackern suchen.
Sie versprechen alles, machen alles. Nur noch gut sechs Prozent der Wähler gelten als unentschlossen. In Iowa warnt Obama am Mittwoch wie schon im TV-Duell, ein Romney-Wahlsieg würde den Interessen der Frauen schaden. Diese wichtige Wählergruppe - bei der Obama stets einen Vorsprung hielt, Romney zuletzt aber aufholte - rückt zweieinhalb Wochen vor der Wahl in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung.
Romneys Endspurt ist besonders beeindruckend. Weil der Mann gleich in alle möglichen Richtungen spurtet - viel hilft viel: in die Mitte, in die Emotionen, in die gute alte Zeit. Dafür braucht der Kandidat in Virginia exakt 25 Minuten; die ein, zwei Späßchen schon mitgerechnet. Das muss jetzt alles zackzack gehen in Romneys Best-of-Wahlkampf.
Aber der Reihe nach.
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Romneys Spurt zur Mitte: Der Kandidat ist am Tag danach noch nicht durch mit dem verlorenen TV-Duell gegen Obama. Der Präsident sei schließlich eine Menge Antworten schuldig geblieben: "Er hatte fürs erste Jahr seiner Amtszeit ein Immigrationsgesetz versprochen", ruft Romney, aber daraus sei nichts geworden. Der Kandidat der Republikaner hatte noch im Vorwahlkampf illegale Immigranten sogar per "Selbst-Abschiebung" außer Landes bringen wollen.
Weiter geht's mit "Medicare", der staatlichen Krankenversicherung für die Alten. Die wolle Obama kürzen, warnt - nicht ganz der Wahrheit folgend - Romney. Hinzu kommt: Paul Ryan, sein Vize-Kandidat, hat selbst einen Plan mit massiven "Medicare"-Kürzungen vorgelegt. Und auch die weiblichen Wähler vergisst Romney nicht: Heute würden 3,6 Millionen Frauen mehr in Armut leben als zur Zeit der Amtsübernahme Obamas. - Romneys Spurt in die Emotionen: Um nicht mehr kühl, opportunistisch, abgehoben zu wirken, weiß der Kandidat nun Rührseliges zu berichten. Zum Beispiel die Sache mit der US-Fahne: Da übergaben einst die amerikanischen Pfadfinder der Raumfahrtbehörde Nasa ein Star Spangled Banner, damit diese es ins All und wieder zurück bringen möge: an Bord der "Challenger". Die verunglückte 1986, die Fahne aber blieb unversehrt. Romney hat sie später berührt: "Es elektrisierte mich", berichtet er jetzt. Die Menge schweigt. Doch dann fliegt ein Hubschrauber über den Stadtpark von Leesburg und Romney, der in der Sekunde zuvor noch gerührt über Flagge und "Challenger" gesprochen hat, will einen Witz machen: "Lächeln, Leute, ihr seid im Fernsehen!"
- Romneys Spurt in die gute alte Zeit: "Ich will Amerika nicht verwandeln, ich will es wiederherstellen", sagt er mit Seitenhieb auf Obama. Alles soll wieder so werden, wie früher: billiges Benzin, gute Jobs, starkes Militär. Vor allem werde er Amerika nicht zu Europa machen, "zu einer auf die Regierung ausgerichteten Gesellschaft". Der Präsident Romney, verspricht der Kandidat Romney, werde die Amerikaner wieder zusammenbringen: "Republikaner, Demokraten, kommt zusammen!", ruft er.
Damit sind wir eigentlich durch, die Sonne ist längst untergegangen, ein Junge schlägt seine Schwester auf der Wiese mit einem aufblasbaren Romney-Lärmschläger nieder. Nur Romney will nicht aufhören. Der ist gar nicht mehr zu bremsen. Läuft die Bühne rauf und runter, winkt, sogar ein Bad in der Menge ist drin. Ungewöhnlich. Aber jetzt geht eben alles. Nur noch 20 Tage.
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- Donnerstag, 18.10.2012 – 11:26 Uhr
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Fläche: 9.632.000 km²
Bevölkerung: 310,384 Mio.
Hauptstadt: Washington, D.C.
Staats- und Regierungschef: Barack Obama
Vizepräsident: Joseph R. Biden
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